Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 3 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 3 Jft'äenttiÄ't fst für das jüdische Volk und tefftfl'infematrd. Jeder Staat hätte aber 4ts Recht» seinen Jüdischen Bürgern zu verbieten, Mensch«! und Geld nach Palästina zu exportieren, um dort den Besitz Englands tu vergrößern, um dort eine neue englische Kolonie sfcn schaffen, eine Pflanzstätte englischer Steuerzahler und engtäscher Rekruten. England hat durch die Uebernahme der Aufgabe,, im Auftrage des Völkerbundes, in Palästina ein Nationalhehn für das alte, bedrückte Judenvolk zu gründen, ein schweres, aber ehrenvolles und dankbares Werk auf sich genommen* Wird England dem Auftrage des Völkerbundes tintreu, schafft es statt des unabhängigen, Jüdischen Gemeinwesens ein englisches Dominium, dann gibt es eine moralische Position von unendlichem Werte preis, dann schadet es dem jüdischen Volke ond sich.' Der Vorschlag Wedgewoods ist ein schlechter Vorschlag. Wfe ist der gute Freund Wedgewood dahin gelangt, den Inhalt, das Um und Auf des Zionismus, die fdee vom unabhängigen Judenstaate, preiszugeben? Ist es ureigene Laune des Mannes, eine plötzliche Eingebung? Dann wäre die Sache nicht sehr schwer zu nehmen, der beste Mann geht einmal fehl. Leider liegen die Dinge nicht so. Die Mißachtung, welche Wedgewood dem Judenstäatsgedanken gegenüber an den tag legt, die Leichtigkeit, mit welcher er die zionistische Grundidee preisgibt, ist angelernt und erworben im Umgange mit den Zionisten von heute und mit ihrer Leitung. Er glaubt, nicht zionistischer sein zu 'müssen, als der offizielle Zionismus es ist. Die Mißachtung der Judenstaatsidee aber ist tief in die zionistische Organisation eingedrungen. Auf dem 15. Kongresse, dem Jubiläumskongresse, sprach man viel und von allem. Man walzte Dutzende .sentimentaler und persönlicher Erinnerungen lang und breit, tat sich in der Aufzählung kleiner und kleinster Details ein Gutes an, sprach von toten Kampfgenossen und stellte lebende auf dem Festpodium zur Schau, mit Orgelklang und Teppichbehang. Von Herzl, dem Judenstäatler, sprach niemand. Herzl und sein Judenstaat waren da, tinsichtbar, ' mihörbar, als unbequeme alte Familiengespenster, an denen man krampfhaft vorbei starrt und vorbei spricht. Kein Mann der neuen Leitung hat irgendein Verhältnis zum Judenstaate, nur einer, der hat eines. Der Referent für Organisation und Propaganda ih der Exekutive, Dr. Felix Roseriblüth, kämpft offen Und im Umherziehen gegen die Judenstaatsideel Er hat als Vertreter der Exekutive im Vorjähre', den Wiener Zionistentag beschworen, Von dem Bekenntnis zum Judenstaate als einem 'verderblichen 'Turi-'Abstand ztr nehmen. Das ist-ein 'Verhältnis! In 'der offiziellen zibni'stischen Presse wird die Juden- 'Staatsidee hiit mitleidiger Verachtung alle paar Jahre einmal* besprochen und' abgelehnt. Der zionistischen Jugend wird sie als „reaktionäre", abgestandene Utopie vergällt, aus dem Herzen gerissen. . .Jn. diese. Atmosphäre ist der Engländer Wedge- -Wöqii njheingeraten.. Ist es ein Wunder, 'daß er es Jernte^jm Jiidenstaate ein Hindernis, nichts . als ein Hindernis zu sehen, das man leichten Herzens beiseite schiebt? Warum soll.er es nicht tun, wenn er, der Engländer, glaubt, daß sich dann augenblickliche Unstimmigkeiten zwischen den Zionisten und der Mandäjarmacht leichter erledigen ließen? * Es ist ungemein charakteristisch, daß der Fall Wedgewood in der zionistischen Presse kein Echo ausgelöst hat. Er wurde einfach registriert, wie man deji. fylonatsausweis über Infektionskrankheiten, registriert. Dabei ist diese Presse sonst, weiß Gott, nicht wortarm. Sie bricht in geschwollene Leitartikel aus, wenn ein' reicher Mann in New York oder London zu bemerken geruht, daß Palästina denn doch nicht gär so'übel ist. Das regt ihre Phantasie an. Und doch ist der Fall Wedgewood entscheidend. Die innere Abkehr'vom Judenstaate hat den Zionismus krank gemacht, hat Fäulnis erzeugt, hat ihm* die bezwingende Kraft geraubt/Die äußere->Abkehr vom Judenstaate, wie Wedgewood sie em$iehlt, erniedrigt den Zionismus zur Kolonialsache ^irgendeiner Einzelmacht, zur Angelegenheit eines Dritten, sie macht den Zionismus international unmöglich. Das lehrt der Fall Wedgewood. Er lehrt, däß-es höchste Zeit ist, die Judensfeaatsidee wieder in ihr Recht einzusetzen. Es ist ein-Kampf um die Erhaltung des Zionismus, M ASSEN- EETTING Spnntag den 9. Oktober findet um 8 Uhr abends im Qlympiäsaal, i„ Rothgasse 5, ein Massenmeeting statt, ' "; bei welchem Herr Oberrabbiner Dr. Chajes über den XV. Zionistenkongreß sprechen wird, ♦♦♦♦♦♦♦♦♦❖♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦mw m*t* »»>♦»»»»♦♦»»»♦♦»< Hotel „NATIONAL S Restaurant Wien, II., Taborstraße 18 n?!'&o3 Zentrale Lage, 200 Zimmar, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewahrten Leitung des beatbekattriten Restaurators S. 0 f fl n e r VorxUgllch« Wiattttr, ungarisch« und OH! INT ALI SC MI I (rumänische) Kucht« Wienerbräu und Pilsner Urquell Der Konflikt Weidmann—Stephen Wise. Der Führer der amerikanischen Zionisten kämpft für Demokratie und energische zionistische Politik. „The New Palestine", das offizielle Organ der amerikanischen Zionisten, veröffentlicht in seiner Nummer vom 16. September 1927 eine Anzahl von Dokumenten zu dem bekannten Zwischenfall mit Stephen Wise in der politischen Kommission des Zionistenkongresses, die sehr interessant sind und die prinzipielle Stellungnahme Wises und seiner Gruppe in Warem Licht erscheinen lassen. Nachdem Dr. Wise den Kongreß protestierend verlassen hatte, sandten ihm Lipski, der Präsident der amerikanisches Zionisten, und Weizmann Telegramme nach und baten ihn dringend, zurückzukommen. Besonders interessant Ist Weidmanns Telegramm, das folgendermaßen lautet: „Habe soeben zu meiner Bestürzung gehört, daß Sie Basel verlassen haben. Kann nicht die Gründe dieses Schrittes verstehen. Sie wissen, daß kein persönlicher Konflikt zwischen .uns besteht, wenn auch Meinungsdifferenzen ..vorhanden sein mögen, welche leicht beseitigt werden , könnten. Hoffe, daß Sie nicht unter dem Einfluß von Leuten gehandelt haben, deren Staudpunkt im Zionismus Sie sicherlich nicht beeinflussen kann. Ihre Mitarbeit und Anwesenheit in dieser schweren Zeit ist .hier dringend, nötig. Wir alle bitten Sie, m kommen und die Arbeit mit uns zit vollenden. Ihr Schritt wird in einer Weise interpretiert werden, die der Bewegung schädlich ist. ich 'bin sicher, daß es. nicht Ihre Absticht sein kann, einen solchen,.Eindruck hervorzurufen. Weizmann." Auf die Telegramme von Lipski und Weizmann sandte Wise folgende Antwort, und zwar nur an Lipski: „Mein'Austritt aus der amerikanischen Delegation bleibt aufrecht a,ls wohlüberlegter Protest gegen den Versuch der Exekutive, auf die Kongreßkommission Zwang auszuüben und gegen den Standpunkt, der in Cowens Erklärung enthalten war, daß Gedanken- und Aktiönsfreiheit auch innerhalb der Grenzen der Loyalität den'Mitgliedern der amerikanischen Delegation nicht zusteht. Die Tullin- Güfedalla-Resolutipn war in i t m ei n e r Zu s t i m m u rig 1 eingebracht, -sie 'bezweckte *;-'WntftfeM)ar,' der bitteren Kritik und dem dauernden Streit über die politische Lei- Vtung der zionistischen' Angelegenheiten ein Ende zu machen und fernerhin unter der Leitung Weizmanns gemeinsam mit der Maiidatarmacht eine UeberprÜfujig der politischen und ökonomischen Grundlagen durchzuführen. Meine Demission als Vorsitzender der politischen Kommission -war notwendig; um den angedrohten Rücktritt Weizmanns von der politischen Leitung zu vermeiden, .,1m Interesse der Agency-Verliandlungen und der ökonomischen 'Krise in Palästina. Der Zwischenfall ändert nichts an meiner Loyalität gegenüber der zionistischen Sache und meiner Absicht* dem Zionismus meine volle ■Unterstützung zu geben. Bitte, meine Mitteilung der amerikanischen Delegation, der politischen Kommission, Weizmamn, Tullin'und dem Konsreßpleuum zu übermitteln. Wise." Es ist Charakteristisch, daß Lipski Angst davor hatte, dieses Telegramm trotz der ausdrücklichen Bitte der politischen Kommission wie dem. Kongreßplcnum mitzuteilen. Er hat beiden Körperschaften das Telegramm vorenthalten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, da aus dem Telegramm von Wise klar hervorgeht, daß zwischen ihm und Weizmann. ein tiefer prinzipieller Konflikt hinsichtlich der Führung der zionistischen Politik besteht und Wise ausdrücklich erklärte, daß er demissionieren mußte, um W e i z m a n n s Demission zu vermeiden. Noch deutlicher geht dieser Konflikt aus einer Erklärung hervor, die Dr. Stephen Wise nach seiner Rückkehr nach Amerika veröffentlicht hat, der wir folgende interessante Stellen entnehmen: „Der wohldurchdachte Vorschlag der politischen Kommission, deren Vorsitzender ich war, zur Stärkung Dr. Weizmanns für einige Monate ein Komitee zu bilden, welches unter seiner Leitung die politischen und ökonomischen Grundlagen der zionistischen Bewegttag kl ihrer Beziehung zur britischen Mandatarmacht prüfen und sichern sollte, hatte zur Folge, daß Dr. Weizmann drohte, sich von der Leitung zurückzuziehen. So blieb mir nichts Übrig, als selbst als Vorsitzender und Mitglied der politischen Kommission zu demissionieren. Da außerdem eine ganz unberechtigte Desavouierung der Antragsteller seitens der amerikanischen Delegation erfolgte, bin Ich auch aus dieser ausgetreten. Diese Dinge werden sich wohl nicht wiederholen, da der Zwang auf die amerikanischen Delegierten wird aufhören müssen. Die amerikanischen Delegierten werden in Hin-, kunft von den zionistischen Wählern gewählt werden und nicht mehr durch, die Konvention ernannt. „Dies, ich. wiederhole es, bedeutet kernen Bruch mit der Zionistischen Organisation und auch keine persönliche Differenz mit Dr. Weizmann, dessen große Dienste für die zionistische Sache Jch nie unterschätzen werde. Dr. Weizmann scheint zu glauben,. daß seine politische Wirkungskraft gestört, wenn nicht annulliert wird durch den Mangel an ökonomischer Unterstützung seitens des jüdischen Volkes. Manche von uns, inbegriffen die meisten Palästinenser, sind der Ansicht, daß die ungenügende ökonomische Unterstützung in hohem Maße aus unserem ungenügenden politischen Fortschritt in Palästina resultiert. Die denkbar schlechteste Behandlung jeder Schwierigkeit besteht aber in einer unangreifbaren polltischen Diktatur .. . Ich bin ein Zionist und bin es gewesen seit der Gründung der Bewegung. Ich kämpfe nicht gegen die Bewegung oder ihre Leitung. Im Interesse der zionistischen Sache und ihrer Leitung stehe ich auf der Wache gegen gewisse Tendenzen, welche unvereinbar sind mit ■ dem immanenten .de m okr a11 sche n< Gh a r a k t e r der zionistischen Bewegang." .. . Diese Erklärung ist* wie uns scheint, sehr klar und unzweideutig. Der prinzipielle Gegensatz zwischen Doktor Weizmanns politischer Konzeption, die die schlechte politische Lage mit dem Mängel an Geld erklärt, und der politischen Auffassung, für welche die Radikalen, zusammen mit den Revisionisten seit Jahren kämpfen, und die umgekehrt die tiefe Unzufriedenheit großer Teile des jüdischen Volkes mit der Lage in Palästina als die Ursache ihrer mangelnden Beteiligung betrachtet, wird hier von Dr. Wise. in ganz klaren Worten zum Ausdruck gebracht, wobei er sich offen zur oppositionellen Auffassung bekennt Seine Kritik der poetischen „Diktatur", die bei uns besteht, und sein, Gelöbnis, alle antidemokratischen Tendenzen In der Organisation zu bekämpfen, sind auch so deutlich, daß ein Kommentar fiberflüssig ist. Es ist zu beachten, daß sowohl die Antwort von Dr. Wise wie vor allem seine Erklärung nach seiner Rückkehr nachv Amerika nicht in der Erregung des Momentes abgegeben wurden, sondern--wohldurchdacht und überlegt sind. Damit entfallen alle Versuche, die Llps-ky und die offizielle Berichterstattung unternommen haben, um die Demission Dr. Wises als auf einem reinen Mißverständnis beruhend zu erklären. Es war ein wohlüberlegter Schritt, und es ist nur zu hoffen, daß Dr. Wise und seine Freunde — und es ist bekannt, daß ein großer Teil der amerikanischen Delegation durchaus hinter ihm stand und-steht — seinen Kampf für eine Aenderung der zionistischen Politik uad für die Sicherung : der demoMr atischen Prinzipien der Organisation auch weiterhin energisch fortsetzen wird. n. g. Der Gouverneur von New York an die jüdische Bevölkerung. Eine Botschaft zu den hohen Feiertagen. Aus New York wird iiiu gemeldet: Der Gouverneur Smith des Staates New York hat zu den hohen Jüdischen Feiertagen eine Botschaft an die jüdischen Bürger erlassen, in welcher er sagt: „Die heiligen Tage Rosch haschanah und Jörn IOppur geben mir Gelegenheit mit Befriedigung festzustellen, daß ich jedes Jahr den Juden Glück und Zufriedenheit wünsche. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie meine Mitbürger der East Side diese Feiertage begehen und wie sie sich in den Gotteshäusern zum Gebet vereinigen. Dies hat tief auf mich gewirkt und ich werde diesen Eindruck nie vergessen, Es besteht in mir das Gefühl, daß diese Feiertage nicht für Feierlichkeit und Unterhaltung dienen, sondern daß man sich Rechenschaft ablegt. Diese Tage sind Tage der Ein« k e h r, der Erforschung der Seele 'und der ernsten- Prüfung, wie man im kommenden Jahr das Leben besser und schöner gestaltet Ich wünsche meinen jüdischen Mitbürgern vom Herzen ein glückliches neues Jahr, Gesundheit und Frieden und ich bete zusammen mit ihnen dafür, daß die Prinzipien, auf welchen Amerika beruht und welche von den Juden treu bewahrt wer d e n, fortdauern mögen." f^j BERNHARDKOHN lHlmmelpfQrtgasse2Q KLAVIERE in allen preisten