Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 3 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen V. b. b. DIE NEUE WELT BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljahrig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15 -; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vlerteliahrlg Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße fj—8. Telephon: 25-2-82. BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire,5.—,. vierteljährig Lire 14 —; Schweiz und die übrigen Länder mo atllch Schwel/er Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Erscheint jeden Freitag Jahrgang 1 Freitag, den 7. Oktober 1927 Nr. 3 Aus dem Inhalte: —y.: Jüdische Manieren. Robert Siricker: Judenstaat oder englische Kronkolonie. Adolf Böhm: Die Majorität in Palästina. Der Konflikt Weizmann—Wise. Kein Arierparagraph in der deutschen Studenten, schaft. Die Massenflucht aus dem Judentum. Walter Rathenau. Vom jüdischen Leben in Argentinien. Dr. Otto Abeles: Ein Jargonstück. Dr. Sanel Beer: Judenkrankheiten. Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kaufleute. Jüdischer Humor. — Jüdischer Sport. Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien. Abonnement' Einladung Wir laden zum Bezüge der Revue »DIE NEUE WELT ein, dte sich bereits in der kürzen Zett ihres Bestandes überall Freunde, erworben hat „Die Neue Welt*4 informiert ihre Leser ausführlich über alle Ereignisse im jüdischen Leben und will die nichtjüdische Welt über die Forderungen der jüdischen Gemeinschaft unterrichten. Dte Bezugsbedingungen für Oesterreich sind: monatlich 5 1.50, l/Jähr. S 4.20, \jahr. S 8.—. Die Bezugspreise für das Ausland sind am Kopfe des Blattes ersichtlich.! l Probenummer auf Verlangen 11 Dia V«rwal w>g „DIE NEUE WELT" Wien, IX. tfnlversItfitastraBe «- 8 T«l. 20-2-82 Jüdische Manieren. —y. Wien, 7. Oktober. Es ist noch erinnerlich, daß vor zwei Jahren der Favoritner Bezirksrichter N e u d e c k eine Dame, die gegen einen Belästiger das Wort „jüdische Frechheit" gebraucht hatte, freigesprochen hat. Oberbaurat Stricker, der in der „Wiener Morgenzeitung" dieses Urteil kritisierte, wurde von der. Staatsanwaltschaft angeklagt, von den Geschworenen jedoch freigesprochen. Seither hatte man keinen Anlaß, sich mit solchen Urteilen zu beschäftigen. Erst jüngst hat wieder ein Richter es für notwendig gehalten, seine höchst persönlichen Anschauungen , über Juden und Judentum auch von seinem Richterstuhl aus zu verkünde*?. Es ist der Oberlandesgerichtsrat S i e b e r. Er hat einen Mann, der einem anderen, in der. Absicht des Beleidigens, „jüdische Maniereh" vorgehalten hat, freigesprochen. Dazu erging die famose Erklärung, daß der Tatbestand der Beleidigung an sich nicht festgestellt sei; sollte aber trotzdem das Wort gefallen sein, so sei mit Freispruch vorzugeben, da; dpch darin nur die Konstatierung liege, daß sich der Gegner seine Jüdischen Rasseftmerkmale bewahrt habe. „Und das kann doch nur schön sein," fügte der Qberlandesgeriolitsrat Sieber hinzu. Wenn also jemand einen Juden Im Verlaufe eines Streites durch Hervorhebung der jüdischen Abkunft beleidigen will, so findet der Richter, daß er doch nur einen schönen Charakterzug zugestehen wollte. Das heißt, der Richter findet dies nicht. Er weiß ganz genau, was beleidigende Absicht ist, aber da es sich um einen Juden handelt, so ist der Richter bereit, eine mißverständliche Begründung zu finden, um nur dem Juden zu zeigen, wie es um ihn bestellt ist. Wie würde derselbe Oberlandesgerichtsrat urteilen, wenn er sich mit dem Schimpfwort „boche" zu befassen hätte? Es wäre natürlich vergebliche Mühe, dem Herrn Oberlandesgerichtsrat Sieber bessere Manieren, vor allem aber eine bessere Logik beibringen zu wollen. Er kann nicht aus seiner Haut heraus und er ist nun einmal einer jener österreichischen Richter, die sich über die Vertrauenskrise beschweren und denen so viel Unrecht geschieht. Er soll, wie es im Gesetze so hübsch heißt, ohne Ansehung der Person Recht sprechen. Aber er hat nun doch einmal die Gewohnheit,, sich die Personen anzusehen und speziell darauf zu prüfen, ob sie ihre Rassenmerkmale behalten haben. . Deutsche Intellektuelle sind in der Rasserikunde gut beschlagen und haben die Literatur von Bartels bis Fritsch im kleinen Finger. Sie wissen also genau, was jüdische und was, nichtjüdische Manieren, sind. Ein Irrtum ist freilich nicht ausgeschJossen.i.aber in solchen Fällen .findet sich immer rechtzeitig ein Sachverständiger^^Wennvi-.sich ... ein Jude-nicht f&eleidigen lasser^vvilJ, so""hat er jüdfsche Manieren. Wie liegt dies aber m/ dem Falle' GelllnV der eben in den deutschen Blättern erzählt wird? Da hat der preußische Landtagsabgeordttete Herrmann (Breslau) dem preußischen Justizminister den folgenden Brief geschrieben: „...Am 23. September 1927 suchte ich um VtlO Uhr abends die angesehene und solide Weinstube von Schroeder (in Breslau) auf... Gegen 11 Uhr rief Herr Landgerichtsrat GeUin irgend etwas Beleidigendes über die Juden laut in das Lokal. Es ist wegen der allgemeinen Unterhaltung und der spielenden Musik nicht möglich gewesen, diese Beleidigung einwandfrei festzustellen. Da aber daraufhin sofort Stille in dem kleinen Räume entstand, war das Nachfolgende, mit überlauter Stimme und ohne jede Veranlassung Gerufene deutlich zu verstehen. Herr Landgerichtsrat G. schrie „Das .Berliner Tageblatt' ist das größte Schundblatt! Es ist ein ganz gemeines Judenblatt! Es tut mir leid, daß es noch existiert! Alle Juden sind Betrüger' Mit Juden können Sie gar nichts tun! Juden sind immer aggressiv!" usw. Ich bin daraufhin an den Tisch getreten, da ich erfahren hatte, daß der Beleidiger Richter sei, und habe ihm in höflicher Form folgendes erklärt: „Ich bin Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes" und nehme an diesen Beleidigungen einer angesehenen Zeitung Anstoß und bitte, zwecks Austausches unserer Namen, in den Vorraum des Lokales zu "kommen." Herr G. hat dies unter persönlichen Beleidigungen: „Sie Jude! Sie sind wohl auch ein solcher Jude!" usw. abgelehnt. Herr G. setzte die Aeußerungen. laut über das Lokal schreiend, fort. Es war unvermeidbar, daß eine ungeheure Erregung entstand. Es ist, was ich ebenfalls feststellen will, von unserem Tische erwidert worden: „Das will ein deutscher Richter sein! Wir verbitten uns ihre Beleidigungen! Es ist ein Skandal; daß solche Menschen als Richter amtieren können! Das Geld wird von der Republik genommen, aber gegen die Bevölkerung Beleidigungen ausgesprochen" usw. Da die Beleidigungen fortgesetzt wurden, entfernte ich mich, um zur Feststellung der Personalien einen Schupobeamten zu holen. Beim Eintreffen mit dem begleitenden Beamten verließ Herr G. gerade das Lokal. Der Schupobeamte hat in höflicher und dienstlicher Form das Ersuchen um Angabe des Namens an Herrn G. gerichtet. Herr G. lehnte zunächst die Angabe ab. Erst auf dringliches Zureden gab er an: Landgerichtsrat Gellin. Breslau, Goetbestraße ■ 35-37. Da ich dem Polizeibeamten ebenfalls meine Personalien angeben mußte, rief er m|r erneut zu, in der Absicht der Beleidigung: „Sie Jude! Schämen Sie sich, Sie Jude! Sie wundern sich, daß ich so auf die Juden schimpfe: Ich bin aus einer deutschen Familie." Ich bemerkte kurz: „Ah Ihnen bat ein preußischer Justizminister auch keine reine Freude!" Seine Antwortiaute,te: „Ich lege keinen Wert auf den Herrn Justizmini^ter!" Mir erscheint es undenkbar, sehr geehrter Herr Justizminister, daß ein preußischer Richter, der in einer derart unerhörten Weise, ohne voii irgend Jemanden herausgefordert zu sein, sich im öffentlichen Lokale benimmt und äußert, länger in der Ehrenstclluhg eines Richters stehen kann..." Wir wissen nicht, in welche nationale Kategorie von Manieren der Oberlandesgerichtsrat Sieber, seinen Br.esla.uer Kollegen einreihen würde. Aber er wird sich dieses Dilemma wohl ersparen. ■ ■ . Anders liegt die Sache für den Juden als Bürger des Staates. Der jüdische Steuerzahler sieht* wieder einmal seine Situation. Er muß sich von den Fiskalisten des Staates auspressen lassen und für. das Geld, das ihm abgenommen wird, erhält er: eine Verwaltung, die keinen Juden anstellt; eine Universität, an der der jüdische Lehrer und der jüdische Hörer ge-, krän;kt und besudelt werden; einen Richter, de;r den jüdischen Kläger verhöhnt. Scheinbar haben die. Juden gegen diesen Zustand nichts einzuwenden. Sic haben doch bei den letzten Rahlen .auf ihre eigene Vertretung verzichtet und. sich den Feinden von rechts und links anvertraut. Das sind; sicherlieh jüdische Manieren und eine der Konsequenzen 'ist der, Oberlandesgerichtsrat Sicher. .' Judenstaat oder englische Kronkolonie. Von Robert Stricker. , \ Ein guter Breürid^hät^em^ ei* teilt, pöerst W e d g e w o o d, 4er etjglische'r Abgeordnete; uij$ frühere Minister im/-vsoÄia!istIschen* Kabinett Macdonald, förderte irn konrJonef ^Je^ish * Chronicle" die Zionisten auf, ihre Politik auf; ein-' neues Ziel umzustellen. Er schlägt vor, dabin zu streben, Palästina zum Best ä h d t eile ■. d e s en g 1 i s c h e n Weltreiches, zur b r i t i s e h e n Kr o n Kolonie zu machen. Wedgewööd,,;/,' der seiner Regierung beständig vorwirft, daß. sieVden Zionisten beim Aufbauwerk in Palästina wörijgv öder gar keine Hilfe leistet, also ihre mit der' Bal^our-/ deklaration übernommene Verpflichtung nicht'V: ehi»: hält, Wedgewood meint, daß dann eine ersprießlich^; Zusammenarbeit zwischen den Zionisten , und: derj; englischen Regierung einsetzen und England ■'alles^ daran wenden würde, den Aufbau des jüdischen, Heimes in Palästina rasch durchzuführen. Wedgewood ist ein begeisterter Anhänger des'Zionismus.' Er, der englische Nichtjude, hat die halbe Weif durchreist, um für den Zionismus' Propaganda zu: machen, um den Juden und Nichtjuden seine Begeisterung für das zionistische Ideal mitzuteilen. Immer und immer wieder ergreift er im englischen Unterhaus das Wort für den Zionismus und fordert stürmisch — manchem zionistischen; Leisetreter allzu stürmisch — Einlösung des dem jüdischen1 Vo^e segebenen Versprechens. Und dieser beste Freund der zionistischen Sache rät nun — den Zionismus zu entwurzeln, zum Verdorren zu bringen. Eine ' zionistische; . deren Endziel nicht der Staat -für 'die-.. Jfiädiehv ^ofifeii'ii' eine Kolonie für die Engländer ist, sei-V^'W^t'^l"^ - jüdische Kolonie, hat' <iie-' ßxlisje^^ereciitigutt'y': v$r» loren. Eine solche Bewegung hat .das.; Änrecht auf allgemeine Anerkennung, auf Achiung.-und Sympathie der Kulturwelt verwirkt. Das Größe, das Bezwingende im Zionismus liegt darin, daß er Recht für ein unglückliches, unterdrücktes Volk fordert, Recht für das jüdische Volk und nichts anderes. Daß er die jüdische'Sache endgültig loslöst von der Willkür, der Berechnung und der Habsucht fremder Faktoren, herausreißt aus dem Intrigenspiel der Diplomatie. Ein Zionismus, der dieser Bestimmung untreu wird, hat den Charakter der reinen Freiheitsbewegung verloren, hat keinen Anspruch auf das Wohlwollen der zivilisierten W(elt. Die Preisgabe der Idee der Gründung eines Judenstaates zugunsten der Idee der Gründung einer jüdisphen Kolojiie des britischen Weltreiches macht den Zionismus als Weltbewegung unmöglich. Kein Kulturstaat bat das Recht, seinen jüdischen Bürgern die Mitarbeit .nm Aufbau des Judenstaates zu verwehren. 13 er