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Die neue Welt · 1927-09-30 · Heft 2 (30.9.1927) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 2 (30.9.1927)
Date
1927-09-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 2 Die Belohnung des Rathenau- Mörders. Werner Tillessen in der Reichsmarine. Aus Berlin wird gemeldet: Der Kapitän zur See Werner Tillessen, Bruder.des Erzberger- Mörders Heinrich Tillessen und selber in die Untersuchung wegen des Rathenau- Mordes vewickelt, ist zum Inspektor des Torpedonnd Minenwesens der Reichs marine ernannt worden. An zuständiger Stelle bestreitet man die Richtigkeit der Beschuldigung, Werner Tillessen habe im Jahre 1922 ein Torpedoboot für die Fortschaffung derRathena u-M ö r d e r b ereit gestellt. Das „Berliner Tageblatt" bemerkt hierzu: „Das Reiohswehrministerium und die Marineleitung werden hoffentlich verstehen, daß die Ernennung in denjenigen Kreisen der Bevölkerung, die nun einmal diese Personalienfragen nur mit gemäßigtem Vertrauen betrachten, lebhaft erörtert wird... Daß der Bruder des Mörders auf eine hohe Stelle gehoben wird, würde nur dann keinen Anlaß zu Kommentaren geben können, wenn festgestellt würde, daß er mit seinen Sympathien weitab von dem Verbrecher gewesen ist. An einer genügenden Erklärung dieser Art hat es, soviel wir wissen, g ef e h 11. Da am 29. September die Uebergabe der Rathenaii'-Stiftung in feierlicher Sitzung, unter Teilnahme des Reichskanzlers, gefeiert werden soll, darf man in der Personal Verfügung des Reichsmarineamtes wohl eine Art „F e s t b e it r a g" sehen." Der Mühlstein des Baal-Schern. Ein historischer Fund in Ronsperg im Böhmerwald. Bei einer Reparatur der Pumpe in dem Badhaus der israelitischen Kultusgemeinde in Ronsperg im. Böhme r w a I d wurde ein schwerer, runder Stein ausgegraben und, in mehrere Stucke geteilt, an die Oberfläche gebracht. Mehrere Wochen lagen die Bruchstücke unbeachtet und erst als sie ein stärkerer Regen abgewaschen hatte, entdeckte man eine hebräische, noch gut leserliche Inschrift. Die Zusammensetzung der Trümmer ergab den folgenden Text: ' ,Jln diesem Quellenbrunnen nahm Rabbi Israel Baal-Schern an einem furchtbar kalten Tag im Jahre 5504 (1744) ^dreihundertzehnmal das Tauchbad und erklärte, daß es eine allgemeine Heilquelle und auch für Kinderlose heilwirkend ist. Im 'Jahre 5574 (1814) zu einer Mikwah umgebaut." Der Stein ist also wahrscheinlich um das Jahr 1814 angefertigt worden; zu dieser Zeit lebte der berühmt Schemen Rokeach (Rabbi Eleasar Low) in Ronsperg. Vorsteher der Gemeinde war Joel, R a u s c h b u r g, der im Jahre 1820 in dem 'hohen Alter von 106 Jahren starb. Er mag also im Alter von 36 Jahren Zeuge des Besuches des Baal-Schern gewesen sein. Unaufgeklärt bleibt freilich, wie der im ostgalizischen Waldgebiet wirkende Begründer der Chassidim-Sekte nach dem Böhmerwald gekommen ist. Eine in der Ronsperger Gegend verbreitete Erzählung, welche Rabbiner Bernhard Glas (Mies) in der Prager, „Selbstwehr" mitteilt, besagt: „Der Baal-Schern fuhr einmal spät abends nach Mesibin. Da sein Reiseziel noch ungefähr dreimal so weit entfernt war und die Zeit des Minchagebetes gekommen war. ließ der Baal-Schern seinen Wagen halten und man ging auf die Suche nach einer Quelle, um das Gebet verrichten zu können, doch war nirgends eine solche zu finden. Da es immer mehr zu dämmern begann, näherte sich der Baal-Schern einem großen Stein hn Walde, berührte ihn mit seinem Stock und unter dem Stein begann Wasser hervorzuquellen. Diese Quelle hat. sich als eine Heilquelle gegen vielerlei Leiden erwiesen und soll ganz besonders die Schönheit des Teints bewirken. Seither geht kein Mensch an der -Quelle vorbei, ohne von ihr zu trinken, und die j u ji g e n M ä d c h e n der ganzen Umgebung suchen die Quelle auf, um sich mit ihrem Wasser zu waschen, damit ihr Gesicht jung und schön erhalten bleibe. Auch die Bauern sind fest davon überzeugt, daß das Wasser dieser Quelle nicht nur den Menschen, sondern auch das Vieh vor jeder Krankheit bewahrt." Die in Karlsbad und Marienbad zur Kur weilenden Chassidim haben in diesem Sommer zahlreiche Besuche in Ronsperg abgestattet und an der Fundstelle gebetet. Die Zwangssonntagsruhe in Polen. Aus Warschau meldet die J, T. A.: Sejmdeputierter Rabbiner Lew i n übergab dem Vizepremier Professor B a r t e 1 eine Petition der jüdischen Gemeinden mit der Bitte um Abschaffung der Zwangssonntagsruhe, die die Juden zwingt, zwei Tage in der Woche zu ruhen. Die Petition ist von der Lemberg er jüdischen Gemeinde und von allen größeren jüdischen Gemeinden Galiziens, sowie von den größeren galizischen Ran>binaten, kaufmännischen und Handwerkervereinen unterzeichnet. Ein Empfang der jüdischen Mitglieder der „Amerikanischen Legion" durch den Verband jüdischer Kriegsfreiwilliger in Paris. Paris. (J. T. A.) Zu Ehren der jüdischen Mitglieder der gegenwärtig in Paris weilenden „Amerikanischen Legion" veranstaltete der Verband jüdischer gewesener Kriegsfreiwilliger in Paris am Sonntag, den 35, September, abends ein Baukett, das vom Oberrabbiner von Frankreich, Israel Levy, und dem Pariser Philanthropen Leonard RosenthaJ geleitet wurde. Anwesend waren auch die Mitglieder des Zentralkonsistoriums der „Alliance Israelite Universelle" und die Vorsitzenden aller jüdischen Vereine und Gesellschaften in Paris. Unter den Rednern waren auch die Generäle Weiler und Geismar. Ein Mitglied des Kommandos der „Amerikanischen Legion" dankte in herzlichen Worten für die Ehrung. Der Rat für Rechtsschutz der jüdischen Minderheiten. Genf. (J.T.A.) Herr Bernard G. Richards, der Scktretär des American Jcwish Congress, ist in Genf eingetroffen, um das Büro des von der Züricher Jüdischen Rechtsschutzkonfereuz eingesetzten Rates für die Rechte der jüdischen Minderheiten (Council on the Rights of the Jcwish Minorities) einzurichten. Anfang Oktober begibt sich Richards nach den Vereinigten Staaten und reist im Frühjahr 1928 nach Palästina. Hinrichtung eines geisteskranken jüdischen Arbeiters. Kowno. (J. T. A.) In Tauroggen, dem Zentrum des zusammengebrochenen Aufstandes gegen die litauische Diktatur, wurde auch ein armer jüdischer Schuster, der allgemein für geisteskrank galt,, vom Feldgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde sofort durch Erschießen vollzogen. Reinitz wieder verurteilt. Iu Szatmar ist dieser Tage der neue Prozeß gegen Jakob Reinitz durchgeführt worden, der verschiedener Mordtaten bezichtigt wurde, von denen aber nur eine „und selbst die höchst lückehaft erwiesen werden konnte. Auch der zweite Prozeß endigte mit der Verurteilung zu lebenslänglicher Zwangsarbeit. Reinitz wurde wieder in das Zuchthaus zu Nagy-Engyed gebracht. Die „Jewsekzia". Moskau. (J. T. A.) Aus Anlaß der hohen jüdischen Feiertage hat die jüdische kommunistische Presse eine antireligiöse Kampagne eingeleitet. Insbesondere wird die jüdische Jugend aufgefordert, sich von der „rabbinischen Panik" nicht beeinflussen zu lassen und die Feiertage nicht zu begehen. Vereinsnachrichten. Vereinsnachricht. Hechaluz Hamisrachi, Wien, II., Praterstraße 43. Jeden Montag und Donnerstag, halb 8 bis 9 Uhr abends, finden die hebräischen Kurse für Anfänger statt. Am 15. Oktober beginnt ein Kurs für „Tanach" unter Leitung des Herrn M. D. Groß. Am 20. Oktober beginnt ein Kurs über Palästina-Geographie. Anmeldungen täglich von 8 bis 10 Uhr abends. Samstag den 1. Oktober, 5 Uhr nachmittag, Vorlesung aus. „Hilchoth Jom- K i p p ,u r". Verband jüdischer KauUeute und Gewerbetreibender. Wien, I., Elisabethstraße 9, 1. Stock, Tür 10. Telephon Nr. 69-0-18 und 45-8-34. Donnerstag den 29. d. um 8 Uhr abends in der Kaufmannshalle des Wiener Bürgercafes, II., Praterstraße 11, Plenarversammlung. Der XV. Zlonistenkongreß im Film. Das Zionistische Landeskomitee teilt mit, daß der von demseibeu an Basel aufgenommene Film „Der XV. Zionistenkongreß" bereits fertiggestellt ist und den Sektionen und Ortsgruppen zwecks Aufführungen vermietet werden. kann. '. Die - Sektionen, Ortsgruppen und Körperschaften wollen sich diesbezüglich an das Zionistische Landeskomitee wenden. Französischer Sprachunterricht. In Paris diplomierte erstklassig qualifizierte Lehrkraft mit österr. Staatsprüfung, erteilt französischen Unterricht. Mäßiges Honorar. Telephon Nr. 75-3-51, von 1 bis 3 Uhr. Tapezierergehilie, selbständiger, flinker Arbeiter für Kommerzarbeiten, sowie ein selbständiger Schilder- und Zimmermaler, welche auch gute Fußballer Sind, wollen ihre Offerte an den Sportkub Hakoah, Leoben (Anschrift: Sekretär Laszlo Varady, Leoben) raschest einsenden. Seinem Prinzio getreu, stets nur das Beste zu möglichst billigen Preisen zu bietsn, bringt das populäre Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schiff mann auch diesmal zu Beginn der Herbstsaison Außerordentliches. Trotzdem die sprunghafte Steigerung der Baumwollprcise am Weltmarkt eine wesentliche Ver-r teuerung aller Textilwaren bedingt, ist dieses. Kaufhauszufolge laufender Riesenabschlüsse in der angenehmen Lage, alle Herbstneuheiten zu den bekannt billigen Sensationspreisen abzugeben. Als besonderer Saisonschlager gelangen in der kommenden Woche prima S p o r t f 1 a n ei 1 e in den modernsten Dessins zum Preise von S —.90 per Meter zum Verkauf. Ferner: Kleider-Schottenstoffe, doppeltbreit, per Meter S 1.90, Kleiderstoffe, doppeltbreit, per Meter S 1.98, Modekleiderstoffe, 140 Zentimeter breit, S 2.90, Ottomaneveloure, moderne Farben, 140 Zentimeter breit, S 7.90, Kamelhaar-Mantelstoffe, moderne Dessins, 140 Zentimeter breit, S 9.80, Wiipcord für Anzüge, 150 Zentimeter breit^ S 14.50, prima Double, für Raglans und Herbstmäntel, 140 Zentimeter breit, S 9.80, Seidenbrokate, herrlichste, Dessins, 85 Zentimeter breit, S 3.90, Mantelfutter (Seidenersatz), fabelhafte Ausmusterung, 80 Zentimeter breit, S 2.50. Besonders preiswert sind als Neueinführong Wachstuch und Linoleum in allen Größen und Qualitäten erhältlich. E Ä---—. Minna Schnett Abrate Edelstein Wien, XX. . Wien, II. empfehlen sich als Verlobte Wien, im September 1927 Die Tribüne. Ein Sprechsaal für die Leser. Unser Blatt räumt seinen Lesern diese Rubrik ein. Jeder, der für das Leben der Judenschaft Wesentliches zu wissen glaubt, und sagen will, jeder, der sich selbst oder andere gegen Unrecht zu schützen hat, kann hier sprechen. Jeder, der dies wünscht, steht unter dem Schutze des Redaktionsgeheimnisses. Zur Massenflucht aus dem Judentum. Sehr geehrter Herr Herausgeber! Die erste Nummer der „Neuen Welt" hat auf der neunten Seite eine ganze Spalte mit den Namen von Personen füllen müssen, die aus dem Judentume ausgetreten sind. Ich habe das Gefühl, daß man daran nicht achtlos vorbeigehen kann. Ich habe immer mit Entrüstung gesehen, daß die jüdische Gesellschaft nicht gegen Renegaten kämpft, sie noch freundlich aufnimmt und ihnen alle Ehren erweist. Ich glaube, daß es gut wäre, den fahnenflüchtigen Juden im gesellschaftlichen Verkehr entgegenzutreten und sie merken zu lassen, daß sie etwas Verächtliches begangen haben. Halten Sie es, geehrter Herr Herausgeber, zum Beispiel für richtig, daß getaufte, fahnenflüchtige Juden, wie das so häufig vorkommt, auf dem * j ü d i s c h e n F r i e dhofe erscheinen und Nachreden halten? Sollte die Kultusgemeinde diesen Menschen nicht den Zutritt zu ihren Anstalten verwehren? Ihr ergebener K. P. Antwort: Durch gesellschaftliche Aechtung allein ist die Flucht aus dem Judentume gewiß nicht zu verhindern. Die Ursachen sind zu tiefliegende und zu mannigfache, als daß ein Mittel gefunden werden könnte. Aber Sie haben recht, wenn Sie verlangen, daß die jüdische Gesellschaft den Davonläufern ihre Verachtung kundgeben und sie fühlen lassen soll, daß ihre Handlungsweise eine niedrige ist. Unbedingt richtig ist, daß die Judengemeinde die Pflicht hat, getaufte Juden von ihren Institutionen ferne zu halten. Daß sich ein getaufter Jude auf dem jüdischen Friedhofe breitmacht und Nachrufe hält, ist gewiß seitens der Judengemeinde nicht zu dulden. Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer, Die Judenkrankheiten. Wie es zweiiellos einen Unterschied des Einzelindividuums oder der beiden Geschlechter bezüglich der Empfänglichkeit, des Verlaufes einer Krankheit oder dar Häukannt ist das verschiedene Verhalten der weißen und der Völker durch ihre pathologischen Mentmale auf. Nur zu bekannt ist das verschiedene Verhalten der weißen und schwarzen Rasse gegenüber gewissen Infektionskrankheiten. So dezimieren Masern, auf eine Inssl verschleppt," di3 bodenständ'ge Bevölkerung, während Europäer im Gegensatz zu den Eingeborenen dein Gelben Fieber oder dem Wechse1fieber nur geringe Widerstandskraft entgegensetzen. . Zar Frk'änmg dieser Empfänglichkeit weisen zuerst Rasscutneorien hei angezogen, die sien aber mit fortschnikeuder Erkeni'tnis der I-mmunitätslehrcn rus nicht stichhältig nwicsen. Uuter diesem Gesichtspunkt 'bildete sich ira Volk und in der medizinischen Literatur der Glaube aus, daß die Juden von gewissen Krankheiten verschont wurden. Schon im Mittelalter, zur Zeit des Schwarzen Todes, wurde die vermeintliche Immunität (Unempfäng- Jichkeit) der Juden gegen Pest und Cholera zum größten Unglück für sie, denn inan beschuldigte sie damals mangels der Kenntnisse über df| Verbreitungsart dieser Krankheiten der Brunnen Vergiftung und des Einverständnisses mit dem Satan. Diese sogenannte Immunität, die gar nicht ': überall besteht, ist keine Eigentümlichkeit des jüdischen ■ Volkes, sondern in den sozial-hygienischen Verhältnissen und der Mäßigkeit im AJkohoJgenuO begründet. Außerdem spricht man von Judenkrankheiten, von Leiden, die die Juden angeblich mit größerer Häufigkeit be- . fallen. Einzelne Psychiater wollten sogar eine Psychosis judaica (jüdische Geisteskrankheit) abgegrenzt wissen, womit zweifellos übers Ziel geschossen wurde. Es gibt keine spezifisch jüdische Irrsinnsart, sondern der Unterschied zwischen Juden und Christen liegt allein in der Häufigkeit der Geisteskrankheiten bei ersteren. Die vergleichende Rassenpathologie bestätigte tatsächlich die Auffassung, daß die Juden von den sogenannten funktionellen nervösen Affektionen, besonders Neurasthenie und Hysterie, mehr er-griffen werden. Die meisten der unter Juden praktizierenden Aerzte müssen die Häaftekeit der Störungen des Nervensystems unter dem jüdischen Volk zugeben. Die Nervosität äußert sich schon in der großen Aengstlichkeit und der Aufregung der jüdischen Eltern, wenn sich auch nur ein leichter Krankheitsfall in der Familie ereignet. Ein Todesfall gar löst bei Juden viel heftigere Schmerzensausbrüche mit nachhaltigerer Wirkuing aus als bei den Nioht>juden, Es geht überhaupt ein neurotischer Zug durch das Volk der Jufen. Ein nichj, geringer Teil der liysteri-

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