Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 2 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711616--0022-2713134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
" Nr. 2 DIE NEUE WELT Seite 7 gehalten am Grabe der Ermordeten. Leidenschaftliche Stellungnahme für und wider in den türkischen Zeitungen, die Weltpresse mischt sich ein, die Konstantinopler Bureaus des Benai B'rith werden polizeilich durchsucht, Gesandtschaften der großen Mächte mahnen zur Mäßigung. Der Staatsanwalt beantragt für acht der Angeklagten Zuchthausstrafen von einem bis drei Jahren. Die glaubensstarken Sephardim läßt all das kalt. Geschehe, was will: Sie geben die Famliie, wie Moses sie geboten und geschaffen hat, nicht preis. (Wie oben berichtet, hat der Prozeß mit dem Freispruch der acht Angeklagten und einer Verurteilung des neunteh geendet. — Red.) Der Schwarzbart-Prozess. Professor Dubnow ruft zur Unterstützung des Verteidigungskomitees auf. Der Geschichtsschreiber der Juden, Prof. S. Dubnow, schreibt der Jüdischen Telegraphenagentur: „Wie verhält sich die jüdische Gesellschaft zu dem Prozeß gegen Schalom S c h w a r z b a r t, der nach anderthalbjähriger Untersuchungsdauer Mitte Oktober endlich vor dem Pariser Gericht beginnt? In der ersten Zeit hat man sich in Europa und in Amerika für die Pariser Tragödie stark interessiert. Das Verteidigungskomitee in Paris hat für den Verteidiger Schwarzbarts ein ungeheures Aktenmaterial vorbereitet, von dem ein Teil in französischer und in endischer Spraciie auch in Buchform veröffentlicht worden ist. Jetzt werden alle Vorbereitungen zu dem großen Prozeß getroffen. Aber die jüdische Öffentlichkeit hat in der letzten Zeit — vielleicht wegen der zu langen Verzögerung des Prozeßbeginns — fast daran vergessen, daß, in eine e n g e d ti n k 1 e Z e 11 e ei in es Pariser G e f ä n g n i ss e s eingeschlossen, ein Mensch sitzt, der sich iür die Ehre des jüdischen Volkes geopfert hat, daß das ganze Volk daran interessiert sei, muß, wenn es gilt, offen vor aliler Welt die Motive zu seiner tragischen Tat zu. werten und all das aufzudecken, was er durch seine Tat dem mensälichen Gewissen in Erinnerung bringen wollte. 7 Vor 15 Jahren hat der BeHis-Prozeß in Rußland die gesamte jüdische Welt in Aufruhr gebracht. Das Volk f'üMte, daß man es als Ganzes auf die: Anklagebank setzen wolle, und spie seinen Ekel den niederträchtigen Verleumdern ins Gesicht. Und l; doch war jener Prozeß nur eine der Hunderte Büutbeschuldigungen, die man im Verlauf von sieben Jahrhunderten gegen uns in Europa geschleudert hatte. Die. gebildeten Kreise hatten schon längst von dem barbarischen Aberglauben sich abgewendet. Jetzt" stehen wir vor einem, ganz neuartigen Prozeß. Sohwarzbart hat durch seine verzweifelte Tat der Welt in Erinnerung rufen wollen, daß drei Jahre hintereinander in der Ukraine jüdisches Blut unschuldig geflossen ist und daß die Verbrecher, die diese Massacres organisiert haben, dem Gericht nicht überantwortet wurden und noch heute frei und unangefochten in Europa herumwandeln und sogar noch „hohe Politik«?' machen dürfen. Schwarzbart wollte, indem er den Hauptschuldigen, PeHjura, gerichtet hat, dem Weltgericht alle jene Verbrecher, die das Judentum der Ukraine verwüstet, Zehntausende Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet, geschändet und verstümmeilt hatten, ' dem Weltgericht ausliefern. Der Prozeß Schwarzbart in Paris muß zu einem Gericht des Weltgewissens über jene werden, die die unmenschlichen Taten vollbracht haben. Die ukrainischen Chauvinisten sind bestrebt, aus dem blutigen Attaman Petüura einen Volkshelden zu machen, dessen sich auch die besseren Ukrainer nicht zu schämen brauchten. Sie möchten vertuschen, was wir aufdecken wollen: die schreckensvoUste Tragödie in der jüdischen Geschichte. Die jüdische Gesellschaft darf dies nicht geschehen lassen. Mit Tausenden Dokumenten und lebendigen. Zeugen müssen wir festnageln, was in den Jahren 1918 bis 1920 in einem europäischen Lande geschehen konnte. In einem unserer alten Märtyrergebete heißt es: „0 Erde, nicht decke mein Blut zu, nicht solle es einen Ort geben, wo mein Schrei ungehört bleibt!". Dies ist jetzt auch unser Gebet. Nicht Rache wollen wir, sondern Aufdeckung der furchtbaren Wahrheit. Das ganze jüdische Volk muß jetzt unserem Verteidigungskomitee in dieser heiligen Sache zu Hilfe kommen. S. Dubnow." „Das Ende einer Zionistischen Zeitung.44 Die Brünner „Jüdische Volksstimme" widmet der (Einstellung der „Wiener Morgenzeitung" einen warm geschriebenen Leitartikel, den wir hier folgen lassen: -ch Brünn, 21. September 1927. Die „Wiener Morgenzeitung" mußte am vergangenen Samstag ihr Erscheinen einstellen. Eine örtliche Korrespondenz importiert nüchtern die für uns Zionisten traurige und in vieler Hinsicht auch beschämende Tatsache. Paar Tage nach Schluß des XV. Kongresses, im Jahre des dreißigsten Jubiläums der Organisation erfüllte sich das Schicksal des einzigen deutsch geschriebenen Tagblattes in Mitteleuropa. Der Bewegung ist damit ein wichtiges Aktivum verloren gegangen. Doch mehr als die Tatsache an sich müssen die Symptome gewertet werden, die den Verfall der Zeitung bedingten. Nicht nur deshalb, weil von Toten nichts Schiechtes gesagt werden soll, sondern nach klarer und reiflicher Ueberlegung kann man die Behauptung aufstehen, daß wir, jeder Einzelne von uns und die .Organisation als Gesamtheit und Apparat, die „Wiener Morgenzeitung" stark, sehr stark vermissen werden. Ein Tagblatt ist für uns unentbehrlich, weii wir zu unseren Freunden täglich sprechen müssen und weil wir uns es ja als Ziel gesetzt haben, ins jüdische Haus einzudringen, den jüdischen Menschen zu erfassen. Hier liegt der gewichtige Unterschied zwischen einem Journal und einer Wochenschrift. Jenes hat die tägliche Kleinarbeit zu leisten, diese soll nachhelfen und ergänzen. Wir haben eine, ganze Reihe gut gemachter Wochenblätter, aber alle lehnten sich, bewußt oder unbewußt, an die „Wiener Morgenzeitung" an. Manchen war es unangenehm, an diese Verwandtschaft erinnert zu werden, weil die „Wiener Morgenzeitung" eine vom Durchschnitt wesentlich verschiedene Auffassung der Mission eines zionistischen Blattes hatte. Es ist, als sollten die vielen Konstatierungen des Kongresses, die Bewegung sei seit 30 Jahren ungeheuer gewachsen, Lügen gestraft werden. Damals war die „Welt" eine revolutionierende Tat, der gelbe Umschlag der Befreiungsschrei der jüdischen Ghettoseele. Wenn die Zahl der Menschen, die den Weg zu uns fanden, in Wahrheit, so bedeutend war, dann erschien ein Tagblatt als der durchaus sinnfällige Ausdruck unserer Stärke. Nun ist die „Wiener Morgenzeitung" eingegangen und unsere Gegner, die immer zur Stelle sind, wenn es sich darum handelt, dem Zionismus eins auszuwischen, werden uns diese unanfechtbare Tatsache entgegehschleudern. Sind wir wirklich- Hochstapler; war das Tagblatt in Wien nicht doch ein Merkmal, daß wir über unsere Verhältnisse lebten? Nein. Die „Wiener Morgenzeitung" hat ihr Ende gefunden, weil neben unbestreitbaren, jedoch leicht verbesserungsfähigen organisatorischen Mängeln, die Redaktion des Blattes, besonders aber sein Chef, der unermüdliche Julius Löwy, eine Reife zionistisch-politischen Denkens bei den Juden voraussetzte,1 die' nicht vorhanden ist. Wir haben nur wenige Zeitungsleser, die bei dem; Was ihnen vorgelegt wird, die Mühe aufwenden, selbständige Gedankenarbeit zu leisten. Die „Wiener Morgenzeitung" stellte dieses Postulat an ihre Leserschaft und fand ein frühzeitiges Ende. Sie vertrat, zwar nicht offiziell, aber immerhin im Tenor, eine Richtung, die sich Kritik an den Führern und am Werk gestattet und diese Kritik machte sie unbeliebt. A11 e jene, die gottergeben das zur Kenntnis nehmen, was ihnen eine hoch löbliche Führung vorsetzt, wurden ihre Gegner. Und es waren erbitterte Gegner, Menschen, die sich über die Gebote zionistischer Solidarität leichten Herzens hinwegsetzten, wenn . es darum ging, die „Wiener Morgenzeitung". zu schmähen und ihren großen Wert herabzusetzen. In unserem Landesverbände hatte das Blatt ebenfalls nur wenig Freunde. Am 27. Juli erging aus Mähr.- Ostrau (wo sich das Zentralbureau der tschechoslowakischen Zionisten befindet, Anmerkung der Red. der „Neuen Welt") ein amtliches Rundschreiben, In welchem die Vertrauensmänner der Partei aufgefordert wurden, daß sie einer im Gange befindlichen Aktion zur Stützung der „Wiener Morgenzeitung" keine Förderung angedelhen lassen sollen. Soweit war - es gekommen, daß politische Nuancen im Zionismus zu einer offenen Boykotterklärung gegen eine zionistische Zeitung führten. Die „Wiener Morgenzeitung" ist ein Opfer des Ammenmärchens von zionistischer Demokratie. Das ist das Beschämende: Wir sind größer geworden an Zahl, aber unverhältnismäßig kleiner im Denken. Unter furchtbaren Mühsalen, mit unsäglicher Sorge haben uneigennützige Menschen das Blatt gegründet und geführt. Ihr Lohn sollte darin bestehen, daß ihnen Gesinnungsgenossen Knüppel zwischen die Beine warfen. Alle, die den Geist der Zionistenschaft uniformieren wollen, die hinter dem famosen Ostrauer Rundschreiben standen, dürfen aufatmen: Es ist erreicht! Die Nichlzionisten, mit denen man intensiv zu paktieren und Briefe zu wechseln begonnen hat, werden aber auch aufatmen. Auch ihnen war die. „Wiener Morgenzeitung" unbequem geworden. Sie hatte ihnen die Wahrheit dort gesagt, sie hatte das wirkliche Gefühl der Zionisten dort verdolmetscht, wo die offiziellen Blätter der Organisation, einem Wink von Oben gehorchend, beharrlich schwiegen. Jetzt ist dieses Sprachrohr stumm. Doch unsere Feinde sollen nicht zu früh froh-9 locken. Der Zionismus Mitteleuropas bedarf, seiner Stärke und. seinem Einfluß im Judentum entsprechend, eines T a g b 1 a 11 e s. Die Zeit ist schon längst gekommen, da der jüdische Mensch alltäglich sein jüdisches Blatt braucht. Reifes zionistisches Denken muß allmählich erzogen werden, auch wenn es heute nicht in der Linie der offiziell betonten Richtung liegt, ja ihr geradezu entgegengesetzt ist. Die Nichtzionisten mögen nicht glauben, daß wir am Wege zum Bankrott sind, weil wir eines unserer stärksten Aktiven in der „Wiener Morgenzeitung" verloren haben. Es war ein notwendiger Schritt in der Entwicklung des Zionismus, der bald sein Gutes zeitigen wird. Wir werden unsere Ressourcen sammeln und wieder beginnen mit dein Werke zionistischer, politischer Erziehung. Der Hebel wird erneut angesetzt werden, das zionistische Tagblalt. unabhängig geführt, soll klar erkannte Notwendigkeit sein. Die „Wiener Morgenzeitung", deren Ende wir aufrichtig bedauern, war ein Markstein. Es ist, unser innigster Wunsch, daß die Lücke, die entstanden ist, in kürzester Zeit durch ein neues Blatt ergänzt werde. Das Opfer der „Wiener Morgenzeitung" darf nicht umsonst gewesen sein. Organisation der radikalen Zionisten. Während des XV.. Zionistenkongresses fanden in Basel mehrere Sitzungen der Vertreter der Radikalen Gruppe, aus den verschiedenen Ländern statt, die sich mit der Organisierung der künftigen Arbeit der Vereinigung radikaler Zionisten beschäftigten. Es wurde beschlossen, das Zentralbureau der Gruppe in Berlin zu errichten unter Leitung von Dr. Nachum Goldmann und Dr. Max S o J o w e i t s c h i k. Außerdem würde ein Zentralkomitee gewählt, bestehend aus folgenden Mitgliedern: Abgeordneter Jizchak G r ü r> b a u m, Abraham Podiisch ewski, Dr. Klumel, Abgeordneter Dr. H a r t g 1 a ß, Abgeordneter Dr. S c h i pp e r (Polen), Oberbäurat Robert Stricker, Doktor Leo ''Goldhanimfr, Dr. Israel W al dm an n (Wien), Dr. Jakob K l a t z k i n (Berlin), S. Golde nbe r g (London), Dr. Emil M a r g u J i e s (Tschechoslowakei), Dr. A. Ins! er (Lemberg), Dr. Marens Krämer (Bukowina)^ Dr. L. M i z r a c h i (Rumänien), Dr. I. Wil.enski (Haifa), Dr. Berachjahti (Jerusalem) und den Mitgliedern des Zentralbureaus. Endlich wurde eine Reihe von Beschlüssen über die Organisierung und einen Ausbau der Tätigkeit der Vereinigung radikaler Zionisten in den verschiedenen Ländern gefaßt. *: ■ Konstituierung der Union der Zionisten-Revisionisten. In Basel tagte während des XV. Zionistenkongresses eine Konferenz der Union' der Zionisten-Revisionisten. Zum Vorsitzenden der Union wurde Wladimir Temkin gewählt. Zu Mitgliedern des Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation wurden Meier G f o ß m a n n und Richard L i c h t h e i 'm bestimmt. — Wladimir Jabotynski hat trotz Drängens aller Teilnehmer dieWiiederannahme des Präsidiums der von ihm geschaffenen Bewegung entschieden abgelehnt. Er wollte dadurch zum Ausdrucke bringen, daß die Präsidentenstelle keine lebenslängliche ist und daß jeder ersetzt werden kann. Auch ins Aktionskomitee der Zionistischen Weltorganisation, in welchem die Revisionisten zwei Plätze zu besetzen haben, wollte Jabotynski nicht eintreten, um sich ganz unbehindert der Organisation und Propaganda des Revisionismus widmen zu können. : : ._ Die Zentrale der Hitachduth. Die V. Wehkonicrenz, der Zionistischen Arbeiterpartei Hiuicddufl', die in Basel tagte hat beschlossen, zwei Büros d»r WeM.<cutr«le zu errichten:, in Palästina und in Warschau. .A's Wieder der We'tzeritrale sind gewählt worden: Dr. Ch. Arlosoroff, U. Friedland, Dr. J. Hellmann, E. Kaplan, Dr. A. Kaznelson, Abg. A. Lewinsön, Abg. A. Silber schein, J. Sprinzak, Ch. Schurer, Dr. A. Tartakower, Oberrichter Cardoza, Mitglied des Internationalen Gerichtshofes im Haag. Präsident Coolidge hat den Oberrichter, am. New- Yorker Appellationsgericht, Benjamin Nathan Cardoza, zum amerikanischen Mitglied des Internationalen Gerichtshofes im Haag ernannt. Der Vorgänger Cardozas in diesem Amte war der inzwischen verstorbene Oskar St raus. Cardoza wurde 1870 in New-York geboren. Er ist Verfasser einer Anzahl grundlegender Werke über amerikanische Jurisprudenz. Er ist Vorstandsmitglied der spaniolisch-portugiesischen Synagoge und ist in zahlreichen jüdischen Organisationen tätig. Erst kürzlich, im Juli dieses Jahre«, erhielt Oberrichter Cordoza, der bereits Ehrentitel der Universitäten von Columbia, Yale, New-York und Michigan besitzt, den Ehrendoktor der juristischen Fakultät «der Havard Universität. Haag. ]• van LI e r wurde zum Generalanwalt des Hohen Gerichtshofes im Haag ernannt. Josef Keßler gestorben. In Budapest ist am 21. September <ter Literarhistoriker und Kritiker Josef Keßler im Alter rm 81 Jahren gestorben. Er gehörte safaerze&t am Freund*^ kreis Max Nordans.