Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 2 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nf. 2 Der Judenprozefj in KonslantinopeL Adit Angeklagte freigesprochen, einer verurteilt. Emile Zola. Zum 25. Todestag. Am 35. November 1897 trat in dem Treiben ttra Alfred D r e y f u s die Wendung ein. Emile Zola veröffentlichte in der „Aurore" Clemenceaus seine wuchtige Anklage, den berühmten Brief an Felix Faure, dessen einzelne Sätze mit den Worten beginnen: „Ich klage anl" Alle Einzelheiten der großen Affäre deckte Zola auf. Er war bis dahin schon lange ein berühmter Mann gewesen, der gleich Napoleon . aus Italien nach Frankreich gekommen war und sich den Ehrenplatz in der Literatur gesichert hatte. Nunmehr aber hatte er in den Knäuel der Kulissenpolitik Frankreichs gegriffen und das um der Ehre eines verfolgten Menschen willen. Viele in Europa wußten um die Wahrheit. In Berlin insbesondere war es auf das genaueste bekannt, daß der jüdische Artilleriehauptmann mit der Spionage nicht das geringste zu tun gehabt hatte. Aber das Achselzucken des „Es geht uns nichts an, was mit dem Juden geschieht!" stellte eine unüberwindliche Hemmung dar. Der Dichter Emile Zola kannte solche Bedenken nicht. Sein Stolz und sein Wahrheitsfanatismus litten es nicht, daß im Namen der Gerechtigkeit ein Verbrechen begangen werden sollte. Und als er sich davon überzeugt hatte, was geplant war, sprach er aus, was er fühlte: „Die Wahrheit ist auf dem Marsch! Niemand kann sie aufhalten!" In Alfred Dreyfus sollte das Judentum getroffen werden. Nationalisten und Klerikale arbeiteten. gemeinsam an der Unterhöhlung der Republik. Alle Feinde des Systems hatten sich vereinigt, um wieder einmal die 'Restauration zu fördern und da war es ein fein ersonnener Streich, eine von außen her angeblich drohende Gefanr aufzudecken und sie alsdas Werk eines inneren Feindes hinzustellen, dem die Republik unverdiente Großmut erwiesen hatte. Ein jüdischer Offizier, ein Angehöriger des Volkes, dem Frankreich die Menschenrechte verliehen hatte, war undankbar; er hatte ein Geschützmodell dem deutschen Kaiser verkauft. Die Generäle und die katholischen Royalisten schlugen Lärm. Sie konnten nichts beweisen; also mußten Dokumente her. Eine ganze große Gesellschaft schaffte das Material, das so berühmt gewordene Bordereau, dessen Clou der Zettel war mit den Worten „Diese Kana41Ie, der D. . . ." Der Zettel war gefälscht, alle anderen Dokumente ebenso. Dreyfus wurde verhaftet, verurteilt, degradiert und nach der Teufelsinsel geschickt. Aber, das Frankreich der Revolution und der Menschenrechte wollte dies nicht dulden. Der erste, der sich gegen die Schande empörte, war Georges Clemenceau. Ihi folgte der Kriegsminister Picquardt, der, ursprünglich von Dreyfus Schuld überzeugt, später den Mut fand, sich als düpiert zu bekennen. Die Reaktion schloß sich zusammen und die.. Stürme in der Kammer versetzten nicht nur Frankreich in Erregung. Sie wuchs bis zur Spaltung der öffentlichen Meinung, als Emile Zola auf den Plan trat. Er wurde verhöhnt, beschimpft und verurteilt. Er floh nach England und setzte von dort aus seinen Feldzug fort. Er erzwang die Verhaftung des von ihm als den Fälscher gebrandmarkten Obersten Henry, der in der Zelle Selbstmord beging. Zola nannte den Obersten PatyduClam als den Urheber der Kampagne, den Major Eszterh a z y als einen der verbrecherischen Spitzel. Und schließlich kam es zu dem Prozeß von Rennes, der mit der Freisprechung des auf der Teufelsinsel internierten Dreyfus endigte. Zolas Auftreten hat eine gegen das Judentum geplante Katastrophe verhindert. Der große Dichter hatte durch sein Wort das Recht eines Unschuldigen gerettet, aber auch Frankreichs Ehre, vor Schimpf bewahrt. Zionistische Arbeit in Neuseeland. Anfang Juli kam Dr. Alexander GoIdstein, der Delegierte des Palästina-Aufbaufonds (Keren Hajessod), in Auckland (Neuseeland) an. Im Rathaus veranstaltete der 'Bürgermeister einen Empfang für Dr. Goldstein. Eine öffentliche Versammlung war von über 1500 Personen besucht. Für den Keren Hajessod wurden L% 3000 aufgebracht, was in Anbetracht der Tatsache, daß die jüdische gemeinde der Stadt nur 140 Familien zählt, als Rekord *eseichnet werden kann. Auch für den Jüdischen Nationalfomts leistete Dr. Goldstein gute Arbeit. Am 20, Juli wurde Dr. Goldstein in Wellington vom Premierminister J. G. Coates empfangen. Der Minister brachte seine warme Sympathie für das jüdische Aufbauwerk in Palästina zum Ausdruck und sprach sich befriedigend über die hervorragende Rolle aus, die die Juden Neusee-Aands am Wiederaufbau des jüdischen Nationaiheims in Palästina unter dem britischen Mandat einsamen. In Welligton, das 200 Jüdische Familien zählt, brachte Dr. Goldstein für den Keren Hajessod über L. 1400 auf. Von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Auckland. Wellington, Christchurch und Dunadin wurden Pfund 6000 für den Keren Hajessod gezeichnet. Die gesamte jüdische Bevölkerung Neuseelands umfaßt etwa 450 Familien, so daß der Durchschnittsbeitrag zu den höchsten aller Länder zählt. Die Regierung des Dominions veranstaltete Doktor Goldstein zu Ehren eine herzliche Begrüßung und unterstützte seine Tätigkeit. Aus Konstantinopel meldet J. T. A.: In dem vor mehreren Tagen begonnenen Prozeß gegen acht Konstantinopler jüdische Bürger und einen jüdischen Soldaten, die beschuldigt waren, sich an antitürkischen Demonstrationen beteiligt zu haben, ist am 24. September das Urteil gesprochen worden. Die acht jüdischen Bürger wurden freigesprochen, der jüdische Soldat wurde zu 35 Tagen Gefängnis verurteilt. * Dieser Prozeß steht in Verbindung mit dem Schicksal der unglücklichen Elsa Niego, die am 17. August von einem abgewiesenen Freier, dem Generalstabsoffizier Osman Bey, auf der offenen Straße erschossen worden war. An dem Leichenbegängnis des aus einer angesehenen, aber verarmten spaniolischen Famftie stammenden Mädchens hatte die gesamte Judenschaft Konstantinopels teilgenommen. Es war bekannt geworden, daß man den Mörder, um ihn der Strafe zu entziehen, als geistesgestört in einer Irrenanstalt unterbringen wolle. Die Erregung, die sich der jüdischen Bevölkerung bemächtigt hatte, kam bei den Beerdigungsfeierlichkeiten in zornigen Ausrufen zum Ausdruck und es gab auch einen geringfügigen Konflikt mit der Polizei. Die Sache wäre ohne besonderes Aufsehen verlaufen, wenn nicht die türkische Presse sie zu einer maßlosen Hetze ausgenützt häte, die dann auch auf Kleinasien übergriff. Die nationalistische Stimmung in der türkischen Hauptstadt war durch den eben erfolgten Besuch Kemal Paschas verstärkt worden und so war das Leichenbegängnis der unmittelbare Anlaß zu einem Ausbruch der chauvinistischen Leidenschaften. Es wurden überall Versammlungen abgehalten, in denen die Juden auf das schärfste angegriffen wurden. Sie stünden, so wurde gesagt, auf Seite der Feinde des türkischen Staates und hätten im Jahre 1918 die Ententetruppen besonders warm begrüßt. Diese Hetze wurde, in Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna und Angora hemmungslos geführt und hatte traurige Folgen. In Konstantinopel, Smyrna und in anderen Städten nahm die Bevölkerung eine feindselige Haltung gegen die Juden ein; es kam zu Ueberfallen auf jüdische Läden und Klubs, auch eine antijüdische Boykottbewegung machte sich geltend. Das Martyrium der jüdischen Bevölkerung wurde aber noch verschärft, als sich auch offizielle Kreise der Bewegung anschlössen. Die Regierung ergriff antijüdische Maßnahmen, die zu dem Vorfall in keiner Verbindung standen und aus ihm nicht erklärt werden können. Den Juden Anatoliens wurde das Reisen auf das flache Land verboten und in Smyrna konnten ' große Versammlungen stattfinden, auf denen staatliche Beamte die Schließung der jüdischen Schulen, das Verbot der jüdischen Presse und schließlich die Austreibung der Juden forderten. Als dann die Konstantinopler Polizei wegen der Vorfälle bei der Leichenfeier a c h t angesehene jüdische Bürger und einen jüdischen Soldaten verhaftete, gab die Kammer in-Angora dem Staatsanwalt den Auftrag, die Angeklagten von Staats wegen w e g e n Gefährdung der Republik •zu verfolgen. Die Verhafteten wurden mit großer i Gehässigkeit .behandelt. Trotzdem hat die Untersuchung nichts Belastendes ergeben und der Prozeß mußte mit Freispruch enden. Nur der eine Soldat, der angeblich einen Polizisten gestoßen hatte, wurde verurteilt. * Der Prozeß und seine Vorgeschichte werfen ein grelles Licht auf die Lage der Juden in der Türkei. Es istnicht zu verkennen, daß diese hoffentlich abgeschlossene Affäre ein Glied in einer Kette politischer Entwicklung zum Schlimmen bildet, und leider liegt ein Großteil der Schuld für den Abstieg bei den Juden, respektive ihren Notabein. Die Türkei ist eines der Länder, in denen sich der schwere Schaden der Nachläuferei und der Rückgratlosigkeit direkt ausgewirkt hat. Vor zwei Jahren haben die Vorstände der Konstantinopler Gemeinde in einer solennen Deklaration beschlossen, auf alle ihre traditionellen Rechte und auf die in den Verträgen von Serres und Lausanne enthaltenen Bestimmungen zum Schutze der Minoritäten zu verzichten. Ihnen waren die ungarischen Juden mit dem schlechten Beispiel vorangegangen und die Folgen waren die gleichen gewesen. Die Rechtlosigkeit machte sich sofort geltend und die Möglichkeit, an ein auswärtiges autoritäres Forum zu appellieren, war abgeschnitten und die Judenschaft wurde zum Zielpunkt des nach den anatolischen Siegen besondes hochgespannten Nationalismus, der in ihnen ein wehr- und willenloses Objekt erblickte. Die Emilia Galotti aus dem Ghetto* Im „Prager Tagblatf schreibt J u s s y Hollos: Es währte mm schon einige Monate, daß Osman Bey, Sohn des hochgestellten Rhagib Pascha, vergeblich um die Liebe der Spaniolin Elsa Niego rang. Elsa Niego war sehr schön. Wenn sie mit ihrem geschmeidigen Gang durch das Ghetto Konstantinopels schritt, fiel es den Talmudstudenten schwer, den Kopf in die heiligen Bücher zu versenken. In der Glut ihrer schwarzen Augen leuchtete die prophetische Sendung Ruths und auf der erhabenen Reinheit der Stirne lagerte die Klugheit von Sabas Königin. Deshalb wurde sie auch von Osman Bey, dem Sohn des stolzen Rhagib Pascha, so heiß geliebt. Stundenlang verfolgte er sie durch enggewundene Judengäßchen, umwarb sie mit Schmeicheleien, trug ihr die kostbarsten Geschenke an und achtete nicht des heißen Hasses, der ihm aus den spaniolischen Ghetto-Antlitzen entgegenschlug. Es mußte ihm doch einmal geilngen, es konnte doch nicht ausbleiben, daß endlich die Leidenschaft ihrer Lippen Sieger blieb über die kühle Strenge ihrer Stirne. Und so ließ er nicht ab, wurde von* seinen Kameraden, den Söhnen stolzer Paschas, verspottet, und abends, wenn er aus dem Ghetto nach Hause schlich, sah er den Haß der Talmudstudenten in schadenfrohes Grinsen verwandelt. Was in Elsa Niego vorging, weiß iran nicht Liebte sie einen anderen oder war es Familienzwang oder sephardischer Stolz, daß sie seine Werbung zurückstieß? Ueber diese Sephardim berichtet das geographische Lexikon: . „Sie betrachten sich als den edleren Teil, fast als eine Adelskaste der Juden, und leiten .ihre Abstammung von Juda ab. Sie sind meist schwarzhaarig, dunkeläugig und oft sehr schön von Antlitz. Hochmütige Leute wie alle Glaubensstarken, wanderten sie, als die spanische Inquisition.-; sie fzum G.ouibenswechsel zwingen 'wollte, nach dem Balkan"'.und Kleiriasien aus. Südländisches Blut, maurischer Einschlag, wohl aus der Zeit herrührend, als die Räte an den Höfen zu Cordoba und Granada waren, strenges, alttestamentarisches Familiengcsetz."' All dies mochte in Elsa Niego mitsprechen, als sie von Osman Bey nichts wissen wollte. Der arme Osman Bey hatte schon sein ganzes Hafiz-Vokabular an Koseworten aufgewandt: von sanfter Gazelle angefangen bis zu Tautropfen des Himmels. Er überlegte, was zu tun sei, und leise in den Fernen seiner Seele gaukelte der Wunsch nach Rache. Die Türen nennen sich gerne „Gentlemen des Ostens", was ein Widerspruch im Beiwort ist. Nicht etwa, daß Türken, Araber oder Perser keine ehrenwerten Menschen wären. Aber Gentleman ist doch noch etwas anderes. Knapper, nüchterner im Lebensstil, ohne Buntheit und ohne Pathos. Ich glaube auch, daß ein westlicher Gentleman den Frauen anders gegenübersteht als der östliche. Wenn ein Gentleman ein Mädchen unglücklich liebt, ohne sie nicht leben kann und sie doch nicht bekommt, so geht er möglicherweise hin und bringt sich um. Osman Bey ging hm und brachte das Mädchen um. Hiebei vollzog er insofern die Synthese von Ost und West, als er sie nicht in einen Sack nähte und in die Wässer des Bosporus warf, sondern simpel einen europäischen Revolver benutzte: System Browning, Kaliber ,6,35, made in Belgium. Worauf er vom Schauplatz Verschwand. Es dürfte wohl auch in der Türkei ein Sanatorium geben, wo hochgestellte Verbrecher geisteskrank erklärt werden ... * Es war ein prunkvolles Begräbnis, das Elsa Niego yon den Sephardim bereitet wurde. Woher aber kam das Geld? Achthundert türkische Pfund kostete das Leichenbegängnis und die Familie ist arm. Hat sie eine Sammlung unter den reichen jüdischen Kaufleuten eingeleitet, um durch höhnischen Prunk gegen den Liebesschmerz Osman Beys zu demonstrieren? — „Wahrscheinlich", flüsterten viele Stimmen. Hat nicht Benai B'rith, der große jüdische Philanthropenbund, seine Hand mit im Spiel? — „Gewiß", bestätigte der anschwellende Chorus. Habt ihr die frechen Verwünschungen gehört, die beim Leichenbegängnis gegen die Türken in geheimnisvollen hebräischen Formeln ausgestoßen wurden? „Wir haben es gehört und verstanden", rief stürmisch die Massenpsychose und konstruierte im Nu die Massenanklage. Neun Juden stehen vor dem Konstantinopler Gerichtshof wegen Schmähreden gegen die Türkei,