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Die neue Welt · 1927-09-30 · Heft 2 (30.9.1927) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 2 (30.9.1927)
Date
1927-09-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 2 RUNDSCHAU. Es wird wieder geredet. Hindenburgs Tannenbergrede hat den erwarteten Effekt erzielt. Der deutsche Reichspräsident hatte geglaubt, vor einem sorgfältig, von Juden gereinigten Publikum hervorheben zu müssen, daß Deutschland reinen Herzens in den Krieg gegangen sei. Als ob es nie, ein Belgien gegeben hätte. Die Rede hatte zunächst die Folge, daß der Exkaiser an Hindenburg eine Dankdepesche schickte, in der er boshafterweise betonte, daß der Feldzug auf seinen Befehl erfolgt sei. Dann aber kam das Echo aus Frankreich. Der Justizminister Bart ho u, einer der gemäßigtesten Politiker, wandte sich im Namen der Regierung gegen die Hindenburgrede. Frankreich hätte gerne, sagte er, gegenseitiges Schweigen akzeptiert. Wenn immer wieder diese glorreiche Zeit des Seelenaufschwunges gepriesen wird, dann ist es unmöglich, einen Frieden herbeizuführen. Das ist die Ansicht Frankreichs. Aber die Ansicht der nationalen Oppositionsregierung in Deutschland ist eine andere. Sie will den Revanchekrieg, * Bei dieser Tannenberggeschichte ist übrigens verschiedenes passiert, das die deutsche Oeffentlichkeit beschäftigt. Ludendorff-Lundström, der Mann mit der blauen Brille, war anwesend und er vermied es, mit Hindenburg zusammenzutreffen. Der große Freknaurertöter fand, daß sein Ruhm als Massenmörder geschmälert würde, wenn der andere ' der beiden Dioskuren zu stark in den Vordergrund tritt. Außerdem aber war die Feier an einem unglücklichen Tag veranstaltet. Frau Ludendorff hat es ausgeplaudert. Der 17. September sei nämlich ein jüdischer Feiertag. Der 17. September war aber kein jüdischer Feiertag. Dagegen aber ist doch die Entscheidung in dieser Schlacht am 17. September gefallen. Hat Ludendorff das damals nicht bedacht gehabt, daß er einen Auftrag Alljudas vollzielt? ' Der Völkerbund hat seine Tagung abgeschlossen. Er hat einstimmig die polnische Resolution angenommen, die den Angriffskrieg verbietet. Wann ein Angriffskrieg vorliegt, wurde nicht gesagt und die Regierungen haben einige Erfahrung darin, sich im gegebenen Falle als angegriffen hinzustellen. Da würde also die Schuld am Angriffskrieg immer den anderen treffen und der Schluß wäre dann immer so eine Hindenburgrede vom reinen Herzen. Aber gerade diese Rede und ihr historischer Hintergrund müßte:alle Militaristen nachdenklich stimmen. Die große Waffentat (von der General Francois behauptet, sie - sei trotz Ludendorff geschehen) leitete für das klirrende Kaisertum eine neue Aera ein. Aber dreizehn jähre später ist sie eine Feier pensionierter; Generale. Wenn nur auch der Völkerbund dies beherzigen würde, kämen wir dem Frieden schon näher. Aber seine Staatsmitglieder sind mit Rüstungen beschäftigt.' ' ' '; In Oesterreich ist wieder einmal eine Anschluß- 'debatte entstanden. Man weiß, daß in angemessenen Pausen, wenn Oesterreich vom Völkerbund etwas will, irgend eine Partei auf dem Luxusklavier eine" Etüde anschlägt. Das ist entweder ein Bosheitsakt gegen den Völkerbund und die an ihn sich wendende Regierung oder, der Versuch der Drohung. Wenn ihr uns nichts gebt, dann sind wir lebensunfähig una gehen zum heiligen Deutschen Reich, um es von Tannenberg bis zum Brenner zu erweitern. Diesmal aber trägt die Debatte einen ganz anderen Zug: Die Reform des Strafgesetzes liegt vor dem Nationalrat. Das ist ein sehr mühsames, aber bedeutungsvolles Unternehmen. Die Juristen haben nun gemäß der Vorschrift die großzügige, voraussehende Konzeption Mendelssohns, der die einzig mögliche Lösung des Jüdenstaatsproblems in einem zwischen allen Staaten tobenden Weltkrieg erblickt, bewundern. Ein Judenstaatsprojekt In Italien, Die Jahre 1740 bis' 1790 waren mit fortwährenden Kriegen zwischen.Rußland und der Türkei, dem eigentlichen Besitzer Palästinas, ausgefüllt. Selbstverständlich suchte die Kaiserin Katharina in ihrem Kampf gegen die Türkei, der zugleich ein Kampf um die Machtstellung Rußlands im Orient gewesen ist, Elemente auszuspielen, die mit der türkischen Herrschaft unzufrieden warqn. Abgesehen von der fortwährenden Verhetzung der kleinen slawischen Bal- Kinvölker standen die damaligen russischen Behörden in engster Verbindung mit Bandenführern, die selbstverständlich für Geld stets bereit waren, durch einen Guerillakrieg die türkische Heeresmacht sowohl vom Kriegsschauplatz abzulenken, als auch zu zersplittern. Zu den gefährlichsten Anführern solcher Banden zählte um das Jahr 1780 Ali Bey, der nicht nur ein berüchtigter Bandit, sondern auch ein geschickter Führer seiner Bande gewesen ist und es verstanden hat, für seine an Rußland geleisteten Dienste einen ansehnlichen Lohn zu verlangen. Im Jahre 1781 lag im Hafen von Livorno eine russische Flotte mit einigen deutschen Offizieren, die am letzten türkischen Krieg teilgenommen hatten und, den berüchtigten Ali vom Hakenkreuz gefunden, daß man auf diesem Gebiet die Angleichung an Deutschland unbemerkt und ungehindert vollziehen könne, und sie haben den deutschen Entwurf mit Haut und Haaren akzeptiert. Da aber dieser Entwurf in einem Lande mit etwas kräftigeren Nerven erzeugt wurde und sich der allgemeinen Richtung anpaßt, hat er in dem viel weicheren Oesterreich Bedenken hervorgerufen. Sie kommen, o Wunder, vor allem in der „Arbeiter-Zeitung" zum Ausdruck und mit ihr sagen alle Anschlüßler, daß es s o nicht gemeint war. Diese Marschrichtung kann Oesterreich nicht mitmachen und diesen Anschluß wünscht man hier nicht. Das sagt man nicht so gerade heraus; man kann doch nicht alle feierlichen Erklärungen der letzten Jahre desavouieren. Aber es ist doch eine andere Stimmung geworden und man sieht das Problem etwas schärfer an ... Antisemitische Exzesse In Bulgarien. Ende August waren verschiedene Städte B u 1g a r i e n s der Schauplatz schwerer Unruhen die von dem Klub der Reserveoffiziere, einer fasclstischen Organisation, ausgingen und sich in der Hauptsache gegen die jüdische Bevölkerung richteten. Besonders arge Exzesse ereigneten sich in Philippopel, wo sie sogar pogromartigen Charakter annahmen. Das Stadtviertel Orta-Mezar wurde von Mitgliedern der fascistischen „Rodna Zastita" überfallen. Jüdische Passanten wurden von Bewaffneten mißhandelt, Geschäfte und auch Privatwohnungen demoliert. Zahlreiche Personen wurden verwundet und liegen noch jetzt in den Spitälern. Auch in Sof ia haben sich derartige Ausschreitungen, allerdings Ui geringerem Umfang, ereignet. Diese Unruhen haben Ihre Quelle zunächst in den innerpolitischen Vorgängen. Auch in Bulgarien, das im Friedensvertrag schwer mißhandelt wurde, ist die nation-distische Reaktion erstarkt und ist es u n t e r m i; i t a r i s t i s c h e F ü hrung geraten. Sie war aber ursprünglich nicht gegen die Juden als eine gesonderte Gruppe -gerichtet. Diese Tendenz ist erst durch die russischen Flüchtlinge geschaffen - worden. In Bulgarien sind zahlreiche W r a n g e 1 - L e ut e untergebracht, die ihre antijüdischen Hetzereien im großen betreiben. Das jüdische Konsistorium hat wiederholt bei der Regierung Beschwerde eingelegt und der seinerzeitige Außenminister Kalfow hat scharfe Maßnahmen zugesagt. Eine Besserung der Verhältnisse scheitert jedoch daran, daß der Völkerbund die Frage der russischen Emigranten bisher nicht lösen konnte, da sich . der Widerstand der Sowjetregierung , nicht . tiberwinden läßt Aber um Exzesse dieser Progrqmisten zu. verhüten, dazu würde die Kraft der bulgarischen Regierung ausreichen. Nicht zu vergessen ist der Umstand, daß sich unter den bulgarischen Intellektuellen sehr viele Personen befinden, die an Wiener und reichs- ■ deutschen Hochschulen studieit haben und hier vom Hake n k r e u zg i f t infiziert worden sind. Sie tragen den in deutscher Umgebung erwor- . benen Haß in die Heimat und die Folgen sind dann die geschilderten Ereignisse. Intensivierung der Handelsbeziehungen zwischen Polen und Palästina. Der polnische Generalkonsul für Haifa, Dr. Hausner, hat eine Reihe polnischer Städte, vor allen Warschau und Lodz, besucht und In Besprechungen mit Fabrikanten und Industriellen neue Wege für die Intensivierung des Handels zwischen Polen und Palästina gesucht. Dieser Tage 'hatte Dr. Hausner eine längere Unterredung mit dem polnischen Handelsminister Kwiatkowski, der Dr. Hausner u. a. mitteilte, daß demnächst zwei polnische Frachtschiffe den Verkehr zwischen Danzig und Haifa aufnehmen sollen. (Ziko.) Bey persönlich kannten. Diese deutschen Offiziere suchten nun. mit der zahlreichen Judengemeinde in Livorno, deren Mitglieder , sich in guter wirtschaftlicher Position befanden und über große Korallenfabriken verfügten, in Verbindung zu treten. Sie schlugen den Juden von Livorno vor, AH Bey, der seinen Krieg gegen die Türkei äußerst glücklich geführt hatte und dem es sogar gelungen war, durch, einen Handstreich in den Besitz eines großen Land-- Striches von Palästina, Jerusalem inbegriffen, z-u. gelangen, zu bewegen, „für einen gewissen Preis Jerusalem der jüdischen Nation zu überlassen4-. Es ist leider schwer festzustellen, ob diese deutschen Offiziere diesen Plan aus eigener Initiative oder über Veranlassung Ali Beys, dessen Begierde nach Reichtümern unersättlich war, unterbreitet haben. Eines ist klar und steht fest, daß Ali Bey den Plan der deufr sehen Offiziere billigte und sich bereit erklärte, gegen große Geldsummen und Unterstützung seitens Rußlands, für die Rückerstattung Palästinas an die Juden einzutreten/Bezüglich des Geldes waren die deutschen Offiziere überzeugt, daß die Juden sicherlich ihr möglichstes tunt werden, um die von ihm geforderten Geldmittel zur Verfügung stellen zu können. Mit der Unterstützung von Rußland konnten sie rechnen. Sie wußten, daß Rußland die Schwächung der Türkei, von welcher Seite sie auch käme, willkommen war, weil es darin nur politische Vorteile und eine Stärkung der eigenen Position erblickte, Diese Sind die Wiener Hochschulen verjudet? Aus Berlin wird uns gemeldet: Bekanntlich kämpft die freiheitliche Minderheit in der Deutschen Studentenschaft um die großdeutsche Idee und verlangt, daß die Studentenschaft sowohl im Reich als auch tn Deutschösterreich alle reichsdeutschen und deutsch-österreichischen Studierenden umfaßt. Dieser Forderung wurde seit Jahren von der völkischen Mehrheit die „Verjudung" der österreichischen Hochschulen entgegengehalten, die eine Gefahr für das Deutschtum darstelle. Im Verlaufe des; Streites setzten , die preußischen „Studentenschaften" einen Ausschuß von fünf ihrer Führer ein, mit der besonderen Aufgabe, die. Verhältnisse an den österreichischen Hochschulen zu studieren und darüber zu berichten. Dieser „Fünferausschuß" Ist vor wenigen Tagen von seiner Reise zurückgekehrt und' hat nun seinen Bericht veröffentlicht. Der Ausschuß hat die amtlichen Statistiken selbst nachgeprüft und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß die bisher von der „Deutschen .Studentenschaft" veröffentlichten Zahlen teils falsch, teils entstellt sind. Zunächst referiert er über die Zusammensetzung ider dortigen sogenannten „Deutschen Studentenschaften". Sie bestehen einzig und allein aus den „arischen" Hörern österreichischer Staatsangehörigkeit und den „arischen" Reichsausländern, obwohl bekanntlich ein erheblicher Teil der Finanzierung dieser „Studentenschaften" durch Zwangsbeiträge aller Studierenden im Reich aufgebracht wird. Hörer, die nicht jüdischer Religion, aber jüdischer Abstammung sind, können nicht Mitglieder werden; aber auch wenn sonst „ein Verdacht gegen die rein arische Abstammung eines Hörers" (wörtlich zitiertl) besteht, so hat dieser eine Kommission der Deutschen Studentenschaft gegenüber „seine deutsche Abstammung bis Ins dritte Glied nachzuweisen"; wenn jüdische Vorfahren auch in früheren Geschlechtern ihm nachgewiesen werden, kann er gleichfalls nicht Mitglied werden. Weiterhin stellt der Ausschuß eindeutig fest, daß keine dieser „Studentenschaften" staatlich anerkannt ist und nur einzelne auf Grund eines Rektoratserlasses gebildet sind.. ' Schließlich bringen die Zahlen, die der Bericht veröffentlicht, den ganzen Unfug zu Tage, den" die „Deutsche Studentenschaft" bisher in ihrer Argumentation -getrieben hat. Von der Universität und der Hochschule für Welthandel in Wien wurde bisher am lautesten: die „Verjudung" verkündet, — von 50 bis 60 Prozent wurde gesprochen; der Ausschuß stellt.23 Prozent ,an.. der Universität, 22 Prozent an der Hochschule für Welthandel fest. .Aber hier sind alle ausländischen Juden noch inbegriffen." Damit ist bisher die größte Verdrehung getrieben worden, denn niemals ist vori irgend einer Seite die. Aufnahme von solchen Ausländern in die deutsche Studentenschaft- Verlangt worden. Der Ausschuß stellt fest: es ist immer nur die Aufnahme der Juden deutscher und deutschösterreichi- , scher Staatsangehörigkeit und solcher anderen Juden verlangt worden, die sich zum deutschen Volkstum .bekennen. Hier werden folgende Zahlen festgestellt: . der Prozentsatz der jüdischen Inländer zur Gesamtinländerzahl ist an deii Uni v er s i t ät Wi eh 1 7,5 Pr ozent, an der Hochschule f tir We rt ha n d ei l 1,8 Pr ozent, an der Technischen Hochschule Wien 9 Prozent, an den Übrigen österreichischen Hochschulen zwischen 5. Prozent und. 0,3 Prozent, alles Zahlen, deren höchste etwa -dem Berliner Prozentsatz auf der Universität entsprechen. Der Ausschuß berichtet von seinen Verhandlungen mit den dortigen Studentenschaften: auch auf die Vorhaltungen, daß bei den vorliegenden Statistiken von einer „Verjudung" der österreichischen Hochschulen nicht die Rede sein könne, erklärten die dortigen Vertreter, sie lehnten jede f r e i:\v.i 11 i s e G e m e i n s c h a f t m i t Juden ab. Der Fünfer ausschuß bestand ausschließlichaus Herren der völkischen Mehrheit; auch ein Vorstandsmitglied der „Deutschen Studentenschaft", hat. den Bericht mit unterschrieben. Forderung zu erfüllen, war nach Ansicht der Offiziere nicht so schwer. In diesem Sinne verhandelten sie nun mit den Juden von Livorno, die mit Begeisterung den Plan aufgriffen. Ja, diese machten bereits glänzende Entwürfe, und wie ein Zeitgenosse berichtet, „schmeichelten sie sich mit der Garantie großer Höfe und träumten vielleicht gar von der Aufbaüung des Tempels." Da sie. aHein nicht in der Lage waren, die großen Geldsummen zu leisten, richteten sie an die jüdischen Gemeinden in England und Holland einen Aufruf, zur Verwirklichung des Planes Geld beizusteuern. Die Aufbringung der verlangten Summen würde bei der Verwirklichung dieses Planes die geringsten Schwierigkeiten gemacht haben, aber der inzwischen eingetretene Tod AH Beys bereitete allen Unterhandlungen ein Ende und ein Zeitgenosse macht vielleicht den richtigen Einwand: „Wer weiß, wie weit es noch mit diesem seltsamen Plane gekommen wäre, wenn Ali Beys eingetretener Tod die Fortsetzung der Verhandlungen nicht unmöglich gemacht hätte." Diese Episode scheint in jener Zeit doch Eindruck gemacht z-u haben. Wenn wir auch keine genauen Berichte hierüber besitzen, so muß doch darauf hingewiesen werden, daß die im Erstlingswerk Friedrich Schillers „Die Räuber" (1781 erschienen), wenn auch1 ironisch, erwähnten Anspielungen in der Szene Karl von Moors und Spiegelbergs vielleicht unter dem Eindruck dieser Episode entstanden sind,

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