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Die neue Welt · 1927-09-30 · Heft 2 (30.9.1927) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 2 (30.9.1927)
Date
1927-09-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 DIE NEUE WELT Seite 3 jetzt im jüdischen Volke nur zirka 250.000 Zahler, die freiwillige Beträge leisten, an der Anleihe aber werden sich unbegrenzt alle Schichten der jüdischen Massen beteiligen. Auf die einzelnen Details1 des Anleiheplans eingehend, führte Herr Naiditsch sodann aus: Es wird eine „Societe Civiie" gegründet, die den Namen tragen wird: „Erste inner jüdische Palästina-Anleihe". Die Gründer der „Societe Civiie" sind der Keren Kajemeth Lejisrael und der Keren Hajessod. Der Keren Kajemeth Lejisrael und der Keren Hajessod übernehmen die Bürgschaft für die Anleihe. Die Höhe der Anleihe wird auf fünf Millionen Pfund Sterling festgesetzt in einer oder mehreren Emissionen. Die Anleihe wird nur für Pflanzungen und Gemüsekultur bestimmt und verfolgt den Zweck, auf dem Boden Palästinas mehrere tausend jüdische Familien anzusiedeln. Die Anleihe soll in 3 7 Jahren zurückgezahlt werden, und zwar derart, daß in den ersten sieben Jahren nur die Zinsen ausgezahlt werden und erst vom achten Jahre ab die Amortisierung beginnt. Die Höhe der Verzinsung wird auf sechs Prozent pro Jahr bestimmt. Die Meinungen in bezug auf den Subskriptionspreis schwanken zwischen 105 Prozent und sogar 95 Prozent. Nach der Auszahlung der Dividenden für die ersten Coupons hoffen wir die Anleihe auch auf dem Finanzmarkt zu placieren. An der Spitze der „Societe Civiie" stehen: ein Atifsichtsrat und ein „Trustee". Dieser „Trustee" wird über die Beträge der Anleihe verfügen, um sie als Darlehen zwischen dem Keren Kajemeth Lejisrael und dem Keren Hajessod zu verteilen. Die Verteilung der Gelder zwischen dem Keren Kajemeth Lejisrael und dem Keren Hajessod soll auf folgender Basis erfolgen: a) 25 Prozent werden dem Keren Kajemeth Lejisrael gegen erste Hypotheken auf dem durch ihn erworbenen Boden mit einer Marge von 30 Prozent geliehen; b) 75 Prozent der Gelder werden dem Keren Hajessod ebenfalls mit einer Marge" von 30 Prozent geliehen. Die Beträge, die der Keren Hajessod als Darlehen bekommen'wird, müssen zur Ansiedlung von Kolonisten verwendet werden, die sich mit Pflanzungen und Gemüsekultur befassen und werden n u r gegen Hinterlegung der Pachtscheine und Verpfändung des lebenden und toten Inventars hingegeben. Ein Komitee, bestehend aus 7 Mitgliedern, und zwar 2 Vertretern des Keren Kajemeth Lejisrael, 2 Vertretern des Keren Hajessod, 3 Vertretern der Exekutive-der Zionistischen Weltorganisation, wird ernannt und übt folgende Funktionen aus: a) Ausarbeitung des Statuts der „Societe Civiie", b) Organisierung der Propaganda und der Kampagne zugunsten der Anleihe, c) Kontrollierung der ordnungsgemäßen Verteilung der Gelder entsprechend den angeführten Bedingungen. Aufgabe der Anleihekommission ist es nun, alle Details des Projektes auszuarbeiten, und auch einflußreiche Finanzkreise; die allgemeines Vertrauen genießen, zuzuziehen, die den Aufruf zur Anleihe mitunterzeichnen werden. Der Plan: der Anleihe soll der nächsten 'Aktionskomiteesitzung zur Sanktionierung unterbreitet werden. Der Sitz der Kommission wird Paris sein, mit einer Sufo-Kommission in Palästina. Zwei Judenstaatsprojekte*). Mendelssohn und ein Judenstaatsprojekt. Am 23. Jänner 1770 sandte an Moses Mendelssohn „ein Mann vom Stande" ein geschlossenes Paket, das von einem Schreiben des Direktors der königlichen Hauptbank zu Berlin, Köß, begleitet war. Köß teilt Mendelssohn mit, daß „ein Mann vom Stande", den er als Menschenfreund kenne und liebe, dessen Namen er jedoch verschweigen müsse, ihn ersucht habe, Mendelssohn das beigeschlossene Manuskript zur Begutachtung zu übergeben. In «dem Schreiben dieses Mannes wird auf die Aufforderung des Lavater, Mendelssohn möge zum Christentum übertreten, Bezug genommen. Diese Aufforderung habe ihn veranlaßt, sich mit dem Problem des jüdischen Volkeseingehend zu beschäftigen. Vor allem beschäftige ihn die Frage, was das Wohl eines Staates und das des eigenen „Ich" für das Individuum bedeuten kann. In der Beiläge, erklärt der Schreiber, wird Mendelssohn *) Wir bringen mit ßewiligung des Verfassers zwei Kapitel aus dem soeben erschienenen Buch von Dr. N. M. Gelber „Zur Vorgeschichte des Zionismus" (Phaidonverlag — Wien). Das Buch ist eine auf Grund wissenschaftlicher Forschung einzigartig und packend geschriebene Darstellung der Vorgeschichte der modernen zionistischen Bewegung, die jeder lesen muß, der das Wesen der ludenfrage kennen lernen will. Politisches aus Polen. Orthodoxe und Assimilanten wollen die jüdische Einheit sprengen. In G r o d e k-J a g i e 11 o n s k i bei Lemberg hat über Veranlassung des Wunderrabbi von Beiz und des Lemberger Assimilantenführers Dr. Osias Wasser eine geheime Konferenz orthodoxer Rabbiner Galiziens stattgefunden. Teilgenommen haben Rabbiner, denen die Aguda zu „fortschrittlich" ist. Unter dem Vorwande der Beratung religiöser Angelegenheiten wurden wichtige politische Fragen behandelt. Nebst einem Proteste gegen die Ausdehnung des Pilsudski-Dekrets auf die jüdischen Kultusgemeinden Galiziens — dieses Dekret demokratisiert das alte rückschrittliche Wahlrecht — galten die Verhandlungen der Verbindung dieser äußersten Orthodoxie mit der assimilatorischen Politik, behufs Spaltung der jüdischen Front in Polen. Der geistige Vater dieser Verbindung soll der neuernannte W o j e w o d e in Lemberg sein. An Stelle des früheren Statthalters für Galizien sind fünf Wojewoden getreten. Der Schritt des Lemberger Wojewoden scheint eine Rückkehr zur alten Schiachzizenpolitik zu bahnen, zu der Politik, die sich der Orthodoxie und der Assimilation bediente, um die Juden rechtlos zu machen. In Lemberg wurde der Gemeinderat aufgelöst. Der Wojewode hat dem Regierungskommissär einen ernannten Beirat beigegeben. Nur fünf Juden wurden in diesen berufen, obzwar der Bevölkerungzahl nach den Juden ein Vielfaches gebührte. Zwei Zionisten, der Chefredakteur der „Chwila" Hescheles und Dr. Schnorak; zwei Assimilanten, Dr. Wasser und Dr. Ruf, und ein Handwerker, Glasermann. Im Jahre 1922 bei den letzten Parlamentswahlen erlangten die Zionisten fast alle Mandate. Kein Assimilant wagte auch nur zu kandidieren. Bei den unlängst durchgeführten Gemeinderatswahlen in Galizien waren die Zionisten noch führend und erfolgreich. Soll die ungerechte Ernennung einer gleichen Zahl von Assimilanten und Zionisten in den Lemberger Gemeindebeirat den Anfang des Rückfalls in die alte vergessene Aera der Hausjudenpolitik bedeuten? In Krakau tagte die Hauptleitung der antizionistischen Orthodoxie, der Aguda. Man befaßte sich auch mit den kommenden Parlamentswahlen. Der Referent Abgeordneter Kirschbraun behandelte vier Möglichkeiten: ein jüdischer Block im ganzen Staate, ein technischer Block der nationalen Minderheiten der Republik, eine selbständige orthodoxe Wahlliste und ... ein orthodoxer Wahlblock mit einer der polnischen Parteien. Die bloße Erwägung der letzten Eventualität spricht Bände. Es verlautet , daß diesbezüglich bereits eine Fühlungnahme zwischen der Aguda und dem Führer rTtaiiiil I Sonntag den 9. Oktober findet um 8 Uhr abends im i I Olympiasaal, I., Rothgasse 5, ein Massenmeeting statt, f Z bei welchem f I Herr Oberrabbiner Dr. Chajes | | über den XV. Zionistenkongreß sprechen wird. | eine' ausführliche Abhandlung über das Judenproblem und dessen Lösung finden. Er ersuche ihn aber, diese Beilage unter einer Bedingung zu lesen, und zwar, daß er sich nicht bemühen werde, nachzuforschen, wer der Schreiber sei. Die Antwort möge er an den Ueberr'eicher dieser Korrespondenz richten. Die Beilage solle er auch nicht' früher eröffnen, als bis er "allein in seinem Zimmer weile, und die Lektüre nicht in Gegenwart fremder Personen vornehmen. Der Inhalt der Beilage ist uns leider unbekannt, aber aus der Antwort Mendelssohns an „den Mann vom Stande" läßt sich der Inhalt rekonstruieren. In seiner Antwort erklärt Mendelssohn, daß er keineswegs in der Lage sei, ein Projekt zu beurteilen, das die tiefsten Kenntnisse der Statistik voraussetze. Die vorgeschlagene Idee scheine ihm groß und in einem Geiste entstanden zu sein, der sich seiner Kräfte bewußt ist. Der Verfasser des Vorschlages sei seiner Meinung nach gewohnt, groß und Weise zu denken. Besonders imponiere ihm die Zuversicht, mit welcher der Verfasser von der Ausführung eines so kühnen Unternehmens spricht. Schon dies allein habe ihm eine große Hochachtung für seinen Charakter abgerungen. In der Durchführung des Planes sieht er jedoch die größten Schwierigkeiten, ebenso in dem Charakter der jüdischen Nation, die nicht vorbereitet genug sei, irgend etwas Großes zu unternehmen, denn „der Druck, iiHter welchem wir seit so vielen Jahrhunderten leben, hat unserem Geist alle vigeur benomdes polnischen „Klub der Arbeit", dem Abgeordneten B a r t e 1, stattgefunden hat. Die angeführten Beispiele sind symptomatisch. Sokoloff sprach jüngst aus, den dreißigjährigen Krieg gegen die Assimilation wieder aufzunehmen. Jedenfalls ist die von den Natiohaljudcn in harter Arbeit geschaffene politische jüdische Einheit in großer Gefahr. _____ Der neue Vorstand der Berliner Judengemeinde. Sturz des bisherigen liberalen Präsidiums. — Der Block der Nationalen und Konservativen bildet das Präsidium. Vor fast zwei Jahren fanden die Wahlen in den Vorstand der Berliner Judengcmeindc statt. Die Partei der auf ein assimilatorisches Programm-cingeschworenen Liberalen, welche seit Jahrzehnten die Majorität und das Präsidium innehatten, erlitt eine Niederlage. Die auf nationalem Boden stehende, von dem bekannten Zionistenführcr Dr. Alfred Klee geleitete „Jüdische Volkspartei", welcher sich eine religiös-konservative Gruppe angeschlossen hat, errang die Majorität. Durch Proteste bei den Behörden gelang es den Liberalen die Konstituierung des Vorstandes weiter zu verzögern. Nun, nachdem die endgültige Entscheidung der Regierung zugunsten der neuen Majorität erfolgte, fand die Konstituicrungssitzung am 26. September statt. Herr Moritz A. Loeb gab die, Erklärung ab, daß die Gruppen der Jüdischen Volkspartei, der Konservativem und der Religiösen Mittelpartei im Wahlkampf mit einem Programm, das eine Reihe „von gemeinsamen Punkten enthielt, eine gegen die J i b c r a 1 c R i c h t u n g gerichtete Front vertreten hätten und daß deshalb der Spitze der Rcpräsentantenvcrsammlung ein Charakter gegeben werden müsse, der das Ergebnis der Wahl auch äußerlich versinnbildlicht. Er schlage deshalb als Vorsitzenden Herrn Geheimrat Dr. Julius Stern vor, dessen Persönlichkeit auch den Liberalen aus'vieljähriger Zusammenarbeit vertraut ist. Herr Prof. Türk erklärte darauf namens der Liberalen Partei, daß diese eine solche „Blockbildung" vom demokratischen Standpunkt nicht anerkennen könne und daß die Liberale Fraktion als die stärkste im Hause auf den Vorsitz Anspruch erhebe. Sollte diesem Anspruch nicht stattgegeben werden, so werde sich die Liberale Fraktion an dem Präsidium und dem Bureau überhaupt nicht beteiligen. Bei der Abstimmung ergab sich, daß 11 Stimmen für Geheimrat Dr. j u Ii u s Stern (Religiöse Mittelpartei), 10 Stimmen für den liberalen Kandidaten, den bisherigen Vorsitzenden Rechtsanwalt Heinrich Stern, abgegeben wurden. Geheimrat Stern war damit zum Vorsitzenden der Rcpräsentantenversammlung gewählt. Zum ersten stell vertretenden. Vorsitzenden wurde ge-. wählt Rechtsanwalt Dr. Alfred Kl e e (Jüdische Volkspartei), zum zweiten stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Moritz A. Loeb (konservativ), Schriftführer wurde Herr Landgerichtsrat Rau, zu seiner Vertreterin wurde ge-. wählt Frau Lina Wagner- Taub e r. Die Liberale Fraktion beteiligte sich an den Abstimmungen nicht. Eine Palästinasektion der österreichisch' orientalischen Handelskammer. Auf der letzten Generalversammlung der öster-! reichisch-orientalischen Handelskammer -wurde ' ein ausführlicher Bericht über die Handelsbeziehungen zwischen Oesterreich und Palästina erstattet, worauf beschlossen wurde, im Rahmen der Kammer eine besondere Palästina-Sektion zu schaffen. Mit den zionistischen Stellen in Palästina wie auch mit dem österreichischen Generalkonsul und den jüdischen Handelskammern in Palästina wurden Vereinbarungen zwecks einer engeren Zusammenarbeit getroffen. men. Es ist nicht unsere Schuld, allein wir können nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns alle Tätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verwandelt und äußert sich bloß im Beten und Leiden, nicht im Wirken". Schon deshalb sei er nicht in der Lage, an die Möglichkeit „einer Vereinigung der so sehr zerstreuten jüdischen Nation" zu glauben, und ohne Vereinigung kann und wird der vorgelegte Entwurf nicht gelingen können. Ferner glaube er, daß dievorgeschlagene Unternehmung, unermeßliche Summen erfordere und er, Mendelssohn, wisse, „daß der Reichtum seiner Nation mehr im Kredit als im wirklichen Vermögen besteht, und (er) kann nicht glauben, daß ihre Kräfte hinreichen, solche zu erschwingen." Wenn auch übrigens, die Begierde zur Freiheit noch so groß und die Liebe zum glänzenden Metall noch so gering gewertet würden, dieses Projekt kann seiner Meinung nach nur dann ausgeführt werden, wenn die Großmächte Europas in einen allgemeinen Krieg verwickelt sind und jede für sich zu sorgen hat. In der Ruhe, in der sie dermalen leben, kann eine einzige eifersüchtige Macht das Projekt scheitern machen. Die unglücklichen - Kreuzige scheinen diese Besorgnis nur zu sehr zu rechtfertigen. Aus dieser am 26. Jänner 1770 erfolgten Antwort Mendelssohns, der am Schlüsse seines Schreibens ewiges Stillschweigen gelobte, ist zu ersehen, daß ihm „der Mann vom Stande" ein ausgesprochenes Jutenstaatsprojekt vorgelegt hatte. Für jeden Fall muß man

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