Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 2 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 2 Hotel „NATIONAL" Restaurant S ft Wien, f IIa, Zentrale Lage, 200 Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon IL, Taborstraße 18 5?! "tto" Unter der bewahrten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. 0 rü n e r Vorzügliche Wiener, ungarisch* und Olli INT ALIS CHI (rumänische) KUehe. Wienerbrau und Pilsncf Urquell rückgang durch die Abnahme der Sterblichkeit bisher | Zuwachs unter den Juden sogar etwas höher als bei den wettgemacht wird. Das kann aber nur solange der Fall sein, als die besten Altersjahre noch' verhältnismäßig stark vertreten sind. Wenn aber ihre Vertreter in die höheren Altersgruppen kommen, dann wird naturnotwendig die Sterblichkeit zunehmen, der Geburtenüberschuß sich vermindern und damit schließlich die Bevölkerung abnehmen. Dazu kommt noch die Flucht der Kulturmenschen vor dem Kinde, die im Zusammenhang mit der zu" erwartenden Zunahme der Sterblichkeit zur Furcht vor der Entvölkerung führt. „Wer nicht den Ehrgeiz hat", sagt ein Schweizer Bevölkerungsstatistiker, „daß sein Volk gegenüber anderen an Macht gewinnen soll, was in der Hauptsache durch, eine Bevökerungsvermehrung geschehen kann, der wird doch den Wunsch hegen, daß es nicht untergeht. Der Untergang . wjrd aber unvermeidlich sein, sobald die Bevölkerung abnimmt." Es ist daher auch für. uns Juden höchste Zeit, zu untersuchen, .wie die Verhältnisse bei uns liegen, ob wir eine hohe oder niedrige Geburtenzahl haben, ob bei uns die. Sterblichkeit eine starke oder geringe $t, und ob und welchen Geburtenüberschuß wir noch verzeichnen können. Der bekannte Statistiker Jakob Lestschinsky hat sich dieser notwendigen und dringenden Aufgabe unterzogen und die Resultate seiner Untersuchungen in einer , in der internationalen, .statistischen Zeitschrift „Metrbn" (Vol. VI, Nr. '2, I—VL, 1026, 157 Seiten, Padua) erschienenen Publikation niedergelegt, die in Hinkunft von niemandem, der sich, ernstlich mit dem Judenproblem im allgemeinen und mit dem Pälästiriäaufbau im besonderen beschäftigen will, übergangen \yerden kann. Nachdem Lestschinsky an der Hand eines ungeheuer großen Ziffernmaterials die Gebürtigkeit bei verschiedenen kulturell und sozial zurückgebliebenen und hochstehenden Gemeinschaften und deren verschiedenen sozialen Gruppen und' Klassen untersucht, das Fallen der Gebürtigkeit bei iden letzteren feststellt, das Tempo dieses Fallens. bei verschiedenen Nationen und. "bei .den differenten feilen derselben ermittelt, den , Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Gebürtigkeit, sowie die Abhängigkeit derselben von' der sozialen und' kulturellen Lage; den A'lters- und Geschleohtsaufbau usw. untersucht hat, stellt er die für jede Gemeinschaft geltenden Grundsätze auf, daß 'eine hohe Geburtenziffer In dem Bestreben begründet ist, die schlechten1 Lebensverhältnisse, welche der Erhältung der Individuen hinderlich sind, durch eine g r oße Zahl derselb e n ' zu ' kompensieren, daß ferner das gesteigerte Verantwortungsgefühl den Kindern gegenüber, die größeren Anforderungen in bezug auf ihre Erziehung und Ausrüstung für den Kampf ums Dasein, zur Einschränkung der Kinder zahl, führt. Er .stellt .ferner fest, daß dje/Westjuden denn Typus des Bourgeois im Judentum angehören, d. h.. daß. sie hinsichtlich ihrer Klassenlage "überwiegend zur Gruppe der mittleren und größeren Unternehmer und, soweit es sich um die Unselbständigen handelt, in bedeutendem Maße zu jener Gruppe .gehören, die in i h r e r L e b e n s h a 11 ü n g mehr in der Richtung, zu.r Bourgeoisie tendiert als zum Proletariat; im Östjudentum überwiegt das kleinbürgerliche, vermittlerische und kleinindustrielle Element und Handwerkerproletariat; im neuen Judentum, das sich in den Inunigrationsländern. herausgebildet hat, besitzt bereits die werktätige Schichte das Uebergewicht über die vermittlerischen und kleinbürgerlichen Gruppen. Das Studium der; von Lestschinsky gebrachten Daten und Ziffern läßt zu folgenden von ihm gezogenen Schlüssen' kommen: In allen; Ländern der jüdischen Diaspora ohne Ausnahme kann man. bei den Juden, ganz besonders bei den Ostjuden, ein ziemlich intensives Sinken der Geburten, der; Sterblichkeit und des BevölkerungsZuwachses beobachten. Wenn auch diese Erscheinungen bei den anderen Völkern, in deren Mitte die Juden leben, ebenfalls zu beobachten sind, so eilt dennoch die. j üdlsch e Bevölkerung der nicht jüdischen um mehrere Jahrzehnte voraus, insbesondere aber in bezug auf das Fallen der Gebürtigkeit. Die jüdische Bevölkerung weist nämlich in sämtlichen Ländern eine geringere Gebürtigkeit und Sterblichkeit als diejenigen. Völker auf, in deren Mitte sie lebt. Was den Bevölkerungszuwachs anbelangt, so Ist er in den Ländern mitüberwiegend bourgeioser Zusammensetzung der Juden, bei der jüdischen Bevölkerung bedeutend geringer als bei der nichtjüdischen; in den Gebieten, wo die werktätigen und kleinbürgerlichen Elemente unter den Juden vorherrsoljen, steht der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung ungefähr auf derselben Höhe wie bei den Nichtjuden; in den Ländern, •wo die; jüdische Bevölkerung sich im Uebergangsstadium •befindet, wie z. B. in Ungarn, ist der .Bevölkerungs- Nichtjuden. Dabei ist die merkwürdige Beobachtung zu machen, daß die Entfernung, welche das Westjudentum von den westeuropäischen Wirtsvölkern in der .Geburtenfrequenz trennt, viel weiter, ist als die diesbezügliche Entfernung zwischen dem Ostjudentum und den osteuropäischen Wirtsvölkern. Der AItersaüfbau der Juden unterscheidet sich von dem der sie umgebenden Bevölkerung besonders: stark. Sie sind auch von den Wirtsvölkern durch die höhere soziale Gliederung und vielfach auch durch einen höheren Wohistandsgrad differenziert; sie» befinden sich in fast allen Ländern auf einer höheren Kulturstufe als die Nationen, in deren Mitte sie leben, einer Kulturstufe, welche den Juden gewisse Gharakterzüge verleiht, wie z. B. die ganz besondere Sorgfalt in der Pflege und Behandlung der Wöchnerinnen und der. Kinder, die. besondere Achtsamkeit auf ihre Gesundheit, die besonders stark ausgeprägte Todesfurcht und die Bereitschaft, materielle Opfer zu bringen, um die Familienangehörigen, auch die schwächsten und hoffnungslosesten, äm Leben zu erhalten. Alle diese Faktoren wirken in erster Linie auf die niedrige S ä ug Ii n g s s t e r b- 1 i,c h k e i t ein, welche ihrerseits die allgemeine jüdische Sterblichkeit senkt. Lestschinsky faßt seine Ausführungen wie folgt zusammen: „Mit einem ruhigen Gewissen können wir behaupten, daß die Stimmen über eine Degeneration der Juden in der Diaspora, welche die jüdische Öffentlichkeit schon ein halbes Jahrhundert lang beunruhigen, biologisch nicht begründet sind. Gewiß, sind an diesem nationalen Lebensbaum verdorrte und allmählich verdorrende Zweige vorhanden, das sind aber jene dürren Zweige, welche sich von der Wurzel des nationalen Lebensbaumes zu weit entfernt haben und aufgehört haben, frische nationale Lebenssäfte in sich aufzunehmen; der:Stamm des Baumes aber, die östliche Judenheit, erweist sich gesund und fruchtbringend ... Die günstige Bevölkerungsbilanz der Ostjuden ist auf dem vorteilhaftesten Wege zustandegekommen, durch ein.e sehr niedrige Sterblichkeit und eine verhalten i's.m'ä ß i e,• n' i c h t Ifo h e G e b ii r t i g k e i t." ','" „Biologisch hält'"' da§' Ost^uderiturrr einen Vergleich •■ mit den gesündesten : und fruchtbärsten'Völkern Europas aus und erweis't sich noch in der Hinsicht im Vorteil, daß es bei einem viel geringeren Aufwand von Kräften, im Verhältnis zu anderen Völkern, dasselbe Ergebnis erzielt; denn die Judenheit hat sich schon lange die alte weise Regel von der Oekonomie der Kraft zu eigen gemacht: „Nicht viel Sprößlinge erzeugen,, sondern möglichst viele am Leben erhalten." ' Wir wollen hier eine Frage .streifen, die wohl nicht in direktem Zusammenhang mit dem von Lestschinsky behandelten Problem steht, abervin der letzten Zeit so häufig aufgeworfen wird, daß sie schon mit Rücksicht auf die Personen,- die sie stellen, .einer eingehenden -Behandlung wert erscheint. Franz Oppenheimer; hat anläßlich seines Wiener Vortrages über seine Palästinareise und Adolf Böhm erst jüngst" in einem Referate über den Aufbau Palästinas die Frage behandelt, die gemeiniglich mite* dem Schlagwort der „Schaffung einer jüdischen Majorität in Palästina" ausgedrückt wird. Von beiden genannten Personen wird die Möglichkeit der Schaffung einer solchen Majorität von einem doppelten Gesichtspunkte aus negiert, 1. weil sie wegen des großen natürlichen Zuwachses der arabischen Bevölkerung in Palästina einerseits und der geringen Gebürtigkeit der Juden andererseits unmöglich sei, und 2. weil beim Palästinaaufbau weniger, die Quantität und mehr die Qualität der jüdischen Wirtschaft in Frage kommt. Das erste Argument steht im direkten Zusammenhang mit dem vorliegenden, von uns behandelten Problem; bei Lestschinsky finden wir folgende Daten; Auf 1000 Einwohner kamen in Palästina im Jahre Geburen: Todesfälle: Zuwachs:.: Juden Nlchtjuden Juden Nlchtjuden Juden Nlchtjuden 1923 37,1 49,0 14,8 27,3 22,3 21,7 1924 38,5 54,3 12,7 28,0 25,8 25,3 Dazu bemerkt Lestschinsky mit Recht, daß diese Atigaben „nicht auf absolute Genauigkeit Anspruch erheben, da die Registration der Geburten, und Todesfälle bei den nomadisierenden Beduinen unmöglich sei und andererseits die russischen und polnischen Juden an ihren alten Gepflogenheiten festhalten, die Mädchengeburten nicht anzuzeigen". Es wird nämlich ganz übersehen, daß die sogenannte „arabische Gebärmaschine" nur so lange in demselben Ausmaße funktionieren wird, als die arabische Bevölkerung ihr gegenwärtiges kulturelles Niveau behält, aus dem sie jedoch naturnotwendig in immer stärkerem Maße zu kommt; es wäre auch nicht einzusehen, warum gerade weil das jüdische Aufbauwerk in Palästina in seinem Fortschreiten sehr stark der arabischen Bevölkerung zunutze komm; es wäre auch nicht einzugehen, warum gerade die arabische Bevölkerung Palästinas von den allgem eine n oben dargelegten Gesetzen, wie sie Lestschinsky formuliert, eine Ausnahme bilden sollte. Andererseits wird mit der Ueberführung der jüdischen Bevölkerung Palästinas zur Landwirtschaft ihre gesicherte Ökonomische und soziale Position im Zusammenhang mit dem ohnehin bei den Juden besondes stark ausgeprägten Familiensinn und der Kinderliebe eine Steigerung in der jüdischen Gebürtigkeit eintreten lassen. Die bei den großstädtischen Elementen bereits vorhandene geringere Sterblichkeit Wird daher zum Resultate haben, daß der Ueberschuß der jüdischen Bevölkerung ein immer größerer und der der nichtjüdischen, also der arabischen Bevölkerung ein immer geringerer werden wird; Auch das'zweite Argument ist unstichhältig. Immer haben die Juden in den Ländern, Wohin sie kamen, eine ökonomische Funktion zu erfüllen gehabt, die von der eingeborenen Bevölkerung nicht ausgeübt wurde. Mit dem Fortschreiten der Entwicklung bemächtigte sich aber auch die nichtjüdische Bevölkerung dieser Funktionen, so daß also die Juden überflüssig wurden, und da sie. überall die, M i n o r i t ä t bildeten, durch inneren oder äußeren Zwang dazu kamen, zu emigrieren. Wenn also auch in Palästina in absehbarer Zeit der Zustand, daß die Juden die Minorität bilden, nicht gründlich geändert werden könnte, würden wir doch über kurz oder lang in dieselbe Situation geraten, in der sich die Juden in allen Ländern, wohin sie bisher nur gekommen sind, irgend einmal befunden haben, nämlich wir müßten auch in Palästina wieder zum Wanderstabe greifen. Die höhere wirtschaftliche Position allein würde — das haben 2000 Jahre jüdischer Geschichte schön bewiesen — nicht ausreichen, umi unsere Seßhaftigkeit in Palästina für die Pauer zu sichern. Wir bedürfen auch der quantitativen Majorität, mit der jedoch eine normale ökonomische und soziale Gliederung verbunden sein muß, soll das jüdische Volk nicht im eigenen Lande das Ahasverschicksal seiner Diaspora erleiden. Die grcfje Anleihe der Zionistischen Organisation für die Kolonisation Palästinas. Der Präsident der vom Zionistenkongreß eingesetzten Anleihekommission, der bekannte Großindustrielle und Finanzier Isaak Naiditsc.h, machte dem Herausgeber. der „Jüdischen Pressezentrale Zürich" über das Anleiheprojekt von 5 Millionen Pfund Sterling (100 Millionen Schweizer Franken) die folgenden Mitteilungen; Diese projektierte innere Anleihe ist picht nur auf sachlichen Garantien basiert, sondern auch und hauptsächlich — auf,dem Prestige und der moralischen Autorität der Zionistischen Organisation, ebenso wie auf den Faktoren des nationalen Gefühls und der nationalen Disziplin. Dazu kommt noch, daß unsere beiden Fonds — Keren Hajessod (Palästina- Auf baufonds) und Keren.Kajemeth LejisraeJ (Nationalfonds) — die wir als Bürgschaft für die Rückzahlung des Stammkapitals und die Auszahlung, der Zinsen angeben, vertrauenswürdige Garanten sind.. Dies hauptsächlich für. diejenigen, die sich gegen das*. Anleiheprojekt sträuben mit der Behauptung, daß es kein Darlehen, ohne sachliche Unterlagen als Bürgschaft gäbe. Abgesehen von beiden Fonds — Keren Hajessod und Keren Kajemeth LejisraeJ — wird die Anleihe selbst, falls sie verwirklicht wird und die realisierten Beträge nur für die im Projekt angeführten Zwecke und in der angeführten Weise verwendet werden, eine Quelle für die Amortisierung und für die Verzinsung bilden. Dies für diejenigen, die befürchten, daß die Belastung unserer Fonds durch die jährlichen Rückzahlungen die Leistungsfähigkeit der Fonds beeinträchtigen würde. Wir sind umgekehrt der Meinung, daß der fühlbare Kontakt zwischen dem durch die Anleihe geschaffenen Kapital und den beiden Fonds die' Bedeutung der Fonds in weiten Schichten des Volkes erhöhen und viel größere Beträge unseren Fonds zufließen lassen würde. Es gibt im jüdischen Volke viele eifrige Anhänger für eine jüdischnationale Volksanleihe, sogenannte „Chassidim einer Anleihe", welche sich der Aufbringung der Anleihegelder mit großer Begeisterung widmen werden. Der Keren Hajessod ist ein Sammelfonds, während die Anleihe eine Kapitalsanlage darstellt. Der Keren Hajessod baut «ich auf eine freiwillige Volkssteuer auf, während die Anleihe au! Investierung basiert, bei der jede Spekulationsmöglichkeit ausgeschaltet sein wird. Der Keren Hajessod hat bis