Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 2 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen V. b. b. DIE NEUE WELT BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 8.—, vierteljahrig Kc. 24- Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder mo -atlich Schweber Francs 1.50, vierteljahrig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8. Telephon: 25-2-82. r- Erscheint jeden Freitag Jahrgang 1 Freitag, den 30. September 1927 Nr. 2 Aus dem Inhalte: r. st.: Rothschild und Horthy. Dr. Leo Goldhamraer: Bevölkerungsprobleme. Die große zionistische Anleihe. Der Judenprozeß in Konstantinopel. Antisemitische Exzesse in Bulgarien. Sind die Wiener Hochschulen verludet? o. a.: Wiener Theaterbrief. Dr. Sanel Beer: Judenkrankheiten. Rothschild und Horthy. r. st. Wien, 29. September. Vor ungefähr zwanzig Jahren gab es einen großen jüdischen Skandal. Kurz nach den blutigen, von der russischen Regierung veranstalteten Pogromen geriet der Zar aller Reußen in-schwere Geldverlegenheiten und sandte Agenten nach allen europäischen Hauptstädten, um eine: Anleihe aufzunehmen; Die Un terhändler erfuhren bei vielen jüdischen Finanz, männern Absagen, so bei den englischen, französischen; und österreichischen Rothschilds. Trotzdem sich .die geheiligte russische'- Majestät^rbot, durch Erhöhung desfZinsfußesum ein viertel ..Prozent das. Entsetzen über die fäfaleii Jude^sohlächtereien zu dämpfen, wollte kein großer jüdischer Fisch 'anbeißen. Nur in Wien hatte der Zarenagent Glück. Der damalige Direktor der Bodenkreditanstalt, ein Herr von T a u ss ig, erklärte sich bereit, das Geschäft zu machen. Die österreichische Judenschaft geriet darob in große Empörung, in um so größere, als Taussig damals die EhrensteMe.eines Vizepräsidenten der Wienerjudengemeinde innehatte. Die Zionisten beriefen . große Protestversammlungen ein, und die jüdischen Börsebesucher verkündeten den Boykott der Taussig-Anleihe. Der Ruf nach Abdankung Taus; sigs wurde immer lauter. Wohl ließ Taussig, ein Mann von großer Tatkraft und riesigem Einfluß, durch seine journalistischen und politischen Handlanger die Kunde verbreiten, er habe von der russischen Regierung Zusicherung, einer besseren Behandlung der russischen Juden verlangt und. erhalten. Aber auch dieser feine Hieb ging fehl. Die Erregung wollte sich nicht legen. Taussig mußte seine jüdische Ehrenstelle niederlegen. Wenige Wochen nach Abschluß der Anleihe durch Taussig.kamen Berichte über neuerliche antisemitische Metzeleien. Die Pogrome in Hornel und Bialystok erbrachten den blutigen Beweis, daß jüdische Würdelosigkeit die Antisemiten nicht gnädiger stimmt, Taussig aber verschwand aus dem jüdischen Leben. Nach zwanzig Jahren bietet uns die Geschichte eine :,■ Wiederholung des :Taussig«-Skanda,ls. ■ Nur in etwas veränderter Form, unter..Umständen, welche die - Rolle des jüdischen - Heldenspielers noch erbärmlicher .wirken lassen. Wieder hat sich ein Herrscher, selbst Judenschinder und Schutzherr judenmörderischer Banditen, aufs Schnorren um eine Anleihe verlegt. Der blutige Horthy braucht Geld für seine Wirtschaft. Auch er sandte Agenten aus. Aber mit mehr Glück als der Zar. Auf den ersten Zug ging ihm der große, jüdische Fisch ins Netz. Der Londoner Rothschild erklärte sich sofort und mit Vergnügen bereit, Seiner judenschindenden Hoheit dem fauchten Herrn Horthy die zur Fortführung seiner glorreichen Regierung notwendigen Moneten proinpt, wenn auch nicht allzu billig, zur Verfügung zu stellen. Der Londoner Rothschild von heute scheint bessere Nerven: und ein dickeres Fell zu haben, als der vor zwanzig Jahren. Dem .Rothschild von anno dazumal ist'der Judenblutgeruch scheußlich in die Nase, gestiegen--und ' die Vorstellung zerfetzter und verbrannter Jud'enleiber-und zerhäuter Judenschädelhat ah 1 seinen »Nervengerüttelt und seine Börse zuschnappen "■■ lassen;' - Dem Londoner Rothschild von he'ute kann so was nicht passieren. Der denkt: Gefühl und Geschäft sind zwei Dinge, und man soll sie nicht vermischen. Daß Horthy die juden zu Hunderten mit glühenden Schürhaken und'Bajonetten bis in die Eingeweide kitzeln und mit nägelgespickten Hirnschalen in die Donau hat schmeißen lassen, das ist ein Ding für sich. Und daß Horthy Geld braucht und fette Zinsen zu schwitzen verspricht, ist wieder ein anderes Ding für sich. So'kalkuliert der Londoner Rothschild von heute und seine Börse schnappt auf und speit goldenen Segen in die Würgerkrallen. Auch der Taussig von damals ist einem Vergleiche mit dem Helden von heute nicht ohneweiters auszusetzen. Er hat mildernde Umstände für 'sich. Taussig war ein Emporkömmling, der nach dem Höheren gierte. Er wollte ins Russengeschäft hinein; weil er damit der österreichischen Regierung zu imponieren glaubte. Das Russ.engeschäft sollte ihn zum Gipfel der Sehnsucht aller Finanzbarone tragen, ins österreichische Herrenhaus und in die Reihen der die Welt und den Anleihemarkt . beherrschenden Geldpotentaten. Ihm ging's wirklich nicht nur um die Göldpro'zente, ihm ging's auch um Ehre, um eine zweifelhafte, aber ihm schien sie gewaltig. Unter dem blutigen. Schmutze seines üblen Petersburger. Geschäftes glimmte ein Fünkchen nichtmateriellen Strebens. Um was geht's aber diesem Londoner Rothschild? Der ist kein Emporkömmling, welch um volle und letzte?. Anerkennung ringt. Alle Welt J weiß,, daß schon 4e£ Großvater Pferde aus^grjld'ej&fi Ejmernvhätte saufen lassen könnefty daß er int 'englischen Herrenhaus sitzt oder ' sitzen kann, daß er das W'e\&6r-$hiti)&r6?. m'ete nach Belieben tanzen läßt. Da geht's wirklich nur um Prozente, um fette, nackte Prozente. Das1 Budapester Geschäft ist nur Schmutz, massiver Schmutz, ohne die geringste Beimengung nichtmate^ riellen Strebens. Auch das jüdische Gewissen und die jüdische öffentliche Meinung von heute schneiden bei einem Vergleiche nicht gut ab. Als Taussig dem Blutzären Geld lieh, schrien die Juden auf, sogar die Börse schrie. .Die Lüge von ders Besserstellung der russischen Juden blieb wirkungslos. Bei Rothschilds Kuhhandel gab's nur ein schwaches Protestieren, ein ärgerliches Räuspern da und dort im, jüdischen Blätterwald. Ein leiser Hinweis darauf, daß nunmehr die Horthy-Regierüng vielleicht doch glimpflicher mit ihren Juden verfahren würde, erstickte auch diese schüchternen Regungen des engbrüstigen jüdischen Gewissens und — erweckte hellen Jubel bei den, ungarischen Juden. Die Budapester Juden schwuren' fest darauf, daß nun — da ein Jude dem heiligen Vaterlande mit Geld beigesprungen ist — ihr goldenes Zeitalter angebrochen sei. $ Aber es kam anders, ganz anders. Der letzte Freitag hat den Traum vom Anbruch des goldenen jüdischen Zeitalters gründlich zerrinnen lassen, er hat den ' magyarischen Antisemiten neues reiches Futter gebracht. Im Budapester Gemeinderate sind die Einzelheiten der Rothschild-Anleihe gründlich besprochen und beleuchtet worden und zum Schlüsse gab's einen allgemeinen Schrei: „Rothschild hat unsere. Führer, den Ministerpräsidenten -und den Innenminister bestochen und uns beschwindelt!" Und heute schallt überall im Lande der Ruf: „Der englische Jude hat das arme ungarische Vaterland betrogen!" Den ungarischen Juden wird die Sache noch lange in den Knochen liegen. Und das Blatt, auf welchem das Ereignis verzeichnet steht, wird kein Ehrenblatt 'der jüdischen Geschichte sein. .Die 'bittere Lehre: Der Antisemit kann: Juden/begeiferiwind zertreten; wenn er Geld -braucht, findet:sichMmmer ein Jade, der' ihm Geld gibt. Der Antisemit nimmt das Geld und sagt: „Der Jud hat mich betrogen4', und begeifertx die'Juden und zertritt sie. 5 - ■ ' ■ ' ."" * ,. Pas Qeschlecht der Rothschilds ist 'keines, dessen sich cfie Juden zii schämen? haben.*' Der Pariser Rothschild: hat dem jüdischen Volke Qineiv-Dienst von unermeßlichem" Werte geleistet, er hat? in;Palästina die jüdischen Kolonien geschaffen, ein Werk, das dem Namen Rothschild unvergängliche Ehre bringt. Auch die Tradition der Wiener und der Londoner Familien ist durchaus jüdisch und ehrenhaft. Nun hat ein Rothschild schwer an der Ehre und den Interessen des jüdischen Volkes gesündigt. Die Anklage trifft nicht das Haus Rothschild, die Anklage trifft das jüdische Volk. Dieses Volk, das in der Wahrung seiner Ehre lässig ist, das Volk mit dem schlafenden' Gewissen, das Volk, das seine Verräter, das die Schänder seines Namens nicht zu ächten versteht, das Volk, das jede Ausrede gelten läßt und gerne verzeiht und rasch vergißt, wenn es um Verbrechen an seiner Ehre geht. Jagd auf Juden in Ungarn. Aus Budapest wird berichtet: In den östlichen und nördlichen Komitaten Ungarns gehen auf Befehl des Ministers des Innern Razzien vor sich, die nicht durch die örtlichen Polizeiorgane durchgeführt werden. Aus der Hauptstadt Budapest werden ganze Schwärme von Detektiven in die betreffenden Gebiete entsandt, die dort brutal zu Werke gehen. So wurde auch jüngst wieder aus Nagykallo berichtet, daß die aus Budapest eingetroffenen Polizeiorgane sofort nach Verlassen des Bahnhofs auf offener Straße alle irgendwie jüdisch auss e h en d e n P e r s o n e n anhielten und sie zur Ausweisung aufforderten. Der Abgeordnete der Regierungspartei Ändör Nanassi teilt den Zeitungen mit;' Ja^aU.e-.-Gerüchte^ als ob sich aus Galizien Juden in großer iZatii eingeschlichen hätten, grundlos seien. Der Präsident der Nagykalloer Judengemeinde Hermann Mandel hat sich nach der Razzia in seiner Gemeinde bei der Polizeibehörde eingefunden und hat gemeldet, daß es in der ganzen Stadt bloß einen einzigen Menschen gibt, dessen Naturalisierungssache noch nicht ganz erledigt ist. Der von der Polizei vorgeladene Rabbiner übergab der Behörde die Namensliste seiner Zöglinge und konnte nachweisen, daß kein einziger unter ihnen einem fremden Staatsverbande angehört. — Die Hetze in der Zeit, da der Jude Rothschild dem Horthy eine Anleihe gewährt, spricht Bände. Noch ein schönes Detail: Der Bruder des antisemitischen Innenministers Scitovsky ist Generaldirektor der Budapester Rothschild-Bank, der Allgemeinen Kreditbank. Wie man sieht, ein liebliches Gemisch von magyarischem Antisemitismus, magyarischer Korruption und jüdischer Würdelosigkeit. Einstellung der Razzien. Budapest. (J. T. A.) Der Minister des Innern Bela S c i t o v s k y erklärte den Zeitungsberichterstattern, er habe alle Provinzbehörden telegraphisch angewiesen, die Razzien gegen Fremde am Samstag mittags 12 Uhr auf der ganzen Linie einzustellen. Der Minister sägte weiter, er hoffe, daß künftig sich keine Notwendigkeit mehr für derartige Maßnahmen ergeben werde. — Der Rückzug des anläßlich der Rothschild-Anleihe in einen Bestechungsskandal verwickelten Innenministers (sein Bruder ist Generaldirektor der Budapester Rothschild-Bank) ist nicht verwunderlich. Nach Abflauen des Skandales werden die Razzien wieder beginnen. Probleme der jüdischen Bevölkerungsbewegung. Von Dr. Leo Goldhammer. Die ungeheure Zunahme der Bevölkerungszahl Europas in den Jahren 1800 bis 1920 (sie stieg in diesem Zeitraum von 187 auf 447 Millionen an) gab allen Statistikern und .Nationalqkonorrien Anlaß, unter, Annahme des gleichbleibenden Vermehrungstempos Berechnungenüber die künftige Bewohnerzahl anzustellen und damit die Frage zu behandeln, ob die Steigerung der Nahrungsmittelproduktiou eine derartige sein könnte, um > diesen erhöhten'Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Das Ergebnis ■ war ein äußerst pessimistisches und; drückte sich, in dem sogenannten.,.Malthus'schen Gesetz" aus. Das letzte Jahrzehnt vor dem Kriege und die Kriegsjahre selbst lassen aber eine vollständige Wendung in den Verhältnissen beobachten: Einen stetigen, dabei starken Geburtenrückgang bei allens Kulturvölkern, wenn auch bei diesen die Sterblichkeit eine immer geringere wird, so daß der Geburten-