Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 1 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. t DIE NEUE WELT Seite 7 Antisemitismus in Rußland. Die antisemitische Agitation in Sowjetrußland nimmt derart bedrohliche Formen an, daß die Regierung nicht länger schweigen zu dürfen glaubt. Die letzte Nummer der offiziellen Jugendzeitschrift „Komsomolskaja P r a w d a" ist ganz dem Kampf gegen den Antisemitismus unter der russischen Jugend gewidmet. Mit Aufsätzen vertreten sind der Vizevorsitzende des Zcntralexekutivkomitees J. L a r i n, der Vorsitzende von Komzet P. S m i d ow i t s c h, der Volkskommissar Semaschko u. a. m. L a r i n gibt einen Ueberblick über die Lage der Juden in dem einstigen Rußland, schildert eingehend die Vernichtungstaktik des Zarismus gegen die jüdische Bevölkerimg und weist auf die Identität von Antisemitismus und Reaktion hin. Er stellt fest, daß es bisher nicht gelungen ist, den Antisemitismus in Rußland zu entwurzeln. Er weist die Wesenlosigkeit und Lügenhaftigkeit der antisemitischen Argumente nach und stellt fest, daß die Sowjetmacht gegen den jüdischen Kapitalisten in der gleichen Weise vorgeht wie gegen den nichtjüdischen und den jüdischen Arbeiter genau so stützt wie den Nichtjuden. Wenn man jetzt dem armen Juden Boden zur Ansiedlung gibt, so darf nicht vergessen werden, daß man jüdischen Gutsbesitzern nicht weniger als zwei Millionen Desjatin Boden weggenommen hat. Den armen Juden wurden aber bisher nur 400.000 Desjatin Boden — nicht immer vom besten — zugeteilt. Er schließt, daß der Kampf gegen den Antisemitismus im Interesse der Erhaltung der Kampffähigkeit Rußlandsgeboten sei. Smidowitsch schildert insbesondere die blutige Tragik der Juden in Rußland nach der Revolution und weist darauf hin, daß etwa zwei Millionen armer Juden gerade in dem bedrohtesten Teil Sowjetrußlands, an den Westgrenzen, wohnen. Bei der Kolonisation genießen die Juden keinerlei Privilegien, das Geld fließt von ausländischen jüdischen Organisationen. Auch wenn es gelingen sollte, eine halbe Million Juden auf dem Boden anzusiedeln, wird noch viel jüdische Armut übrig bleiben. Es sei darum notwendig, die jungen Juden der Industrie zuzuführen. Die Produktivierung des jüdischen Elements werde den Antisemitismus entwurzeln helfen. Semaschko versucht, der Jugend klar zu machen, daß in einem Staate wie Sowjetrußland eine „Judenfrage" nicht existieren darf. Heute existiert nur noch die Frage der besonderen jüdischen Armut, die gelöst werden muß. Semaschko schildert die Eindrücke, die er bei seinem Besuch in den jüdischen Kolonien erhalten hat, und schließt, die Landansiedlung der Juden mache einen Teil jener Ungerechtigkeiten gut, denen die Juden in Rußland ausgesetzt waren und jetzt noch in vielen anderen Ländern der Welt ausgesetzt sind. (Ita.) Theater und Kunst Ein „amerikanisches Zeitbild", „B r o a d w a y" von Georg D u m i n g und Philip A b b o 11, deutsche Bearbeitung von Otto K 1 e m e n t. — Wiener Kammerspiele. Im Vorjahr, als er die Kammerspiele übernahm, eröffnete Direktor Wen zier mit Lenaus „Faust". Inzwischen ist er dem Geschmack und den künstlerischen Bedürfnissen des Wiener Publikums siohtlich nähergekommen und hat prachtvoll umgesteckt. Diesmal wurde saure Probenarbeit, Regie- und Äusstattungskunst nicht an „Literatur" verpufft, nicht an der Schöpfung eines teuern Wiener Poeten, sondern für „ein amerikanisches Zeitbild" aufgebracht, also für exotischen Kitsch mit verruchtem Verbrechergesindel und himmelblauer Rührseligkeit, mit Totschlag und Liebesi'dyll, Filmspannung und Tanzeinlagen, Jazzband und nackten Beinen. Herr Grieg, der Mephisto von damals ist jetzt Rowdy und Schwerverbrecher ... Recht so.. Wer immer strebend sich bemüht, hat sich an den Zeitgeist zu halten. Oh, wie sie sich an dem Theaterbrand der Leidenschaften ergötzten, an dem New-Yorker Ragout von Film. Operette, Fünfkreuzerroman, Detektivaffäre. Mit der Premiere dieser Spielzeit hat Wenzler den Mißgriff vom Vorjahre vergessen gemacht.. „Gearbeitet" wurde vortrefflich. Man wünschte nur, daß der anmutige und eigenartige Harald Paulsen noch häufiger mit seinen Tanzeinlagen aufwartete. Friedl H a e r 1 i n ist schön, Emmy Schleinitz parodiert amüsant, die Herren Peiser, Schindler, Grieg, Wenzel und V o e 1 k e r stellen Gaunertypen mit und ohne Bügelfalte bei, Herr J ''rgensen einen Detektiv mit angegrauten Scillaen und Grübchen in den Wangen, -wie er den weiblichen Zeitgenossen, so sich an „Broadway" ergötzen, wohlgefällt und das Quintett der Girls kann sich sehen lassen. Herr L o r r e aber, der einen Mohren mimt, zeigt wieder seine überragende Begabung. Nachschrift: Ein Girl geht zum Telephon und verlangt „Herrn Mauschel aus Spuxeles". Eine Kabarettkollegin klärt sie auf, einen Herren dieses Namen« und dieser Provenienz dürfte sie in New- York nicht finden; „da mußt du in Palästina anrufen." Herr Direktor Wenzler, streichen Sie diese Dialogstelle. Sie ist skandalös. O. A. Die Tribüne Ein Sprechsaal für die Leser, Dieses Blatt, das ein Blatt für den Kampf um das jüdische Recht und für die Erstarkung des jüdischen Volkes sein will, räumt seinen Lesern diesen Raum ein. Die „Neue Weit" wird für das jüdische Recht eintreten, wo immer und in weicher Art immer es gekränkt wird. An dieser Stelle soll der jüdische Leser selbst das Wort erhalten und wir laden jeden ein, der den Sinn und die Funktion dieses Organs begreift, selbst zu sagen, wie ihm ums Herz ist. Jeder Jude, deralsjude, als Bürger zuriickgesetzt wird, soll dies hier aussprechen. Jeder, der für das Leben der Gemeinschaft Wichtiges und Wesentliches zu wissen glaubt, jeder, der sich gegen Unrecht selbst zu wehren hat oder einen anderen leiden sieht, wird aufgefordert, auf dieser Tribüne zu erscheinen. Selbstverständlich steht jeder, der dies wünscht, unter dem Schutze des Redaktionsgeheimnisses. Wir erwarten, daß unsere Leser von dieser Einrichtung Gebrauch machen werden. Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Die Wiener Krankheit. Auf dem 14. deutschen Bahnärztetag hielt der bekannte Tuberkuloseforscher Professor Dr. Otto Roepke einen hochinteressanten Vortrag über den derzeitigen Stand der Bekämpfung der Tuberkulose. Seine Ausführungen sind umso bedeutsamer, da sich der Gelehrte auch mit der Tuberkulosesterblichkeit in Wien befaßte. Man erfährt da ein erschütterndes Bild von dem Tuberkuloseelend in Wien, der bestverwalteten Stadt, wo die weitgehendste soziale Befürsorgung besteht, wie ihre Beherrscher es behaupten. Der Kampf gegen die Tuberkulose scheint ins letzte entscheidende Stadium einzutreten — wenigstens in Deutschland, sagte der Vortragende. Die Zahlen über die Tuberkulosesterblichkeit zeigen einen überraschenden alljährlich fortschreitenden Abfall in den einzelnen Staaten. Der Reichsdurchschnitt, der im Jahre 1914, auf 10.000 Lebende bezogen, 14,3 betragen hatte, war 1918 auf 23 angestiegen und senkte sich dann 1920 auf 15,4, 1923 auf 15,3, 1924 auf 12, 1925 sogar auf 10,7. Damit war die niedrigste Tuberkuloseziffer erreicht. Im Jahre 1926 berechnet sich die Tuberkuloseziffer der Großstädte, Großberlin inbegriffen, sogar auf weniger als 10 unter 1 0.0 0 0 Menschen. Für das laufende Jahr erhofft Professor Roepke einen weiteren Rückgang der Todesfälle an Tuberkulose, da mit der besseren Ausheilung der Erkrankten deren Lebensdauer verlängert wird, auch ist der Andrang zu den Heilstätten keineswegs mehr so stark. Diese Tatsachen berechtigen zu einem Optimismus, der den Endkampf schärfer als bisher auf die Zweckidee einstellt, das Möglichste therapeutisch zu erstreben. Auf diese junge Hoffnung wirkt wie Reif in der F r ü h 1 i n g s n a c h t die Tuberkuloseziffer in Oesterreic h. Nach den vorliegenden neuesten Zahlen gab es Sterbefälle an Tuberkulose, auf 10.000 Einwohner berechnet: im Jahre 1924 in Oesterreich 18,6, in Wien 22,5, 1925 17,3, beziehungsweise 19,6, 1926 17,6, beziehungsweise 20,5. In Oestorreich ist die Tuberkulosesterblichkeit 1926 nicht niedriger, sondern höher als 1925. Die Todesfälle an Tuberkulose sind also in Wien mehr als doppelt so groß als In den deutschen Großstädten. In Berlin 1926 9,8,"in Hamburg 8,7, in Wien 2 2,5. Diese Zahlen, meint der Gelehrte, drängen den Zusammenhang der Tuberkulose mit der wirtschaftlichen Gesamtlage eines Volkes in den 'Vordergrund. Muß nicht in einem Gemeinwesen wie Wien, in dem heute jeder vierte arbeitsfähige Einwohner ganz oder zur Hälfte erwerbslos ist, aus chronischen Lungenspitzenprozessen und akuten tuberkulösen Infiltraten sich ein Tuberkulosenelend türmen, an dem alles ärztliche Können und Wollen sich wirkungslos erschöpft? Kann Oesterreich und Wien gesunden, wenn es am Boden gehalten, alter Voraussetzungen ermangelt, um einen planmäßigen Kampf gegen die Tuberkulose aufzunehmen und durchzuführen? Die Aerzte als die berufenen Führer im Kampf gegen die Tuberkulose dürfen dazu nicht schweigen. Es ist zu hoffen, daß unser städtisches Gesundheitsamt, die Krankenkassen und die staatlichen berufenen Stellen diesen bedeutsamen Vortrag Professor Roepkes zum Anlaß nehmen, um endlich einmal zielbewußt au die organisierte Bekämpfung der Tuberkulose zu schreiten, Gewiß hängt vieles mit den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen zusammen, in die uns der Friede von St. Germain gedrückt hat. Auch in Deutschland gibt es große Erwerbslosigkeit, noch größere Wohnungsnot, aber der Kampf gegen die Tuberkulose ist dort wohl schon seit längerer Zeit systematisch geführt; vor allem ist man aber im Deutschen Reiche bestrebt, den Kampf er n s t zu führen und nicht bloß Augenauswlscherei zu betreiben, wie es in Wien der Fall ist. Wohl hat die Gemeinde Ttiberkulose-Fürsorgestellen errichtet, aber die Fürsorge endet meist bei der Beratung, die noch dazu sehr langsam vor sich geht. Der Kranke sieht keine Möglichkeit, in eine Heilstätte untergebracht zu werden und bleibt aus. Uns fehlt es an genügend Anstalten zur Aufnahme der T u b e r k u 1 o s e n. Sowohl die Gemeinde, als auch die Krankenkassen bauen aus einem gewissen politischen Gegensatze zum Staate wohl Spitäler, die ganz überflüssig und kost- , spi'elig sind, da es genügend Spitalsbetten in Wien gibt, aber an Lungenheilstätten fehlt es. Der Bau solcher Anstalten wäre viel wichtiger. Vor dem Kriege versorgten die Wiener Spitäler die Kranken des großen Reiches. Nun sollten sie nicht für das verkleinerte Oesterreich und das verkleinerte Wien ausreichen? Statt Gebäranstalten, die leer sind, sollten die Gemeinde und die Krankenkassen Tuberkulose- Stätten errichten! Und die Krankenkassen führen den Kampf gegen die Tuberkulose bloß auf dem Papier. Sie gewähren den Kranken ein paar Wochen Urlaub oder Aufnahme in Heilstätten. Diese kurze Zeit genügt nie zur Heilung, so daß die Kranken stets die Ansteckungsherde für ihre Familie bilden. Und doch besitzen die Krankenkassen genügend Geldmittel, die sie für den Bau von Tuberkulösestätten besser verwendeten, als für neue Amtshäuser. Würde es genügend Aufnahmsanstalten für Leichtlungeukranke geben, dann käme es zu keiner so schrecklichen Tuberkulosesterblichkeit. Aber der Leichtlungenkranke wird überall abgewiesen, daran trägt auch die Art der ärztlichen Befürsorgung schuld, die dazu führt, daß die im Pauschale bezahlten Aerzte möglichst wenig arbeiten wollen und können.; Trotz der allgemeinen Wirtschaftsnot könnte mit den unszur Verfügung stehenden Mitteln von allen berufenen Faktoren mehr geleistet und die Tuberkulosesterblichkeit . herabgedrückt werden, wenn alle sich rein sachlicher, gemeinsamer, nicht parteipolitischer Arbeit befleißigten. Volkswirtschaft Der Widerspruch des Kartellgedankens. Eisen- und Chemietrust. Durch das Gestrüpp von Unaufrichtigkeiten, Verlogenheiten und Schauinschlägereien zur Klarheit des Gedankens vorzudringen, ist in wirtschaftlichen Dingen, wo der Eigentumstrieb, der Egoismus in seiner primitivsten Gestalt um Geltung ringt, noch schwieriger als auf irgendeinem anderen Gebiete menschlicher Betätigung. Die Leiter großer wirtschaftlicher Unternehmungen müssen, bei der gegebenen gesellschaftlichen und staatlichen Struktur, es als eine der Bürgschaften des Erfolges ansehen, die sie beherrschenden Triebe als das Gegenteil von dem darzustellen, was sie in Wirklichkeit sind, um nicht Widerstände herauszufordern, die ihnen die Erreichung ihrer Ziele erschweren oder gar unmöglich machen könnten. So tief ist die Achtung vor dem moralischen Gebot in dem Allgerneinbewußtseiu verwurzelt, daß man sich scheuen muß, ihm theoretisch die Anerkennung zu versagen: Der Zynismus als Doktrin ist, weil unökonomisch, verpönt, daher die abstrakte Verleugnung des kapitalistischen Machtwillens, um ihn unbeschwert durch Hemmungen moralischer Natur umso leichter in concreto zu betätigen. Manchmal freilich geht den Wirtschaftsführern das Temperament durch oder ermattet die durch das Großhirn ausgeübte Kontrolle und da mögen ihnen ^eoißerungen entschlüpfen, die in ungewollter Aufrichtigkeit viel zu viel enthüllen, als daß man sie, die nur flüchtig hingeworfen wurden, nicht festhalten sollte. Wenige Tage vor dem Zusammentritt der ersten Jahresversammlung der Internationalen Rohstahlgemeinschaft, die die Eisenproduzenten Frankreichs,