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Die neue Welt · 1927-09-23 · Heft 1 (23.9.1927) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 1 (23.9.1927)
Date
1927-09-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE NEUE WELT Seite 5 Das jüdifche Wellparlament Ein Schweizer Urteil über die Arbeiten des Zionistenkongresses. In der ^Baseler Nationalzeituiig" widmet G. A. B. dem Zionistenkongreß die folgende Betrachtung: Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen, weilen nur noch wenige Delegierte unterm Schutze des bischöflichen krummstabs, der sogar in etwas hebraisierter Form die Kongreßmappen zierte. (Hier liegt eine Verwechslung mit dem stilisierten Jahreszeichen des Kongresses vor. — Red.) Im Restaurant des Mustermeßgebäudes ist es stille geworden, recht stille sogar, so daß der Liebhaber der Weltpresse sich ungeniert auf 10 bis 12 Zeitungen setzen kann, um sie behaglich, eine nach der andern, zu lesen. Und wenn man dann die „Times", den „Manchester Guardian", den „Corriere della Sera", den „Temps", die Pariser und Wiener Boulevard-Klatschbasen, die „Prager Presse" und den „Messager Polonais" durchgeht, so konstatiert man mit einigem Befremden, daß die Verhandlungen des 15. Zionistenkongresses ein eigentlich recht spärliches Echo gefunden haben. Der sonst sehr judenfreundliche „Temps" z. B. schweigt tagelang, bringt dann aber am 9. September aus der Feder Fernand C o r c o s einen orientierenden Bericht, der als ein Musterbeispiel journalistischer Berichterstattung gelten kann. Der Grund dafür, daß die Weltpresse dem verflossenen Kongreß nicht soviel Räum gewährte wie den früheren, mag in der Tatsache liegen, daß der jüdische Volksstaat von ihr bereits als ein fait aceompli betrachtet wird, dem aber noch lange nicht eine umfangreiche zeilenmäßige Bedeutung zukommt. Das ist eigentlich unbegreiflich, da arn Aufbau und an der Verwirklichung, an der restlosen Realisierung der zionistischen Idee alle Länder und Regierungen interessiert sind. Der Schreiber dieser Zeilen hat seinen Hosenboden schon auf den Berichterstatterbänken des Palais Bourbon und des englischen Unterhauses abgewetzt, er wohnte den Pultdeckelschlachteii des österreichischen Parlamentes bei und stürmischen Sitzungen des Reichstages, er ärgerte sich über die schlechte Akustik der eidgenössischen und der Basler Ratssäle und so darf er sich wohl ein Urteil über das Niveau des Kongresses erlauben. Es .lag stark über dem Durchschnitt. ' Das jüdische Weltparlament, das zum 15. Mai zusammentrat, hat die Flegeljahre hinter sich. Es ist schon schön diszipliniert und wenn auch ab und zu in den Debatten die Gegensätze hart aufeinanderstießen, so geschah es immer in ritterlicher Weise. Selbst die Waffengänge zwischen Chajim W e i z m a n n, dem Präsidenten der Organisation, und Wladimir Jabotinsky, dem Führer der Revisionisten, wurden in aller „fairness" ausgetragen. Für den Journalisten war dieser Kongreß von höchstem Interesse, obwohl er ihm ein vollgerütteltes Maß von Arbeit brachte. Plenarsitzungen bei Tag und Nacht und eine Unmenge von Kommissionsdebatten. . Der Fernstehende hat gar keine Ahnung, welch ungeheure Arbeitslast von den Organisatoren und den Delegierten bewältigt werden mußte. Daß sie in der knappen Zeit von zwölf Tagen erledigt werden konnte, stellt der jüdischen Arbeitskraft, Energie, Zähigkeit und Hartnäckigkeit ein glänzendes Zeugnis aus. Unsere eidgenössischen und kantonalen Parlamente, aber auch die Delegierten beim Völkerbünde dürften sich an ihren jüdischen Kollegen ein Beispiel nehmen. Diese Gedanken kamen mir, als ich in dem nun fast verlassenen Restaurant bei einem Gläschen Weine vom Berge Karmel noch einmal die Kongreßdebatten in der Erinnerung vorübertreiben ließ. Der Wein war gut, aber t e u e r, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, daßdie'Fracht von Jerusalem bis Haifa teurer ist, als die Fracht von Haifa nach Marseille, und daß zwischen dem jungen jüdischen Staate und der Schweiz vorläufig noch Zollschranken bestehen. Aber „the Situation in Switzerland" ist, wie in Palästina, „vejy stisfactory". Konstituierung des neuen zionistischen Aktionskomitees. Das -von dem XV. ZioiiistenkongreB neugewä'hlte Aktionskomitee hat in Basel seine erste Sitzung abgehalten, jn der das Präsidium gewählt worden ist. Leo Motzten wurde zum Präsidenten wiedergewählt. Zu Vizepräsidenten wurden gewählt Dr. Stephen S. Wise (New- York), Sejmdeputierter H. Farbstein (Misraohi, Warschau), Kaplansky (Arbeiterpartei Poale Zion) und Sprinzak (Arbeiterpartei Hitachditl'h). Das Aktionskomitee nahm ferner die Wiederwahl der abtretenden Mitglieder des Direktorenrates des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kajemeth) M. M. Ussischkiii, Wilkansky und Rabbi Meir (Berlin) vor. „Times" über die neue zionistische Exekutive. „Times" widmen in einer Jerusalemer Korrespondenz den Ergebnissen des XV. Zionistenkongresses eine Betrachtung, die durch die Bemerkung eingeleitet wird, daß die Entschlüsse des Baseler Kongresses einschneidende Aenderungen In der zionistischen Politik eingeleitet haben. Daß die neue Zionistische Exekutive in Palästina aus englisch sprechenden Personen bestellt, heißt es dann weiter, wird sicher eine Besserung der Beziehungen zu den lokalen britischen Behörden und eine engere Zusammenarbeit mit denselben zur Folge haben. Das jetzige Triumvirat, Kolonel K i s c Ii, Harry S a c Ii e r und Miß Henriette S z o 1 d, steht außerhalb der Parteien und über ihnen, während die bisherige Exekutive aus Vertretern von Parteien mit auseinanderstrebenden Interessen zusammengesetzt war. Es wird jetzt möglich sein, eine bestimmte und sorgfältig balancierte Politik zu betreiben, ohne, wie es bisher der Fall war, auf Parteiinteressen Rücksicht nehmen zu müssen. Zum Beispiel wurde die Kolonisationspolitik bisher von dem Bedürfnis nach Aus-balancierung der konkurrierenden Forderungen verschiedener politischer Gruppen bestimmt, die Arbeits- und Erziehungspolitik aber war gehemmt und kompliziert durch einander kreuzende Kontrollen. Für die politischen Beziehungen zwischen der Regierung und der Zionistischen Exekutive war bisher allein Kolonel Kisch verantwortlich und erreichte hiebei persönliche Erfolge. Miß SzoJd ist eine prominente Figur im amerikanischen Zionismus, Organisatorin der Hadassa, und hat schon wertvolle medizinische Arbeit in Palästina geleistet. Der in Balliol erzogene Harry Sacher war im Journalismus von Manchester tätig und kam 1918 mit der ersten zionistischen Kommission nach Palästina, um sich dann privater Anwaitspraxis in Palästina zu widmen. Das Schicksal der jüdischen Kriegsinvaliden. Ein Gespräch mit dem Sejmdeputierten Zwie Heller. Der Abgeordnete Heller, welcher dem \ , jüdischen Klub, des polnischen Sejm angehört, s ' ■ hat' in Vertretung "des Weltverbandes . jüdischer Kriegsirivaliden an 'der Züricher' Konferenz der jüdischen Minoritäten teilgenommen und sodann sein Mandat als Delegierter des 15. Zioiiistenkorigrcsses in Basel ausgeübt. Auf seiner Rückreise hielt sich Abg. Heller in Wien auf und einer unserer Mitarbeiter nahm Gelegenheit, mit ihm über das Schicksal der jüdischen Kriegsinvaliden sowie über die Notwendigkeit ernster konstruktiver Hilfe für sie Rücksprache zu pflegen. Nachstehend sind seine Aeußcrungen im wesentlichen wiedergegeben. Man muß vor allein daran ' erinnern,' daß nicht weniger als 600.000 jüdische Invaliden" nach dein Kriege zurückgeblieben sind, ' die Anspruch auf Invalidenrenten haben. Hunderttausend von ihnen leben in Polen. : Die Frage, warum eine Sonde rbehandl-ung ' der Fürsorge just für die jüdischen Kriegsinvaliden Platz zu greifen hat, wird vielfach auch von ernster Seite gestellt. Wir wollen die Gründe darlegen, die uns zwingen, das Problem der jüdischen Kriegsinvaliden geson- : dert, und zwar nicht länderweise, sondern im Rahmen eines Weltverbandes zu behandeln. Zunächst die Tatsache, daß in einigen Ländern, insbesondere aber in Polen und Rumänien die jüdischen Kriegsinvaliden durch die dortigen allgemeinen Invalidenorganisationen sechs, ja acht Jahre nach ihrem Kriegsunglück zu ihrem Rentenb e z u g c nicht gelangen konnte n. Die Situation liegt dort so, daß auch für die nichtjüdischen Kriegs- : invaliden allmählich sehr wenig geschah. Die Kollektivorganisationen der Invaliden verwandelten sich allmählich iu Aemter, die sehr schleppend amtieren und leider nicht gerechter vorgehen wie andere schlechte Staats- ämter. Es gibt Hintertüren, Bevorzugungen, ja Käuflichkeit und es grassiert in diesen zu Aemtern erstarrten Jnvalidenorganisationen — fast muß man Jeflder 'sagen „selbstverständlich" — der Antisemitismus. Neben diesen negativen Gründen gibt es aber auch : zwingende positive, welche die Sonderbehandlung der jüdischen Invaiidenfrage erheischen. Da sind vor allem die" r i t u c 11 e n Ehen, welche eiuen ungeheuren Apparat jüdischen.. Rechtschutzes in Bewegung setzen. Eine spezifische jüdische Erscheinung ist es auch, daß sich nach dem Weltkriege ein überaus großer Prozentsatz der Kriegsinvaliden, insbesondere aber der Witwen und Walsen außerhalb des Landes befinden, au welches sie Versorgungsansprüche haben und daß auch der Prozentsatz der „Staatenlosen*;' sehr erheblich ist, bei denen überhaupt erst ermittelt werden ' muß, welcher Staat ihnen als seinen Kriegsopfern verpflichtet ist. Es sind nur die brennendsten spezifisch-jüdischen Probleme der Invalidenfürsorge, die Ich hier erwähnte. Aber schon aus dieser Erwähnung der wichtigsten Fragen geht hervor, daß die Schaffung einer Weltorganisation der jüdischen Kriegsinvaliden, wie sie durch Gründung des Weltverbandes anläßlich der Tagung in D a n z i g erfolgt ist, eine unbedingte Notwendigkeit war. Wenn Sic, um das nächstliegende Beispiel zu wählen, erwägen, daß 70 Prozent der jüdischen Kriegsinvaliden in Oesterreich Ausländer sind, so ist sofort zu erkennen, daß ein internationaler Apparat arbeiten muß. Der Weltvcrband der jüdischen Kriegsinvaliden hat sich folgende Aufgabe gestellt: Er hält sich zunächst ganz besonders dazu berufen und verpflichtet, pazifistisch zu wirken. Er hat ferner Rechtsschutzaufgaben von ausschlaggebender Bedeutung zu erfüllen, denn er muß die Initiative bei der Völkerbundliga ergreifen, um internationale i n v a 1 i d e nfreundliche Gesetze zu schaffen. Wir verlangen eine Konvention dahingehend, daß diejenigen, welche sich — wie erwähnt, massenhaft und nicht durch ihr Verschulden, sondern durch das Schicksal gezwungen — im Auslande auf halten, vom Rcntenentzug amnestiert werden. Wir haben ferner auf die Entscheidung der Frage zu drängen, welcher Staat bei denjenigen Kriegsinvaliden, die in der Zwischenzeit ihre Staatsbürgerschaft geändert haben, die Rente zu leisten hat. Da die allgemeine Wirtschaftslage in Osteuropa zur Emigration zwingt und die Erwerbsemigration privilegiert wird, ist ferner zu erwirken, muß zu erwirken sein, daß die auswandernden Kriegsbeschädigten sowie deren Witwen und Waisen nicht um ihren Rentenbezüg kommen. Besteht eine moralische Verpflichtung der großen jüdischen Oeffentilich'keit den Kriegsinva'liden gegenüber und hat sie an dem Werke produktiver Fürsorge für die jüdischen Kriegsopfer sich mit aller Kraft zu beteiligen? Es ist traurig, daß man diese Frage überhaupt stellen muß. Aber im Laufe der Jahre hat die nämliche Judenheit, welche auf die große Zahl der jüdischen Kriegs-! beteiligten insbesondere der Frontkämpfer immer hingewiesen hat und den Hinweis auf die jüdischen Kriegsopfer im Kampf um ihre politische Selbstbehauptung verwendete, der Kriegsinvaliden und der Kriegshinterbliebenen so ziemlich vergessen. In den letzten zwei Jahren ist es gelungen, nicht weniger als 15.000 vernachlässigte Invalidenrenten den Bezugsberechtigten zu verschaffen. Es sind durch Fruktifizierung dieser Renten sowie der den Invaliden innerhalb der einzelnen Staaten vorbehaltenen Konzessionen Existenzen zu gründen. Es ist ein Werk der U m s i c h t i g k e i t za vollbringen, denn ein Lehrer, der an den Folgen emes Kopfschusses leidet, kann den Beruf des Erziehers und Bildners nicht mehr ausüben, ein Schneider, dem die Hand fehlt, muß einen neuen Beruf ergreifen. Und in allen Fällen hat die jüdische Gesamtheit den Invaliden in der Richtung zu helfen, daß ein Mensch mit beschädigtem Körper nicht mehr mit seiner Person eine. vollwertige Kreditbasis bietet. Wir werden die jüdischen Kriegsopfer nicht in Vergessenheit geraten lassen, und wenn wir jetzt . darangehen, eine großzügige Aktion produktiver, jüdischer Für-: sorge zu. organisieren, so hoffen, wir . insbesondere, auf das liebevolle Verständnis der amerikanischen Judenschaft. DAS NEUESTE WERK DES BERÜHMTEN ROMANCIERS MAX B ROD DIE FRAU NACH DER MAN SICH SEHNT ROMAN 1.-13. TAUSJ3ND Dieses Buch, dessen erregendes Geschehen durqh ganz Europa jagt, durchlichtet in der stillen Intensität seines Erlebens die ewigen Rätsel der Beziehung zwischen Mann und Frau mit einer unerbittlichen Leidenschaft, die hinreißend überzeugt. Liebe als Diesseitswunder bleibt nach allen Leiden und Wirrnissen leuchtende Erkenntnis. Halbleinen S 0.—, Ganzleinen S 10,40 PAUL ZSOLNAY VERLAG / WIEN

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