Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 1 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite "4 DIE NEUE WELT Nr.! Die Juden und das Tannenberg-Denkmal. Anläßlich der Einweihung des Tannenberg- Denkmals, welche durch die aufsehenerregende Rede des Reichspräsidenten Hindenburg zur politischen Sensation wurde, hat sich eine bei offiziellen reichsdeuts-chen Veranstaltungen nicht gerade seltene Judengeschichte abgespielt. Das Festprogramm sah die Ansprachen eines evangelischen, eines katholischen und eines jüdischen Geistlichen, die alle drei im Kriege Feldgeistliche gewesen sind, vor- In letzter Stunde fühlte sich der Denkmalausschuß veranlaßt, den jüdischen Geistlichen von dem allgemeinen Weiheakt auszuschließen und ihn erst im Denkmalsinnern nach der Einweihung vor einem kleinen Kreise von Besuchern das Wort zu erteilen. Daraufhin hat der in Aussicht genommene jüdische Geistliche seine Mitwirkung abgelehnt und der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten von einer Beteiligung an der Feier Abstand genommen. Gegen die Selbstbeschmutzung von Juden im Film. In der Berliner „C. V.-Zeitung" Nr. 37 schildert Dr. Hans Wollenberg den Juden im Film, wie er besonders in den M i 1 i t ä r f i I m e n der letzten Zeit in übertrieben karikierender Form dargestellt wird. Als Beispiele führt er an: Den Domo-Strauß-Film „Die dritte Eskadron", den amerikanischen Fox-Film „Rivalen", den Mary Pickford-Film „Die kleine Annemarie", den Jackie-Coogan-Film „Jackie, der Außenseiter" u. a. m. Er wehrt sich dagegen, daß jüdische Darsteller sich für solche Rollen' verdingen, daß jüdische Regisseure derartige Szenen stellen, vor allem sind es meist jüdische Unternehmer, die als Filmfabrikanten für dieses Treiben verantwortlich sind. Er hofft, daß dieser Appell zur Selbstbesinnung ausreichen wird und kündigt an, daß die Filmprogramme der neuen Saison sorgfältig beobachtet werden würden. Sollten sich die Mißstände wiederholen, so werden die Verantwortlichen auch namentlichgebrandmarkt werden. (Ita.) Neue Methoden der Palästinakolonisation. Ein Gespräch mit Dr. S. E. Soskin, Berlin. Unser K.-B.-Mitanbeiter hatte Gelegenheit, mit dem durch die Projekte einer intensiven palästinensischen Gartenwirtschaft bekannten zionistischen Agronomen Dr. Soskin, der zum XV. Zionistenkongreß Jn Basel weilte, über die Frage der palästinensischen Wirtschaft zu sprechen. Dr. Soskin antwortete zunächst auf die Frage nach den Grundlinien seines Planes: Die Idee meines Planes beruht auf der richtigen Einschätzung der natürlichen Bedingungen Palästinas, der klimatischen und Verkehrsverhältnisse. Die Temperatur des Landes sinkt nie unter Null und es besteht daher die Möglichkeit, den Boden das ganze Jahr zu bearbeiten, allerdings unter Zuhilfenahme künstlicher Bewässerung. Die Forderung nach einer rentabeln Wirtschaft ergibt sich aus der Tatsache, daß infolge der im Lande herrschenden Teuerung des Bodens, der zur Verfügung stehende Grundbesitz nur so bebaut werden kann, daß er hochwertige Produkte liefert. Ein Boden, der mit Ameliorationen durchkeiner rief: „Zur Sache!" keinerlei Unruhe deklarierte ein Desinteressement. Die Reinheit und sittliche Kraft dieses Herzensergusses eines Mannes von der vierten Aliiah hat;alle ergriffen. Ein Arbeiterführer ,kam in der Spfrlu.ßsitzung auf diese Konfession Zuohowieckis zurück und nannte sie ein Erlebnis. Sie war eines. Die prachtvolle Ansprache des Kantonpräsidenten Dr. Wenk in der Eröffnungssitzung hat uns in dem Glauben an das Werk bestärkt, das der Zionismus im Judentum und dadurch für die Kulturmenschheit zu erfüllen berufen ist. Motzkins Geständnis in der Jubiläumssitzung im Stadtkasino: „Hier ist der politische Zionismus entstanden, wir Zionsfreunde vor Herzls Auftreten waren ohnmächtig, unfähig, das Volk anzurufen und zu gewinnen, hier erst, vot dreißig Jahren, hat uns der entfremdete Westjude politisch mündig gemacht!" — diese Bekräftigung in festlicher Stunde durch einen berufenen Vorläufer Herzls, daß die Schaffung der politischen zionistischen Bewegung durch Herzl keine Legende ist, hat uns an die Quelle des Palästina-Werkes zurückgeführt und in unserem „Kongreß- Zionismus" neu bestärkt. Aber dieser graubärtige, kleinbürgerliche Pionier, der sagte: „Wir w o 11 e n zur Scholle, wir m ti s s e n zur Schotte, wir b 1 e i b e n auf der Scholle bis zum letzen Atemzug; und wehe, wenn ihr nicht bei uns seid mit der Seele und mit dem letzten Opfer!" — Dieser aus dem Rahmen geordneter parlamentarischer Verhandlungen gefallene GefüMsausbruch eines Bekümmerten hat uns daran gemahnt, daß das Wort von der Rückkehr zur Erde nur dann und erst dann als poetische Umschreibung zulässig ist, wenn es auch in seiner nackten ersten Bedeutung erfüllt wird. Otto Abel es. schnittlich 5 bis 10 Pfund pro Dunam kostet, darf nicht zur Produktion von Weizen oder Viehfutter verwendet werden. Das kann nur in Ländern der Massenproduktion geschehen, in denen große Bodenflächen zur Verfügung sind oder doch wenigstens zur Verfügung waren, wo der Boden von natürlicher Fruchtbarkeit ist, wie in Argentinien, Kanada, Indien, einzelnen Teilen der Vereinigten Staaten, in Ungarn, Rumänien, Süd- und Ostrußland. Wir zahlen für unseren Boden solche Preise, wie sie anderwärts für Gartenland gezahlt werder rnid müssen ihn daher auch rentabel bearbeiten. Die jetzigen Methoden sind unrentabel. Die große Landwirtschaft erfordert neben großen Parzellen auch entsprechende Ausrüstung an Vieh, Stallungen und Maschinen, so daß eine Farm im Ausmaße von 100 Dunam 1200 bis 1500 Pfund kostet, aber unter den gegebenen Verhältnissen nur eine Tonne Weizen per Hektar im Jahresdurchschnitt abwirft, so daß in dieser Art von Kolonisation Ausgaben von 1200 Pfund nur Einnahmen von 80 bis 100 Pfund gegenüberstehen, was unter Berücksichtigung der Arbeitsenergie eine ungenügende Verzinsung darstellt. Nach meiner Ansicht stellt Kalifornien einen Standard für die Betrachtung der Wirtschaftlichkeit einer Kolonisation dar. Man arbeitet dort durchschnittlich mit einem Bruttoerlös von 25 Prozent des Wirtschaftswertes und ist zu dieser Zahl auf einem durchaus empirischen Wege gekommen. Wenn also eine Wirtschaft 1000 Pfund kostet, muß sie 250 Pfund jährlich abwerfen, was nur möglich ist durch Erzielung hochwertiger Produkte. Hochwertige Produkte beanspruchen eine kleine Fläche, eine kleine Fläche ermöglicht intensive Bearbeitung. Die Intensität ist also das letzte Glied in der Kette von Rentabilität zu hochwertiger Produktion. Eine große Fläche kann man nicht intensiv bearbeiten, kleine Flächen dagegen ja. Sachverständigengutachten und andere Kolonisationen. Der Beginn jeder Kolonisation ist die kaufmännische Forderung nach einer rentabeln Wirtschaft, alles andere sind Experimente, aber nie ökonomische Kolonisationsgrundlagen. Diesen Gedanken finde ich von verschiedenen Sachverständigen bestätigt, die in den letzten Jahren Palästina bereist haben: Felix Pinner, dem Handelsredakteur des „Berliner Tageblattes", Prof. Wawiloff, einem russischen Botaniker, Colonel Wedgwood und Sir J. Rüssel, besonders der letztere. Eine Getreidewirtschaft erfordert viel uncf in Palästina teueres Land, es wäre bedauerlich, wollte man tiie jüdische Intelligenz mit dieser dem Geiste1 sicher nicht förderlichen Arbeit beschäftigen. Alle Sachverständigen kommen zu dem Schlüsse der Notwendigkeit der Schaffung einer Exportkultur, was sebstverständlich Experimente nach dieser Richtung hin notwendig mächt, in der von selten der Zionistischen Organisation nichts geschehen ist. Eine wesentliche Forderung ist es, solche Voraussetzungen zu schaffen, die wir allgemein als eine staatliche Regelung der Kolonisation bezeichnen. Das bedeutet, daß wir durch Vermittlung des Staates eine Agrarreform einführen, die entweder in einer tatsächlichen Enteignung, Nationalisierung des Bodens,,, der unbebaut ist, und der Staatsländereien bestehen kann, oder die Freimachung von Land durch Besteuerung der betreffenden Fläche und nicht der daruf angebauten Kultur. Es wäre gut, die Fläche als solche, angebaut oder nicht, zu besteuern. Diese Steuer soll an die Stelle des Oscher treten und recht hoch sein. Dadurch würde der Besitzer gezwungen, zu bebauen oder zu verkaufen. Für die Üebergangszeit ist eine Kombination notwendig, damit nicht mit dem Landkauf aufgehört wird. Notwendig scheint mir die Schaffung einer Zentralstelle für Bodenkauf, die gemischtwirtschaftlich organisiert sein müßte, das heißt unter Beteiligung der Zionistischen Organisation. Sie müßte die Autorität der Zionistischen Exekutive haben, um der Regierung Vorschläge zu machen in bezug auf den Erwerb von Staatsländereien und freien Böden. Diese Gesellschaft müßte auch die nötige Landreserve schaffen, welche die Kreditbasis für eine Anleihe bilden kann. Interessant ist das Projekt Fritjof Nansens zur Ansiedlung von 25.000 Armeniern in Eriwan. Er schlägt die Besitznahme einer Fläche von 15,000 Hektar vor, die bewässert werden soll und die Grundlage zur Auf ahme einer Anleihe bildet. Es sind eineinhalb Millionen Pfund dafür erforderlich, die Ansiedlung von 25.000 Menschen auf diesem Gebiete möglich zu machen. Allerdings gibt der Völkerbund seine Hilfe, und das müßte unbedingt auch in unserem Falle gefordert werden, selbst wenn es sich nicht um finanzielle, sondern um Hilfe durch Autorität handelt. Die Palästinaexperten, Von der Entsendung von Experten nach Pa? lästlrat, wie sie jetzt zur Mode geworden ist, bin ich nicht begeistert. Sie kommen nach Palästina aus einem bestimmten Gesichtskreis und mit einer bestimmten Erfahrung. Sie bleiben wohl einige Wochen im Lande, sehen aber alles eben unter dem Winkel ihrer besonderen Einstellung. Sie kennen weder das jüdische Volk, noch das Land, noch unsere Forderung des Tempos, die es notwendig macht, die Majorität der Juden in kürzester Zeit zu erzielen, interessiert sie. Sie fragen nicht nach dem Tempo der arabischen Vermehrung, und wenn solche Gesichtspunkte fehlen, ist eine jede Expertise unvollkommen. Für uns ist der ganze Fragenkomplex wichtig. Den Experten dürften wir nur Spezialfragen geben. Wo wir sie brauchen, ist bei der Ausführund unserer Pläne, weil uns hier Menschen mit großer Erfahrung fehlen. Erfahrung sammeln kostet Zeit und Geld. Wir brauchen die Eroberung des Wissens, in diesem Falle mit Geld. Wir werden in einem zukünftigen Kolonisationsministerium vielleicht christliche Experten brauchen, die bei uns wirkliche Arbeit leisten, Fachmänner auf dem Gebiete der Erzeugung der feinsten Gemüse- und Obstsorten, zum Beispiel in Konserven, Geflügelzucht usw. Das System müssen wir geben, die Experten dürfen nur nach einzelnen Dingen gefragt werden. , Die Kolonisationsfinanzen. Die Frage der Finanzierung unserer Kolonisation liegt auf dem Wege der Erlangung einer Regierungsgarantie für eine Anleihe, die wir unterbringen. Eine Land Settlement Bank müßte von der Regierung gewisse, in ihrem Budget regulär vorgesehene Beträge erhalten. Wenn bei den heutigen Arbeitslöhnen für die Ansiedlung einer Familie 600 Pfund notwendig sind (Land, Bewässerung, Haus, Inventar) und wenn der Kolonist zunächst ein Drittel davon beibringt, so braucht man 400 Pfund Kapital pro Familie, für 500 FamiMen 200.000 Pfund. Die Anleihe zahlt der Kolonist in 367* Jahren aus, bei 5 Prozent Verzinsung und 1 Prozent Amortisation, also mit einer Belastung von 6 Prozent. Die Regierung müßte also für diese Anleihe von 200.000 Pfund eine Zinsengarantie von 12.000 Pfund übernehmen. 500 Familien sind 2500 Seelen, bei Hinzurechnung von 25 bis 30 Prozent Nebenberufen 3000 Seelen. Wenn wir im ersten Jahr zwei solche Siedlungen gründen, würde demnach die Regierung 24.000 Pfund Garantie für 6000 Menschen leisten müssen, also 4 Pfund für den Kopf. Zweifellos ist der indirekte Ertrag, den eine solche Wirtschaft im Jahr abwirft, 4 Pfund. Aber selbst diese kleine Summe muß die Regierung nicht auszahlen, denn es hat sich gezeigt, daß überall, wo die Regierung die Kolonisation fördert (Dänemark, England, Kanada, Neuseeland), Defizite nicht vorhanden sind. In den ersten drei Jahren dürfte die Regierung an diese Wirtschaften auch mit keinerlei Forderungen herantreten* und nach dieser Karenzzeit Sind sie soweit gefestigt, daß es ihnen möglich ist, Zinsen und Steuern zu zahlen. Es handelt sich also nicht uni eine Ausgabe, sondern um eine Garantie der Regierung, und wenn sie in ihr Budget 120.000 Pf u»d jährlich einsetzt, können wir 30.000 Menschen auf dem Lande ansiedeln. Ich denke mir ein Drittel der Siedler auf. dem Lande, zwei Drittel in städtischer Siedlung kolonisiert, und ein jährliches Anwachsen der jüdischen Bevölkerung um 30.000 scheint durch diesen Plan einer Zinsengarantie gesichert. Die natürlichen Bedingungen sind gegeben. Wir brauchen keinen Kampf um die Breitengrade zu führen und uns durch Heizung, Glashäuser usw. die klimatischen Bedingung gen zu verbessern. Nimmt man an, daß die jährliche Einwanderung 40.000 Menschen beträgt, von denen 1&000 ländliche Siedler sind, so würde auch das nur eine Erhöhung der Zinsengarantie der Regierung um etwa 52.000 Pfund in Anspruch nehmen, die nicht voll zur Auszahlung kommen müßten. Diese Beträge würden aber anderseits der Regierung aus indirekten Steuern, Zöllen usw. einfließen. Die Siedlung müßte durch Versuchstationen, Hafenbau, Kühlanlagen, und durch den Marketing Board, der die Waren für den Markt vorbereitet, gefordert werden. Wesentlich für meinen ganzen Plan ist die Vorbereitung der Siedlung vor der Ankunft. Diese Vorbereitung müßte kooperativ organisiert sein, den der einzelne Siedler kann sie, abgesehen von den höheren Kosten, nicht aHein durchführen. Zu diesen Arbeiten gehört die technische, die finanzielle Vorbereitung, die „Eroberung des Wissens", Bildungswesen, sanitäre Fragen usw. Das ist in allgemeinen Umrissen mein Plan, das System einer staatlichen Kolonisation, das System einer rentabeln, intensiven Wirtschaft. Basel, im September 1927. Karl B a u m. Das zionistische Budget Die Beschlüsse des XV. Zionlstenkongresses. In seiner 18. Sitzung am 11. September d. J. bat der XV. Zionistenkongreß die Debatte üiber die Anträge der Budgetkommission abgeführt. Der Voranschlag wurde en bloc angenommen.. Er weist einen Gesamtbetrag von 631.833 Pfund auf. Die Hauptausgaben betragen: Landwirtschaftliche Kolonisation 106.000, Arbeit 65.000, Einwanderung 10.000, Erziehung 53.000, Gesundheit 116.000, Schuldendienst 54.400 und Tilgung früherer Defizite 70.000 Pfund. Von den Arbeiterparteien stimmten „Poale Zlon" gegen das Budget, „Hitachduth" enthielt «ich des Votum«.