Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 1 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711614-2711615--0005-2713116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1 DIE NEUE WELT Seite 3 ist und daß sie nur denkbar ist als Folge einer Hebung des Wohlstandes. Sie steht im Gegensatz zu der Maxime von der Verelendung und der Katastrophen und sie wird deshalb sehr leicht zu einem Objekt, an dem der Parteigeist sich erprobt. Sie ist am rückständigsten gerade dort, wo der Bolschewismus die Macht in den Händen hält, und dort, wo die Diktatur der herrschenden Klasse von der anderen Fakultät sich durchgesetzt hat. Rußland, Spanien, Amerika kennen keine Sozialpolitik und der Edinburger Gewerkschaftskongreß weist nach der russischen Seite. Von der anderen ist bislang noch nicht die Rede gewesen. Einstweilen hat in Oesterreich die Sozialpolitik mit mächtigem Schwung eingesetzt: Der Staat verteuert die Zölle und damit die Lebensmittel; die Gemeinde erhöht den Straßenbahnfahrpreis ... * Aber die geistige Verarmung der Welt wird auch von dieser Seite her eifrig betrieben. Da ist in diesen nanntes Komitee, dem Inhalt und Dauer seiner Begreß, in Spanien eine Art Reform der Diktatur verlautbart worden. Das vor vier Jahren davongejagte Parlament wird wieder eingeführt. Aber wie sieht es aus? Nun so, wie das der Traum jeder demokratisch schillernden Reaktion ist und wie das auch bei uns so gewünscht wird. Primo de Rivera übertrumpft noch Mussolini, der die Form der gewählten Volksvertretung nicht angetastet hat. Spanien erhält ein ernanntes Komite, dem Inhalt und Dauer seiner Beratungen vorgeschrieben wird. Jeder Schein einer Befragung des Volkes ist vermieden. Und dieses Komitee, das sich natürlicherweise aus Günstlingen des Systems zusammensetzt, erhält den Auftrag, eine Verfassung auszuarbeiten. Weil aber selbst eine Versammlung dieser Art an den Tatsachen nicht schweigend vorübergehen könnte — man denke nur an die furchtbaren Märokkokriege — so ist vorsichtshalber auch dieser Parlamentsersatz unter die Zensur gestellt worden. Man fühlt sich also nicht so sicher. Bemerkenswert ist, daß in Spanien die gleiche Erscheinung eingetreten ist wie in Italien: Alle einigermaßen unabhängigen Führer des geistigen Lebens weilen außerhalb des Landes. * Ist die Tannenberg-Rede des deutschen Reichspräsidenten mit Wissen und mit Zustimmung der verantwortlichen Minister gehalten worden? Die feierliche Erklärung Hindenburgs, daß Deutschland reinen Herzens in den Krieg eingetreten sei, kann unmöglich improvisiert gewesen sein. Sie ist eine Demonstration,' der gerade jetzt große Bedeutung zukommt, da Belgien eine Untersuchung über die Erschießungen der Franktireurs vorgeschlagen und Deutschland sie angenommen hat. Man muß mit dieser Hmdenburg-Rede, die keine Rede ist, sondern der Akt eines Staatsoberhauptes, die Antwort Stresemanns an Briand in Genf vergleichen. Der deutsche verantwortliche Minister bewegte sich auf der Locarno-Liriie und er ist deshalb von der Rechtspresse, die ja maßgebenden Einfluß besitzt, gerüffelt worden. Hat ihn nun der Reichspräsident desavouieren wollen? Die Stätte, an der er sprach, hat alle Ungeister des brutalsten Chauvinismus wachgerufen. In den Tagen von Tannenberg läuteten in Deutschland die Glocken, weil doch an die 12 0.000 Russen in Antisemitische Hetze in der Türkei, Erst morden, dann hetzen. Konstantinopel. 15. September. (J. T. A.) In A n g o r a, Smyrna und Konstantinopcl dauert die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung der Türkei unvermindert an. Ihren Ausgangspunkt hat die Hetze bekanntlich in der Affäre der Ermordung des jüdischen Mädchens Else Niego durch den Türken Osmar Bey, die die Empörung der türkischen Judensohaft hervorgerufen hat. Seit mehreren Wochen ergeht sich ein großer Teil der türkischen Presse in wüsten Beschimpfungen der jüdischen Bürgerschaft und fordert Ausiiahmsgesetze gegen die Juden, ja deren Vertreibung aus dem Lande. Angesichts dieser Psychose wagt auch der fortschrittliche Teil der türkischen Presse nicht, für die jüdischen Mitbürger einzutreten; nur ganz wenige schüchterne Stimmen lassen sich zu ihren Gunsten vernehmen. Die in Smyrna in französischer Sprache erscheinende gemäßigte Zeitung „Levante4' anerkennt zwar, daß die Juden freiwillig auf ihre Minderheitsrechte verzichteten und offiziell die türkische Sprache als ihre Muttersprache anerkannten, meint aber, daß der Zweifel an der Wahrhaftigkeit ihrer türkentreuen Ueberzeugung berechtigt sei. Denn in Wirklichkeit sprechen sie nicht türkisch untereinander, sondern s p a n i s c h, ihre Kinder besuchen nicht türkische Schulen, sie bilden separate Organisationen und Klubs. Wenn die Juden weiter widerspenstig bleiben, so ist — schließt die Zeitung — kein Platz m e h r f ü r sie in diesem Lande. Die offiziellen Vertreter der türkischen Judenschaft haben sich in der demütigsten Weise vor den Machthabern gebeugt, sie haben ihre jüdischen Volksrechte preisgegeben und ein Bekenntnis zur Assimilation an das Türkentum abgelegt. An ihrem Schicksal erweist sich die Nutzlosigkeit und Gefährlichkeit des unwürdigen Verzichtes auf ein jüdisches Recht. den masurischen Sümpfen erstickt s e i e n. Das hat sich später als unwahr erwiesen. Aber von diesem Massensterben datierte der große Ruhm und der noch größere Einfluß Hindenburgs und Ludendorffs und von diesem Tage an hat die folgenschwere Entwicklung der Siegfriedler begonnen. Ueber diesen Sieg wurde soviel gelogen und gelogen wurde in der gleichen Zeit über die M.a niese hl acht. Heute weiß man, daß die Führer Deutschlands, der Politik wie des Heeres, damals den Umfang der Katastrophe bereits gekannt haben. Aber sie bedurften Tannenbergs als Morphium für den Volkskörper. Daß der Reichspräsident gerade diesen Anlaß wahrnimmt, um unnötigerweise wieder einmal von der Kriegsschuld zu sprechen, wird dem Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn nicht nützen. Aber darauf nehmen die Rechtsparteien keine Rücksicht. Sie sind, was ja an sich ein merkwürdiger Zustand ist, zu gleich Regierung un d Opposition. Was der verantwortliche Minister ihrer Regierung in Genf erklärst das sabotiert ihm die vaterländische Regierungspartei. ' . . * Um diesen Geist zu dokumentieren, der in Tannenberg herrschte, wurden die Juden brüskiert. Der Rabbiner, der neben einem Pfarrer und einem Pastor eine Weihrede halten sollte, durfte nicht in Anwesenheit der Offiziellen sprechen. Er hätte wohl den Herrn Ludendorff, dessen Getreue in Deutschland die jüdischen Gräber schänden, zu sehr an die jüdischen Opfer erinnert... Der katholische Patriarch — ein Freund der Jaden. Der lateinische Patriarch Monsignore Luigi Barlassina empfing den Herausgeber der hebräischen Tageszeitung „Dar HajoiiT in Jerusalem, Herrn Elmalah, und erklärte ihm gegenüber, er nehme eine durchaus freundschaftliche Stellung zum Judentum ein. An den Behauptungen, er sei ein; Antizionist oder gar Antisemit, sei kein wahres Wort. Diese Erklärung des lateinischen Patriarchen erregte in Palästina viel Aufsehen. Mgr. Barlassina galt mehrere Jahre lang als ein entschiedener Gegner des Zionismus und der jüdischen Arbeit in Palästina. In seinen Berichten an den Vatikan, die im offiziellen Organ des Vatikans „Osserv a t o r e Romano" zu erscheinen pflegten, stellte er fest, daß die zionistische Arbeit die katholischen Interessen in Palästina gefährdet. Diese seine Berichte bildeten auch schon Gegenstand von Diskussionen im britischen Unterhause. Als er vor längerer Zeit in London weilte, sprach er sich in den „Times" dahin aus, er bedauere tief, sagen zu müssen, daß die Moral in Palästina unter dem E i n f 1 u ß d e s Z i o n i s m u s g e 1 i 11 e n ha« b e. Als aber vor einem Monat die katholische Presse außerhalb Italiens eine scharfe antizionistische und antijüdische Erklärung Barlassinas veröffentlichte, erklärte er dem römischen Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gegenüber, er habe eine solche Erklärung nicht abgegeben und sie stimme auch nicht mit seinen Ansichten überein. Tatsache ist, daß der Patriarch viele Beweise seiner giftigen Judenfeindschaft erbracht und großen Schaden gestiftet hat. Ob seine verbindlichen Aeußerungen einem jüdischen Journalisten gegenüber ernst zu nehmen sind, wird die Zukunft lehren. Episode am Baseler Zionistenkongreß. Das Zeichen dieses XV. Zionistenkongresse, von dem die Baseler „Nationalzeitung" schrieb, das Schweizer Parlament könne sich an seiner Arbeitsleistung ein Beispiel nehmen, war seine Sachlichkeit. Als die Generaldebatte beendet war, als Motzkin sagte: „Der Kongreß tagt nicht mehr hier im Verhandlungssäale, sondern draußen in den Kommissionszimmern", setzte dort draußen ein Ringen um die Stärkung der Zionistischen Organisation, um die Bezwingung der Krise in Palästina, um die Liquidierung der Arbeitslosigkeit ein. Ich erinnere mich an einen Vergleich, den Jabotinsky — damals noch Mitglied der Exekutive r— in einer Wiener Massenversammlung mit seiner bildnerischen Kraft formte: „Siehst du diesen Berg? Er dünkt dich, Bruder in Zion, steil, unbezwingbar? Er ist noch steiler, noch unbezwinglicher, als es sich vom Tale ermessen läßt! Und hier müssen wir hinauf. Müssen!!" Solcher Wille war in den Kommissionen am Werke. Dann wurde das bewältigte Pensum auf dem Präsidententisch aufgehäuft, kurze Debatten gingen den Abstimmungen voraus, scharfe, leidenschaftliche. Und die Meinungsdifferenzen, hier in ihrer letzten Fassung vorgebracht, nahmen den Verhandlungen keinen Deut ihrer Prägnanz. Dem Kamp* der Geister um politische Grundprobleme des Zionismus zu folgen, um Finanz-, Budget- und insbesondere Kolonisationsfragen, erforderte volle Kenntnis der Verhältnisse, und auch der gebildete Zionist, der nicht in der Lage war, in den letzten Jahren, ja Monaten, an Ort und Stelle (also in Erez Israel) Erfahrungen zu sammeln, wird, sofern er nicht als Delegierter am Kongreß selbst Einblick gewann, erst durch das Studium der Ergebnisse, wie sie in den angenommenen Beschlüssen niedergelegt sind, die Leistung und den Wert dieses Kongresses ermessen können. Die Sprecher der Kommissionen brachten ihre Begründungen in knapper Kürze vor, besorgt, auch nur durch eine überflüssige Wendung der Tagung eine Minute der kostbaren Zeit zu stehlen. Nur einer.. * Aber das ist die Episode des Zionistenkongresses im Jahre der Palästina-Krise, die ich liier festhalten will, von dem Wunsche gedrängt, es möge sich allen, die nicht Augen- und Ohrenzeugen waren, aus dieser matten Andeutung auch nur ein Schimmer ihrer Wirkung mitteilen. Als Referent des Kolonisationsausschusses erhielt Z u c h o w i e c k i, der Führer der Kleinkolonisten in Migdial, das Wort. Es war kein Motivenbericht. Es war auch keine der Auseinandersetzungen mit „Stellungnahme" und mit „Richtlinien", wie sie bei parlamentarischen Beratungen üblich und angebracht sind. Und es war auch bestimmt nicht — man weiß, daß diese Möglichkeit in Parlamenten gegeben ist und gelegentlich benützt wird — eine auf Massenwirkung berechnete, durch die Fenster des Saales hinausgesprochene Rede. Dort oben stand ein einfacher Mensch, Typus des Kleinbürgers, aber jetzt ein Pionier auf der Scholle, und machte gegenüber den jüdischen Brüdern außerhalb Palästinas seinem bedrängten Herzen Luft. Zunächst gab er sich selbst — als wäre er allein — Rechenschaft über das Ideal, welches ihn und die Gleichstrebenden, der letzten katastrophalen Massenwanderung nach Palästina, unter den unsäglichsten Mühen und Prüfungen zu dem neuen, ungewohnten Leben des jüdischen Bauern befähigt hatte; „Wir haben nicht einen Platz für unser Geschäft gesucht, sondern einen Platz für unsbre Seele. Wir haben ihn gefunden. Wir sind jetzt in schwerster Bedrängnis. Aber niemals hat uns Reue angewandelt. Und wenn auch die ziffernmäßigen Rechnungsabschlüsse nicht stimmen, haben wir doch nicht das Gefühl, uns in unseren Rechnungen geirrt zu haben. Wir sind nach Erez Israel gekommen, um unser Leben zu ändern. Deshalb konnten wir nicht in die^tadt gehen, sondern mußten dorthin, wo man nur leben kann, wenn .man auf der Erde arbeitet und pflanzt und sät, ins Sauerndorf." Und aus dem Munde dieses Mannes klang nicht als Phrase, was durch häufigen Mißbrauch wie eine leere, abgegriffene Wortwendung, ach, so oft unser Ohr verletzt: „Wir ertragen alles und wissen, daß es sehr schwer und ganz langsam vorwärts gehen wird mit unserem Bauerntum, aber die Ueberzeugung, daß es für die nächsten Geschlechter, für unser Volk geschieht, hält uns im Dorfe fest." Dann aber ein Anruf, eine Anklage, mit solcher Unbekümmertheit und Erregung vorgebracht, daß man sie nie wieder vergessen kann, wenn man sie mitangehört hat: „Wir leben jetzt so, daß ihr draußen im Galuth, die ihr euch zum Zionismus bekennet, bei jedem Bissen, den ihr esset, daran denken müßtet, ob jetzt diejenigen, welche mit ihrer Hände Arbeit die palästinensische Scholle enterben, auch zu essen haben..." Es war, wie gesagt, kein einleitendes Referat vor der „Abstimmung -über die Resolutionen der Kommission für landwirtschaftliche Kolonisation". Keine Rechtsbelehrung darüber, warum die Majorität der Kommissionsmitglieder d i e s*e Anträge bezüglich des Arbeitsplanes und der Form landwirtschaftlicher Arbeit sowie ihre Budgetierung gestellt, warum die Minorität jene Gegenanträge eingebracht hat. Aber