Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- Jahrgang 1911
- Issue
- IV. Heft (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2709933-2709934-2709938--100-2710050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 3× ep/1024888
- Capua 1× ep/1047865
OCR text
- 98 - droht den Liebling Fortunas, Gnaeus Pompeius, von seinem hohen Posten herabzujagen und schon steht Caesar am Rubicon, um sich eine Monarchie zu erkämpfen. Da bietet es ein geradezu lächerliches Schauspiel, wie Cicero, der, da er noch cum imperio ist, Rom nicht betreten darf, mit seinen Liktoren mit ihren Rutenbündeln im Lande herumzieht, und auf seinen Triumph wartet. Plötzlich hat Caesar den Rubicon überschritten, und nun ist der Jammer gross. Was soll Cicero tun? Wem soll er sich anschliessen. Im Dezember 50 schrieb er noch an seinen Freund Atticus: „Wenn mich etwa einer im Senat fragte: Für wen stimmst du, Tullius, würde ich ohne Zögern sagen: Ich stimme für Gn. Pompeius!" Aber Caesar könnte sich doch dafür rächen, wenn er etwa ans Ruder käme. Ob es etwa doch besser wäre, ihm zu folgen? Oder ob ich abwarten soll, wer siegt? So schwankt Cicero hin und her. Im Januar 49 schreibt er siegesbewusst: „Grosse Aushebungen. Der Sieg is unser! Caesar ist von allen Seiten umzingelt! Gallien verliert er, im Rücken hat er die Legionen des Pompeius aus Spanien . . ." aber Cicero riskiert es doch jetzt noch nicht einmal, ein Kommando für Pompeius in Capua zu übernehmen. Kurz vor der Entscheidung betrachtet er in seinen Briefen an Atticus immer und immer wieder die beiden Führer. Einmal ist er ganz für Pompeius, ein andres Mal wieder schimpft er in grimmigen Worten auf ihn, der nie seine Weisungen befolgt und seine „gewichtige" Stimme vernommen habe, Pompeius hätte Caesarn erst gross werden lassen, er sei an allem schuld. „Und was spricht für Caesar?" fragt er sich weiter. „Eigentlich nichts, als eben das, dass bei ihm alles viel wohlüberlegter zugeht als bei Pompeius." Kurz und gut: ein ewiges Schwanken! Es folgen Unterredungen mit Pompeianern und mit Caesar, endlich entschliesst er sich für Pompeius. Aber da sieht man ihn schief an, weil er erst so spät kommt. Und nun hat er's mit allen verdorben! - Das ist der Mann, der unsre obersten Gymnasialklassen tyrannisieren will?! Ich glaube, jeder Sekundaner hat soviel Energie im Leibe, dass er sich aut! — aut! — . . entweder der einen oder der anderen Partei angeschlossen hätte! Charakterfestigkeit und Bescheidenheit ist das Letzte, was man von Cicero lernen kann und als Vorbild taugt er in keiner Beziehung. Sein klassischer, im Lateinischen sonst nie wieder erreichter Stil ist es, an dem sich die höhere Schuljugend heranbilden soll — das aber wäscht noch lange nicht den Makel von Cicero, dass er im Glück masslos eitel, im Unglück völlig haltlos und in seinem ganzen Leben, wie Mommsen sagt: ein Staatsmann ohne Ansicht, Einsicht und Umsicht gewesen ist. Merkat-Breslau.