Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- Jahrgang 1911
- Issue
- III. Heft (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Diesen seinen Jugendideen ist auch Napoleon in allen Peripetien, in allen Irrtümern seines Lebens bis zum letzten Augenblick treu geblieben. Auf St. Helena hat er seinen letzten und schwersten Kampf siegreich durchgerungen. Seine Totenmaske trägt den Ausdruck unsterblicher Jugend Viele Jahre nach seinem Tode, bei der Oeffnung des Sarges, ruht auf seinem Gesichte noch immer derselbe Ausdruck, trotzdem der Leichnam nicht einbalsamiert worden war. (Memoiren mit Abbildungen. Von seinem Arzte, auf dessen Namen ich mich augenblicklich nicht besinne.) Nietzsches Schwester erzählt in der Lebensbeschreibung ihres Bruders, im Kapitel: Fritz als Erzieher, folgendes: „Wenn ich mich recht erinnere, so lief der grösste Teil seiner Ermahnungen darauf hinaus, mich Selbstbeherrschung zu lehren: Schmerz, Kummer, Unrecht schweigend mit lächelnder Miene und freundlichen Worten zu ertragen." Im Kapitel: Die ersten Schuljahre in Pforta, lesen wir: „Die jüngeren Knaben sprachen von Mucius Scävola und ein etwas wachlich gesinnter mochte wohl bemerkt haben: das wäre doch zu grässlich und fast unmöglich sich so ruhig die Hand abbrennen zu lassen. „Warum?" frägt Fritz ruhig» nimmt ein Bündelchen Zündhölzchen, zündet sie auf der flachen Hand an und streckt sie, ohne zu zucken, gerade aus. Die Knaben sind starr vor Erstaunen und Bewunderung. Plötzlich entdeckt der Obergeselle den Vorgang, springt hinzu und schlägt ihm die Zündhölzchen aus der Hand/ die schon ziemliche Brandwunden davon* getragen hatte." Er, Nietzsche, ist es wohl, der sich am höchsten hinaufgerungen hat. Es ist nicht genügend von ihm zu sagen, dass er seinem Jugendideal treu geblieben ist, denn er hat es erst im Laufe der Jahre skh selbst abgerungen. Seine Jugend steigert sich mit seinen Leiden. Mit 40 Jahren schreibt er, nach einem Leben der Entbehrungen, der Enttäuschungen, der Geldsorgen, unter zunehmenden körperlichen Schmerzen, den Zarathustra, dieses feurigste aller seiner Bücher. „Die Zucht des Leidens — des grossen Leidens — wisst ihr nicht, dass nur diese Zucht alle Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen hat? Jene Spannung der Seele im Unglück, welche ihr die Stärke anzüchtet." (Jenseits von Gut und Böse.) Das sind die glorreichen Grossen. Doch es giebt auch namenlose, talentlose Grössen, Genies des Herzens, die sich dem Leben und dem Tode gegenüber in Selbstüberwindung und Opferwilligkeit eine Heldenhaltung bis ans Ende bewahren. Alles Ringen der Seele nach Veredlung, Erhöhung, das sich Durchkämpfen, Anzüchten, das Ausharren, — das sind die Kämpfe der ewigen, der unbesiegbaren Jugend.