Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- Jahrgang 1911
- Issue
- II. Heft (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2709933-2709934-2709936--040-2709988- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 40 — In der Ferne von irgend einer Kirche schlagt die Glocke; eine Zweite antwortet. Ein alter Weißbart kommt vorüber, ganz in Gedanken versunken. Pfeift er nicht etwas vor sich hin?: O alte Burschenherrlichkeit, Wohin bist du geschwunden!-- Drüben eine Männerstimme: „Also auf Wiedersehen morgen. Gute Nacht! Noch einen Kuß!" Verhallende Schritte. Wieder alles still. Junge Frühlingsträume atmet das Vorgärtchen unter mir. _ Die Erde duftet so frisch. Das helle Grün der Bäume wird magisch durchschimmert von dem Laternenlicht. Wenn der Wind weht, hebt dort ein Raunen und Flüstern an, wie wenn ein Kind im Schlafe spricht. Da, ich weiß nicht wie, fällt mir ein Lied ein, ein Lied aus meiner frühsten Kinderzeit: „Holder Frühling, komm' doch wieder---" Es ist so weihevoll. Jetzt mit ihr hier zusammen in die duftige Nacht hinausschaun! Ich würde in vollen Zügen Seligkeit trinken. Doch das sind törichte Gedanken. Der Mond lächelt gütig dazu. — — In der Ferne braust ein Eisenbahnzug. Eine Turmuhr schlägt zehn. Klar klingt das melodische Signal von der Kaserne zu mir herüber. Ehe ich das Fenster schließe, fällt mein Blick noch in ein erleuchtetes Zimmer im ersten Stock gegenüber. Die Gardine ist etwas zurückgezogen. Dort sitzt ein junges Mädchen, über ein Buch gebeugt. Eine Freundin neigt sich von hinten her über sie, und ihre Lippen berühren sich in langem Kuß. Schwärmerische, ahnungsreiche Frühlingsgefühle. Ich schließe das Fenster. Heinz Hunold (Cassel).