Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- Jahrgang 1911
- Issue
- II. Heft (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 36 — Da ist z. B. die Redensart: „sich das Auge spülen", welche beim Anblick eines schönen Menschen oder Kunstwerks angewendet wird. Alles Häßliche, welches einem täglich und stündlich vor Augen tritt, wird also durch Ansehen eines schönen Gegenstandes wieder weggespült. Eine unheilbare Krankheit nennen die Franzosen mit unheimlichem Tiefsinn eine Krankheit, die nicht „verzeiht"! Dagegen werden Schwachsinnige im Volk „Unschuldige" genannt. Der vulgäre Ausdruck: „je vais t'apprendre ä vivre!" wirkt sehr komisch, wenn man ihn zum ersten Mal bei irgend einem Streit hört; doch hat auch er eine tiefere Bedeutung. Dem Sinne nach heißt das auf deutsch: „ich werde dich mores lehren", also Sitte, Lebensart. Die Franzosen sagen einfach: „ich werde dich lehren zu leben", weil für sie leben und Lebensart haben dasselbe bedeutet. Andererseits aber lieben es die Franzosen ganz einfache Sachen mit einer malerischen Umschreibung auszudrücken. Ihr erfinderischer Geist macht leblose Objekte zu handelnden Wesen, Begriffen verleihen sie Empfindungen und Gegenstände sind den Leiden lebender Geschöpfe unterworfen. (Ermüdete Kleider, kranke Stiefel für abgenutzte!) Von einem spärlich beleuchteten Raum sagen sie: „das Licht dringt nur mit Bedauern herein." Eine Person kommt nicht her, nein, „sie führt sich her." (Voüä la petite dame qui s'amene.) Die kleine Madame wird zu einem Doppelwesen: ihr Geist führt ihren Körper her. Ein Gegenstand, welcher unvorteilhaft von seiner nächsten Umgebung absticht „flucht". „Seines schönen" Todes sterben bedeutet eines natürlichen Todes sterben. Jemand, dessen Einfluß weit reicht hat „einen langen Arm". Sich den Kopf zerbrechen wird mit „sich das Gehirn aushöhlen" übersetzt und „seine Zunge schluckt man", wenn man sehr gerne etwas sagen möchte und doch schweigen muß. Jeder kennt den poetischen Ausdruck: „faire Ticole buissonniere" für die schule schwänzen. Ebenso das amüsante: „faire danser Panse du panier." (Dienstleute, die für Wirtschaftsausgaben mehr anrechnen als sie ausgelegt haben.) Weniger bekannt hingegen sind wohl folgende: „tomber sur