Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 6 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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und Australien gewandt. Die wichtigsten Binnenwanderungsländer sind gegenwärtig in Europa Frankreich und in Amerika die Vereinigten Staaten. Die Internationale Arbeitskonferentz hat im Laufe der letzten Jahre zum Schutz der Auswanderer Uebereinkommen und Empfehlungen angenommen, die die Sozialversicherung und die Gleichberechtigung ausländischer Arbeitnehmer, die Aufsicht über Auswanderer an Bord von Schiffen, den Schutz ausländischer Frauen und Mädchen u. a. m. betreffen. Auf ihre Veranlassung hin fand 1928 die zweite internationale Wanderungskonferenz in Havanna statt. Von ungleich größerer praktischer Bedeutung wurde jedoch im Jahre 1928 die Regelung der Wanderungsfragen durch zwischenstaatliche Verträge. Hervorzuheben sind hier insbesondere ein f r a n z ö s i s c h - b e 1 g i s c h e s (auch «in beligisch-luxemburgisches) Abkommen über die Gleichbehanidlung ihrer Arbeiter. Auch die Saisonwanderung wurde zwischen Frankreich und Belgien geregelt. Mit Großbritannien und Deutschland hat Frankreich Abmachungen betr. den Austausch von anzulernenden Arbeitern getroffen. Großbritannien und Kanada haben ein Abkommen geschlossen, in dem die Einwanderung einer bestimmten Anzahl von Erntearbeitern nach Kanada vorgesehen ist. Ueber die Entwicklung der einzelstaatlichen Gesetzgebung wird u. a. Folgendes berichtet: In Brasilien wurden Pläne für die Kolonisation polnischer, österreichischer, ungarischer und rumänischer Auswanderer ausgearbeitet oder in Erwägung gezogen. In Chile sieht ein Gesetzentwurf die Organisation der landwirtschaftlichen Kolonisation und zu diesem Zwecke beträchtliche Kreditgewährungen vor. In Paraguay seien nur solche Einwanderer erwünscht, die über einiges Kapital verfügen und fähig sind, Landwirtschaft zu betreiben. Im allgemeinen kann man feststellen, daß im Laufe des Jahres 1928 von den Einwanderungsländern eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Regelung, allerdings in manchen Fällen sogar zur Einschränkung der Einwanderung getroffen worden sind. Demgegenüber erstrebt das IAA „den freien Austausch ausländischer Arbeiter41. Nach der heutigen Lage der Dintge ist die Verwirklichung dieser Bestrebungen letzten Endes aber von dem Willen und den Entschließungen der Einzelstaaten abhängig. —{dt. Sozialpolitik and Schlichtungswesen Diese beiden Themen standen im Mittelpunkt der letzten Hauptversammlung der Gesellschaft für soziale Reform (Oktober 1929 in Mannheim). Wenn die Tagung auch .zu Beschlüssen nicht geführt hat, so waren doch sowohl die Referate als auch die Aussprache über diese beiden Fragen, die beide in gleicher Weise aktuell sind, sehr bedeutungsvoLl. Das Interesse, das sie erweckten, wurde dadurch noch gesteigert, daß sowohl von maßgebender Arbeitgeberals auch Arbeitnehnierseite aus zu den gleichen Fragen Stellung genommen wurde. Professor Sinzheimer, der über das Schlichtungswesen referierte und seine Bedeutung für den sozialen Frieden, für den Abschluß von Tarifverträgen und seine lohnpolitische Funktion betonte, beantwortete die strittige Frage der staatli chen Verbindilichkeifcserklärung von Schiedssprüchen zugunsten des staatlichen Zwangseingriffs, der von den einzelnen Aufgaben des Schlichtungswesens nicht zu trennen sei und deshalb auch nicht aufgegeben werden könne. Gegen die Verbindlichfceitserklärung nahmen in entschiedener Form die Arbeitgeber Stellung, während die Gewerkschaften sich für fiie Verbiindlichkeitserklärung aussprachen. Diese bekannte Stellungnahme der Gewerkschaften ist deshalb erstaunlich, weil sie durch die Vormachtstellung, die sie so dem Staat freiwillig einräumen, einen Teil ihrer wirtschaftlichen Selbstverwaltumg aus der Harnd geben, die sie sonst so sehr erstreben. — Nicht weniger bedeutsam wurden die Auseinandersetzungen über den „wirtschaftlichen Wert der Sozialpolitik", die gleichfalls eine ausführliche Diskussion dadurch erfuhren, daß wiederum die Führer der Gewerkschaften <$as Wort ergriffen. Hatte schon Professor Götz Briefs (der Referent) Ansätze zu einem Primat der Sozialpolitik vor der Wirtschaft aufgewiesen, so sprach sich Spliedt (ADGB) nicht nur für die Beibehaltung, sondern für stärkste, auch internationale Förderung, dei 155