Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 6 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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kann ihn keiner genügend ernähren. Er wechselt auf der Linie des geringsten Widerstandes oft sein ganzes Leben lang von einem Beruf zum anderen, hat oft mehrere zur gleichen Zeit, aber alle in verkümmerter Form. Derjenige Beruf wird ergriffen, der die geringste Schwierigkeit und die beste Chance bietet. Das ist der Zwischenhandel. Und das ist der Typ des Juden, der das Hauptkontingent der Einwanderer bietet. Die andere Schicht der Einwanderer nach Tel.-Aviv, die aus Jemen, Nordafrika, Mesopotamien, Persien usw. kommende, unterscheidet sich in ihrer sozialen Struktur von der osteuropäischen nur graduell. Auch dieser Einwanderer ist auf die Chance eingestellt und seiner Wirtschaftstendenz nach ein Händler. Alle unsere Einwanderer, auch die geeigneten, sind im wesentlichen Menschen mit krämerischen Wirtschaftsneigungen und krämerischen Fähigkeiten. Wirkliche Landarbeiter, Schwerarbeiter, Bauern, durchgeschulte Handwerker, richtige Fabrikanten (nicht Fabriksbesitzer) kommen ebensowenig wie Kapitalisten. Wir müssen mit dem Einwandererelement, über das wir nun einmal verfügen, ebenso vorliebnehmen wie mit dem Land. Ebenso wie wir aus den Bedingungen des Landes heraus wirtschaften müssen, um zu reüssieren, ebenso müssen wir mit der Beschaffenheit der Einwanderer rechnen, wenn wir nicht bankrottieren wollen. Sicherung der Gegenwart — Vorbereitung der Zukunft. Der jüdische Einwanderer, der ins Land kaum Kapital und sehr wenig produktive Fähigkeiten mitbringt, verfügt über zwei Aktivposten. Der eine ist die oben erwähnte Fähigkeit der Chance. Sie macht den Einwanderer „wendig", bindet ihn nicht an ein und denselben Beruf auch dann, wenn er aussichtslos wird, läßt ihn Möglichkeiten finden, an denen der darauf nicht Eingestellte achtlos vorübergeht. Es ist eine ausgesprochene Zwischenhändlerfähigkeit. Das andere Aktivum bildet das stark entwickelte Gemeinschaftsgefühl des Juden, die jüdische Solidarität, die einen für den anderen einstehen läßt. Der Rückhalt, den der Jude einer Stadt an seinem Landsmann aus derselben Stadt findet, ersetzt das fehlende Kapital. Der alte Satz „Kol Ha-Jehudim Arewim se läse" hat eine wörtlich zu nehmende wirtschaftliche Bedeutung, die für Tel-Aviv geradezu entscheidend geworden ist. Der städtische Jude in Erez-Israel ist oder wird Handwerker öder Zwischenhändler. Es gehört zu den Fehlern unserer Siedlungsideologie, daß sie darin etwas Verderbliches erblickte. Der Jude von Tel-Aviv hat gezeigt, daß er mit dem Zwischenhandel da noch existieren kann, wo ihm jede andere Erwerbsmöglichkeit abgeschnitten ist. Die Bank Halvaoth hat diese Tatsache erkannt. Ursprünglich aus einer Art Wohltätigkeitsinstitut entstanden, stellte sie sich eine Aufgabe: dem Juden in Erez Israel die Schaffung und Erhäl- 148