Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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IX. Unterbringung eines Hillsschulkindes Helmuth A., geboren 1913, ist seit anderthalb Jahren bei uns. Die häuslichen Verhältnisse sind geordnet, der Vater ist seit 30 Jahren in einer Fabrik Zigarren arbeiter. H. ist einziges Kind, beide Eltern, wenig intelligent, die Mutter vielleicht sogar etwas debil, verwöhnen den Jungen maßlos. Die ersten Schwierigkeiten werden übersehen; als der Knabe schulpflichtig wird, vergrößern sich die Schwierigkeiten sehr Die Einschulung in die Hilfsschule erscheint den Eltern als antisemitische Maßnahme; sie glauben nie, daß ihr Sohn geistig zurückgeblieben sei. Sein Nichtlernenkönnen wird stets als Ungezogenheit gewertet, und auf diese Weise wird ihm und den Eltern das Leben noch besonders erschwert. Nach der Schulentlassung kommt er zuerst als Bote in den Betrieb, in dem der Vater als Werkmeister angestellt ist. Hier stellt sich heraus, daß eine systematische Arbeit ihm kaum möglich ist. Tn Gemeinschaft mit der Eignungsprüfstelle wird den Eltern eine Heimunterbringung vorgeschlagen. Dieser Plan scheitert an dem Widerstand der Eltern. So bleibt der Junge einige Zeit zu Hause, versucht dann durch private Vermittlung eine Bäckerlehrstelle zu erlangen, in der er nur ganz kurze Zeit verbleibt, wo es ihm aber gut gefällt. Wir versuchen es auf seine Bitten nochmals mit einer Bäkkerlehrstelle; dieser Versuch schlägt aber fehl, da er zu vergeßlich und für diesen Beruf nicht brauchbar ist. Wieder ist H. arbeitslos. Es erscheint richtig, mit dem Eintritt in die Lehre noch zu warten, und es wird ihm zunächst eine Laufburschenstelle vermittelt. In dieser Stelle bewährt er sich ausgezeichnet. Er hat dor* Abwechslung, er braucht nicht hintereinander zu arbeiten, und man verlangt nicht zuviel von ihm. Ein Jahr ist er dort, dann wird noch einmal der Versuch gemacht, ihn in einen angelernten Beruf zu bringen. H. hat Lust, in einer Schuhfabrik die Fabrikation von Schuhen zu erlernen. Diese Arbeit dürfte er erlernen können, und es besteht die Möglichkeit, daß er hier auslernt. Wir suchen eine Stelle für ihn und finden nach längerer Zeit eine solche in einer mittelgroßen Schufabrik, die er auch antritt. Bisher geht es ihm dort gut- Aber wird er seine Lehre beenden? Es ist bei diesem Kinde ganz unsicher, man muß es hoffen. X. Spinale Einderlähmung als Berufshindernis Alfred L., knapp 14 Jahre alt, sehr lebhaft, intelligent, kommt mit der Mutter zu uns. Er möchte gern Buchhalter werden, da er infolge einer Kinderlähmung einen Beruf ergreifen muß, in dem er meist sitzt. Er ist sehr klein und lahmt stark, so daß es nicht leicht ist, ihn unterzubringen. Er ist ganz vergnügt und hoffnungsfreudig, die Mutter jedoch spricht immer wieder von seiner Erwerbsbehinderung unter Betonimg der Tatsache, daß diese Behinderung ein Unglück sei. Es kam zunächst darauf an, den Jungen zu überzeugen, daß seine körperliche Behinderung nur ein relatives Berufshindernis sei. Ferner war es wesentlich, ihm durch eine rasche Unterbringung seine Berufsfähiorkeit zu demonstrieren und ihm ein Gegengewicht gegen die Hemmung zu geben, die durch die Ueberängstlichkoit der Mutter entstehen könnte. Von einer Handelsschulausbildung mußte abgesehen werden, da der Jungedurchaus keine Lust mehr ha'te, in eine Schule zu gehen und sehr vern eine praktische Arbeit bpginn^n wollte. Wir fanden eine Stelle, die sich nach langen Verhandlungen bereit erklärte, den Juncren probeweise einzustellen. Wir erhielten das Versprechen, daß A. keine B^+*™<?äncre zu machen brauche. Der Junge trat seine Lehrstelle an unrJ i«+ *«+zt ein halbes Jahr dort. Es gefällt ihm gut, und man ist zufrieden mit ihm. XI. Berufseingliederu"" pines taubstummen Mädchens Lilli N. ist 16 Jahre alt, ein gesundes, gut aussehendes Mädchen. Seit sechs Jahren ist sie in der Taubstummenanstalt und hat die dortige Schule besucht. Sie ist sehr handsceschickt, und bei ihrer Erziehung ist auf die Ausbildung und Förderung ihrer handwerklichen Begabung besonders geachtet worden. Sie spricht leidlich verständlich und liest gut vom Munde ab. Als Berufswunsch 123-