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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-11-01 · 5 (November 1929) · page 12

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
5 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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aber heraus, daß sie drei haben. Der Konsul gibt ihnen nicht das Visum. Im- Büro des „Hias-Emigdirekt44 in Riga erzählen die Emigranten, daß sie in der Tat drei Kinder haben, das eine aber will den beiden andern nicht helfen, die Eltern nach Amerika zu bringen, und die Eltern wollen daher nichts von ihm wissen. Der Konsul glaubt aber nicht, daß sie die richtigen Eltern seien, da sie nicht wüßten, wieviel Kinder sie hätten, und verweigert ihnen die Erteilung des Visums. — Eine Frau fährt mit zwei Kindern nach Kanada als Hausangestellte. Der Konsul erfährt, daß sie in Kanada einen Bruder hat. Warum fährt sie also nicht zum Bruder, sondern zu einem fremden Menschen als Hausangestellte? Er gibt ihr nicht das Visum. In den meisten ähnlich liegenden Fällen gelingt es, den Konsul darüber aufzuklären, daß, wenn die Emigranten häufig nicht die volle Wahrheit berichten, sie es nicht böswillig tun, sondern aus verschieden begründeter Angst! Darauf folgt aber dann die sogenannte „medizinische" Untersuchung, die dann das Urteil fällt, daß die betreffenden Emigranten aus Gesundheitsgründen für das Land ungeeignet seien. Und hier nur einige Beispiele dafür, wie im amerikanischen Konsulat in Riga die medizinische Untersuchung vor sich geht: „Der Arzt läßt in seinem Zimmer ältere Männer und Frauen zehn Minuten herumlaufen und erklärt hinterher, daß sie herzkrank sind. Derselbe Arzt hat sich einmal nicht geniert, sich auf den Leib eines Emigranten zu stellen, und als dieser das nicht aushalten konnte, hat er ihn für zu schwächlich erklärt..Allerdings wurde dieser Arzt nach schwerem Kampf beseitigt, und 60 Prozent von denen, die er für untauglich erklärt hat, haben später doch Visa erhalten. Aber was ist aus den übrigen 40 Prozent geworden, die durch den modernen Inquisitor jede Hoffnung verloren haben, nach Amerika einzuwandern? Und nun einige andere Tatsachen aus Riga: „Schmul Henkin, ein hebräischer Lehrer aus Snowsk, Gouvernement Tschernigow, war im Jahre 1906 nach Amerika gefahren und Bürger der Vereinigten Staaten geworden. Im Jahre 1913 fuhr er zum Zionisten-Kongreß nach Wien und von dort nach Rußland, um seine Eltern zu sehen. In Rußland heiratete er und konnte dann infolge des Kriegsausbruches nicht nach Amerika zurückkehren. Vor fünf Jahren erhielt er von einem Freund aus Amerika Schiffskarten, konnte aber zu dieser Zeit aus verschiedenen Gründen Sowjetrußland nicht verlassen. Am 4. Juli v. J. ist er durch die „Cunard Line" nach Riga gekommen, um von hier aus weiter zu fahren. Im amerikanischen Konsulat wurde ihm gesagt, man müßte erst in Washington anfragen. Es vergingen einige Wochen, der Konsul gab ihm keine Antwort. Nun brachte man in Erfahrung, daß von Washington? aus geantwortet worden war, Henkin könnte nach dem neuesten Gesetz nur •dann einen amerikanischen Paß erhalten, wenn er zusammen mit seiner Familie «urückkehren würde. Der Konsul hat aber diese Antwort geheim gehalten und H. nichts mitgeteilt. Später erhielt das Büro des „Hias-Emigdirekt14 in Riga eine Mitteilung aus Amerika, die die Antwort aus Washington bestätigte. Auch Herr Henkin selbst hat eine ähnliche Nachricht von einem Mitglied des amerikanischen Kongresses erhalten. Der Konsul wollte aber immer noch nicht der „Cunard Line44 einen Brief schreiben, daß er der Familie ein Visum erteilen wird. Trotzdem durch die „Cunard Line4* Schiffskarten für die ganze Familie Henkin aus Amerika besorgt wurden, wollte dieselbe Gesellschaft der Familie nicht zur Ausreise aus Rußland verhelfen, solange sie nicht den Brief des Konsuls hatte. Nach langen telegraphischen und brieflichen Interventionen in Washington erhielt der Konsul von dort aus die Mitteilung, daß er Henkin verständigen solle, er würde ihm einen Paß ausstellen, wenn er zusammen mit seiner Familie fahren würde. Der Konsul mußte nachgeben, und Henkin konnte endlich seine Familie aus Rußland herausbekommen, um nach Amerika zurückzukehren.44 In einem anderen Fall hatte der Konsul in Riga der christlichen Emigrantin Louise Barmann die Einreisemöglichkeit nach Amerika verschafft.. Louise Barmann int in Amerika geboren. Vor einigen Jahren ist sie mit ihren Eltern nach Rußland gefahren. Nun ist sie aus Rußland zurückgekehrt, ohne- Paß und ohne Visum. Sie hatte bloß ihre Geburtsurkunde. Auf Grund dieser 108

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