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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-11-01 · 5 (November 1929) · page 11

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
5 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHES AUSWANDERUNGSELEND In der jiddischen Zeitschrift „Die Emigration'1 erscheint seit einiger Zeit Material über die merkwürdige Behandlung der jüdischen Auswanderer aus dem Osten durch die ausländischen Konsulate. Wenn dieses Material mit den Tatsachen übereinstimmt — und es scheint kein Zweifel daran erlaubt —, so sind hier Zustände zu konstatieren, die dringend der Abhilfe bedürfen. Die Lage der jüdischen Auswanderer aus dem Osten ist schon an sich so schwierig und qualvoll, daß die unnötigen Schikanen der Konsulatsbehörden unter allen Umständen vermieden werden müssen. Wir veröffentlichen hier und in den folgenden Heften einen Teil dieses Materials, um die breiteste Oeffentlichkeit von diesen Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Die Aufsätze sind aus dem Jiddischen übersetzt. Die Redaktion. Wir haben schon bei früherer Gelegenheit die schlechten Beziehungen der amerikanischen Konsulate in Polen zu jüdischen (vielleicht auch nichtjüdischen) Emigranten geschildert. Nach einer Intervention in Washington, wo versprochen wurde, die Angelegenheit zu prüfen und Mißstände zu beseitigen, hatten wir gehofft, daß die amerikanischen Konsulate in Osteuropa beginnen würden, etwas humaner mit den Emigranten umzugehen, daß sie aufhören würden, die Emigranten durch inquisitorische Fragen zu quälen, die angeblich dazu dienen sollen, den „psychischen Zustand 4 des Emigranten festzustellen. In einem Brief aus Lemberg werden uns nun einige neue Tatsachen mitgeteilt, wie der amerikanische Konsul in Warschau Emigranten, deren Nerven durch den langen Leidensweg, den sie bis zum amerikanischen Konsul zurückgelegt haben, nicht gerade gestählt worden sind, zu Geisteskranken stempelt. „Ich muß darauf hinweisen/4 schreibt unser Korrespondent aus Lemberg, ..welche Schwierigkeiten durch den amerikanischen Konsul den Emigranten bereitet werden, wenn sie sich mit der Bitte um Visa an ihn wenden. Für den amerikanischen Konsul in Warschau sind die bestehenden Einwanclerungsb^schränkungen noch zu gering, er schafft Ergänzungsverordnungen, die er unter den sehr elastischen Begriff „geisteskrank" bringt. Gesunde, kluge und vernünftige Menschen erklärt er einfach für verrückt. Folgende Tatsachen sind in der letzten Zeit zu verzeichnen: Rahel Fand, die Frau eines amerikanischen Bürgers, will mit ihren vier Kindern zu ihrem Mann nach Amerika fahren. Alle Formalitäten sind in Ordnung. Alles wird in Kuronn liquidiert, denn es scheint kein Zweifel zu bestehen, daß die Frau das Visum erhalten wird Der Konsul erklärt sie aber für geisteskrank Die Kinder fahren nach Amerika, sie aber bleibt allein zurück. Es mag wohl stimmen, daß die Frau verrückt werden kann, wenn man sie noch länger quälen wird, vorläufig sieht aber jedermann, daß Rahel Fand vollständig gesund und geistig normal ist. Die Aerzte untersuchen sie und erklären einstimmig, daß sie vollständig normal sei. Aber der amerikanische Konsul hat nun einmal sein Urteil gefällt, und es ist nichts dagegen zu machen ... Aehnliches passierte vor kurzem zwei russischen Mädchen, den Geschwistern Sandler. Die Mädchen sind vernünftig und intelligent. Sie trafen pünktlich alle Reisevorbereitungen; nun kommen sie nach Warschau zum Konsul. Der amerikanische Arzt findet, daß sie geisteskrank sind... Woher mag aber wohl diese Art der Menschenbehandlung stammen? Sind es nur Launen des hiesigen Konsuls oder etwa Instruktionen von oben?u Daß es „Instruktionen von oben'4 sein können, ersieht man daraus, daß nicht nur der amerikanische Konsul in Warschau so verfährt. Der amerikanische Konsul in Riga ist nicht besser, sondern eher noch schlechter als sein Warschauer Kollege. Im Folgenden einige Tatsachen aus Lettland: Eltern wollen zu ihren Kindern nach Kanada fahren. Der Konsul fragt sie. wieviel Kinder sie in Kanada haben. Sie antworten: zwei. Es stellt sich 107

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