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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-10-01 · 4 (Oktober 1929) · page 30

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
4 (Oktober 1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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tat gegeben hat, die gegenwärtig nicht nur nicht voll ausgenutzt wird, sondern durch die verhängnisvolle Politik (Quoten- und Preispolitik) der Kartelle und Trusts gar nicht voll ausgenutzt werden kann. Nach Lederer muß die Lohnsteigerung allerdings eine Steigerung des Reallohns sein, die sich nicht aus Krediten, sondern aus dem Produktionsprozeß selbst deckt und mit keiner Preissteigerung verbunden ist. Dann bedeutet Lohnerhöhung Steigerung der Kaufkraft. Während in der völlig ungebundenen Wirtschaft der Gedanke Geltung beanspruchen konnte, daß Produktionspolitik die beste Lohnpolitik sei, gelte heute der Grundsatz: Lohnpolitik ist die beste Produktionspolitik. Brauer untersuchte die Frage nach zwei Seiten, indem er regulative und spekulative Lohnerhöhungen schied. Die günstige Wirkung der regulativen Lohnerhöhung d. h. eine solche, idie gestiegene Produktivität und Lohnanteil am Ertrage ausgleicht, auf die Kaufkraft und die Marktgestaltung ist wenig umstritten, obwohl die Wirtschaft das Ergebnis der Rationalisierung in Fo»rm von Lohnsteigerungen dem Arbeiter bisher schuldig geblieben ist, vielmehr die Rationalisierung auf Kosten der Arbeiterschaft durchführte. Die günstige Wirkung einer spekulativen Lohnerhöhung, d. h. einer solchen, die künftig mögliche Lohnerhöhungen vorwegnimmt, ist in Deutschland bisher nicht erprobt worden. Sie rechtfertigt sich ohne weiteres in Gewerbezweigen mit steigender Rationalisierung. Das Beispiel Amerikas gibt zu denken. An die Referate schloß sich eine hochstehende und interessante Diskussion, die sowohl von Arbeitgeberu. Arbeitnehmerseite als auch von Vertretern der Wissenschaft bestritten wurde. Die Verhandlungen haben leider bisher in Wissenschaft und Praxis nicht diejenige Beachtung gefunden, die sie reichlich verdienen. — Der zweite Tag der Tagung beschäftigte sich mit der Frage der Selbstverwaltung in der Sozialpolitik. Der Hauptreferent Erkelenz stellte in seinem Referate merkwürdige Thesen auf, die in der Debatte hart umstritten wurden und fast einmütige Ablehnung erfuhren. Selbsthilfe sei heute wichtiger als Staatshilfe. Der erwachsene Arbeiter kann sich im demokratischen Staate im Gegensatz zu früher selbst helfen. Soziale Fürsorge brauchen wir nur für Jugendliche, Schwangere und Invaliden. Lohnerhöhung und Selbsthilfe durch die Gewerkschaften sind wichtiger, fruchtbarer und moralisch wertvoller als Hilfe durch staatliche Zwangsorgane und durch die Bettelgroschen der Sozialrente. Die Sozialversicherung hemmt den Aufstieg der unteren Volksschichten, denn die Grenze der möglichen Kassenbeiträge ist bei weitem überschritten. Inkonsequent kommt Erkelenz trotzdem zu dem Schluß, daß keine Rede davon sein kann, die vorhandenen Einrichtungen, insbesondere der Sozialversicherung, abzubauen, da staatlicher Zwang zur Ergänzung der Selbsthilfe notwendig ist; aber Sozialversicherung und Sozialpolitik müssen im wesentlichen entstaatlicht und der Selbstverwaltung der Beteiligten übergeben werden. Die Grundlage für die außerordentlich lebendige und interessante Tagung des Vereines für Sozialpolitik bildete im ersten Teil ein Referat von Werner So mbart, der die bekannte These vom Niedergang der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eindrucksvoll vertrat. Der Kapitalismus befindet sich in seiner Spätepoche, der nunmehr eine Epoche der Plan- und Großwirtschaft ohne kapitalistische Spitze mit stabilisiertem Bedarf, stabilisierter Technik, fester Regelung von Absatz und Konsum zu folgen beginnt. Zwar nicht nach Marxschem Muster, wo eine Wirtschaftsform die andere aufsaugt, sondern neben ein vorhandenes Wirtschaftssystem ein anderes tritt (in Form einer Fuge), wie ja auch neben dem kapitalistischen sich frühere Wirtschaftssysteme erhalten, wie Eigenwirtschaft, Handwerk, Bauerntum. Der Korreferent Eckert — Köln lehnte Sombarts These vom Niedergang des Kapitalismus im wesentlichen ab, insbesondere in einer Zeit, wo die Entwicklung der Technik jeden Tag neue und ungeahnte Möglichkeiten schafft und weiterhin schaffen kann. An der Diskussion nahmen wohl alle bedeutenden Nationalökonomen Deutschlands teil, aber auch der Standpunkt der kartellierten Großindustrie kam durch Generaldirektor S i 1 v e r b e r g, Köln, zum Ausdruck. — Die weiteren Ver- 94

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