Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Hause bedeutet. Daß dies durch die häuslichen Verhältnisse notwendig wurde, war ihm niemals bewußt geworden, er hatte immer nur gefühlt, daß man ihn weggeschickt hätte, und daß er kein Heim besaß. Die Eltern hatten immer um ihn gekämpft, er war einmal hier, einmal dort, niemals koninte er zur Ruhe kommen. Die Mutter verwöhnte ihn, um den Vater zu quälen; der Vater versuchte, ihn auf jede mögliche Art und Weise von der Mutter zu entfernen. So mußte er sich stets als das Opfer des Streites seiner Eltern fühlen. Um sich für seine liebearme Kindheit zu entschädigen, begann er im Internat, in dem er mit Söhnen wohlhabender Eltern zusammen war, viel Geld auszugeben, anspruchsvoll zu werden und seine Eltern »mit Geldforderungen zu quälen, die umso leichter erfüllbar schienen, als die Befriedigung seiner Ansprüche für beide Eltern ein Mittel schien, ihn auf ihre Seite zu ziehen. So wurde er allmählich zum Verschwender. In der Schule vernachlässigte er sich immer mehr; trotz guter Begabung blieb er zurück. Als er 15 Jahre alt war und U III besuchte, nahm der Vater ihn aus der Schule, um ihn in die Lehre zu bringen. Die Schande, die aus der Tatsache resultierte, daß er nicht die Obersekundareife erlangt hatte, wurde ihm von Eltern und Geschwistern täglich aufs Neue vergegenwärtigt. In der kaufmännischen Lehrstelle, die der Vater ihm beschaffte, gefiel es ihm zuerst gut. Der Arbeitgeber hatte zwar über sein aggressives Betragen zu klagen, behielt ihn jedoch, bis sich herausstellte, daß er bei Arbeitern größere Geldbeträge entliehen hatte, die er niemals zurückgezahlt hatte. Hierauf erfolgte seine Entlassung. Damals kannte er bereits jenen jungen Mann, von dem anfangs die Rede war. Außerdem erzählte er, daß er sein Geld mit Mädchen durchgebracht hätte, und daß er immer Angst hätte, daß (die Mädchen ihn wieder verlassen würden, wenn er nicht die Vorstellung erwecken würde, daß er viel Geld hätte. Er könne unmöglich seine Ausgaben einschränken, da er sein Geld ohne jede Ueberlegung ausgäbe und alle guten Vorsätze immer wieder vergäße. Wenn man ihn Handwerker werden ließe, dann sei flim alles ganz gleichgültig, und dann würde er sich überhaupt keine Mühe mehr geben, da er ohne Freude nicht arbeiten könnte. Nachdem versucht wurde, ihm die Gründe für alle seine Schwierigkeiten bewußt zu machen, und ihm versprochen wurde, ihm zur Erfüllung seines Berufswunsches zu verhelfen, übernahm ich es, noch einmal die Eltern zu bitten, einen Versuch zu machen und ihn in eine kaufmännische Lehrstelle zu geben. Der Vater wollte von diesem Vorschlag nichts wissen und wollte den Jungen in irgendeiner handwerklichen Lehre und vor allem außerhalb Berlins untergebracht haben. Nach langen Verhandlungen gab er seine Erlaubnis zum Eintritt in eine kaufmännische Lehre. Wir suchten eine Lehrstelle, und es gelang uns, eine solche in einem Herrenkonfektionsgeschäft zu finden, in der dem Jungen ein Teil der verbrachten Lehrzeit angerechnet werden sollte. Da E. damals noch im Hotel, wo ihn der Vater untergebracht hatte, wohnte, galt es, eine ordentliche Pflegestelle zu finden. Nach längerem Suchen siedelte er zu einer netten jüdischen Familie über, bei der wir die Gewähr hatten, daß man sich dort gut um ihn kümmern würde. Sechs Wochen war der Junge in der Lehre und in der Pflegestelle, als wir erneut Klagen hörten und nach wenigen Tagen war E. entlassen. Er hatte eben nicht ertragen können, daß ihm alle seine Wünsche erfüllt worden waren. Es war vorauszusehen, daß die Einreihung dieses schwierigen Jugendlichen in das Wirtschaftsleben nicht beim ersten Versuch gelingen würde. Trotzdem war es unsagbar schwer, wieder mit der Familie zu verhandeln und erneut zu bitten, es noch einmal zu versuchen. Nach langem Kampfe erhielten wir nochmals die Erlaubnis, und die Suche begann von neuem. E. wajr nun längere Zeit arbeitslos und kam täglich zu uns. Er kam in ein gewisses Vertrauensverhältnis zu uns und unserer Organisation und versicherte eines Tages, daß er sich von jetzt an bestimmt gut führen würde, denn uns, die wir Vertrauen zu ihm hätten, wolle er nicht blamieren. Eines Tages machte er den Versuch, festzustellen, ob wir wirklich Vertrauen zu ihm hätten. Er lieh sich von mir eine kleine Summe, und als er sie ohne einen Hinweis irgendwelcher Art auf 91