Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Stunde unter Aufsicht mit dem Gefangenen sprechen dürfen. Es Äst das Wenige, was man in solchen Fällen, tun kann, das einen unsichtbaren Wert hat. Die Strafe ist verhängt und kann nicht abgekürzt werden. Der Mutter wird die Freude gemacht, ihren Sohn zu sehen, und vielleicht gewinnt sie Befriedigung durch das Verständnis und schlichte Mitempfinden anderer Menschen. Man könnte viel mehr Erlebnisse von „Türdienst-Abenden" im Hull-House erzählen. Immer wieder kommen Arme, Neugierige, Interessierte mit Fragen und Wünschen. Damit haben wir noch nicht von allen den Einrichtungen des Settlements gesprochen, die stetig und gutorganisiert der sozialen Fürsorge dienen. Ein moderner und gut geleiteter Kindergarten, in der Art unserer Krippe, ist dem Hull-House angegliedert. Eine wissenschaftlich geschulte Beobachtung ist .gesichert durch die Mitarbeit eines Psychiaters und eines Psychologen, die in wöchentlich einmal stattfindenden Konferenzen Schwierigkeiten und Eigenarten des einzelnen Kindes besprechen und die individuelle Behandlung überwachen. Eine Dauereinrichtung bildet ferner die Weberei, die seit der Gründung des Hull-Houses besteht. Hier arbeiten Frauen und Mädchen und verdienen durch den Verkauf ihrer Arbeiten, die das Hull-House übernimmt. Miss Addams hatte die besondere Idee, die künstlerische Ausdrucksfähigkeit der verschiedenen Nationalitäten zu benutzen, um hier eine Stätte zu schaffen, in der alte Webstühle und Spinnräder wieder in Bewegung gesetzt werden, deren Produkte durch die Eigenartigkeit der Konkurrenz nicht unterworfen sind und reißenden Absatz in der Bevölkerung finden. Daneben finden wir die Werkstätte für Keramik. Ein Künstlerehepaar hat die Leitung. Allabendlich werden von jungen Arbeitern, Studenten und Schulkindern mit gleichem Eifer und gleicher Freude Tongefäße von den einfachsten bis zu den kunstvollsten Formen und Ausführungen hergestellt. In dem eigenen Ofen werden die Sachen 24 gtunden gebrannt und am nächsten Tag von dem überraschten Künstler in Händen gehalten. Die Begabten helfen den Unbegabteren. Manche geben von ihrem Verdienst denjenigen ab, deren Sachen unverkäuflich sind. Das Ganze ist eine Arbeitsgemeinschaft, ein echter tätiger Zusammenschluß, im Sinne des Settlements. Mancher lernt hier Vasen zu formen, mancher lernt seine Abende nützlich zu verwerten und mancher andere gleichaltrige Kameraden kennen, mit denen er auch andere gemeinsame Interessen entdeckt. Außerdem befindet sich im Hull-House eine Musik-Schule, in der Klavier- und Geigen-Unterricht, je nach Bedarf, für ganz wenig Geld erteilt wird. Ferner eine Malschule, deren Leiterin besonders gut die künstlerischen Fähigkeiten von Kindern zu entwickeln versteht. Manche von diesen Laien-Arbeiten waren im 78