Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein alter Mann mit Vollbart kommt auf mich zu. Das blasse Gesicht, das nur durch «die Augen belebt wird, die eigentümliche Kleidung erinnert an einen polnischen Rabbiner. Er sieht ernst, verbittert und müde aus. Die Qualen des Vertriebenseins zeichnen sich in den Furchen um den Mund. „Wo ist die englische Klasse?" fragt er mit einem Tonfall, der staxk ans Hebräische erinnert. Er will offenbar amerikanischer Bürger werden. Er spricht wenig, und ich weiß, daß ihn im Hull-House niemand ausfragen wird. Er geht in seine englische Klasse, in der Junge und Alte, Polen, Italiener, Chinesen, fleißig Englisch treiben, um bald Amerikaner werden zu können. Diese englischen Klassen sind eine wichtige Einrichtung, um den Ausländern bei der Vorbereitung für das Examen, das nötig ist, um amerikanischer Bürger zu werden, zu helfen. Das Beherrschen der englischen Sprache ist selbstverständliche Vorbedingung hierfür. Die Hull-House^Tür wird wieder geöffnet. Eine Besuchergruppe, Gesellschaftsreisende, etwa 40 Herren und Damen, die das Hull-House besichtigen wollen, drängen herein. Ihr Führer, der aussieht wie ein Telegraphenbote, erklärt mit monotoner Stimme: „Miß Addams, die Leiterin der Hull-House, ist die Mutter der sozialen Fürsorge der Welt/4 Ich bitte eine Sozialarbeiterin, die gerade nach Hause kommt, die Führung zu übernehmen. Sie spricht auch von Miß Addams, von den ersten Nöten der Settlements, vom Theater, der neueingerichteten Musikschule, dem Kindergarten, aber in ihrer Stimme schwingt etwas mit, das Wissen um die Einfachheit, die Selbstverständlichkeit der Nächstenliebe, die Miß Addams in jedem Zweig ihrer Arbeit zum Ausdruck gebracht sehen möchte. Ein hochaufgeschossener, bläßlich 'aussehender Mensch gibt mir die Hand. Wir sind schon bekannt. Neulich einmal habe ich diesen Schwachsinnigen, der so hilflos und traurig sein kann, zu trösten versucht. „Wo ist Miß Binford? Ich muß zu ihr/1 Es ist nach 10 Uhr, ich möchte sie nicht mehr stören und bitte ihn, mir zu erzählen, was er möchte. Er hat von seinem Bruder, der wegen schweren Diebstahls im Gefängnis ist, einen Brief bekommen. Einen naßgeweinten, zerknitterten Brief zieht er aus seiner Tasche. Der Brief ist voll Sehnsucht. Der Bruder, der zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt ist, hat seit fünf Jahren weder Mutter noch Bruder gesehen. Er fürchtet, seine Mutter könne sterben, ohne daß er sie nochmals gesprochen hat. Wir besprechen die Schwierigkeit der Situation. Ich sage ihm, daß Miss Binford sicher alles tun wird, um bei der Gefängnisdirektion Erlaubnis für einen Besuch zu erwirken. Die Familie wird lange von der J. P. A. betreut Die Besprechung mit Miß Binford und ein Telephongespräch mit der Direktion von Joliet (Gefängnis in der Nähe von Chicago) waren erfolgreich. Am nächsten Sonntag nachmittags um 2 Uhr holt Miß Binford in ihrem eigenem Wagen Mutter und Sohn und fährt mit ihnen nach Joliet, wo sie wenigstens für eine halbe 77