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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-10-01 · 4 (Oktober 1929) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
4 (Oktober 1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Kleine einen Augenblick mit in ihr Büro hinüber. Nachher erzählt sie mir, daß sie das Kind gut kannte. Die Familie war schon oft bei ihr gewesen. Sie wird morgen mit der Mutter sprechen, die vermutlich weiß, wo der Vater sich aufhält. Dann genügt eine Vermittlung der Juvenile Protective Association, zu der Vater und Mutter Vertrauen haben, und er wird wahrscheinlich zurückkommen. Der Vater ist einer von jenen heftigen, reizbaren, empfindlichen Menschen, die in Wut davon stürmen und allein den Weg nach Hause nicht finden. Hier vermittelt die J. P. A., hilft dem Vater, hilft dadurch der Mutter und dem Kind, ohne einen großen Aufwand von Untersuchungen und ohne sehr viel Zeit- und Kraftverbrauch. Dies geht, weil die J. P. A. ihre Räume im Hull-House hat, Miss Binford dort wohnt und eigentlich Tag und Nacht gerufen werden kann, und weil sie seit Jahren in engster Fühlung mit den Bewohnern der Umgebung steht. Ein Italiener in ziemlich schäbigem Anzug steht vor mir. Er guckt ausgiebig die Halle, dann mich an. „Wo ist unser Klub?" Auf meine Antwort: „Die Faschisten tagen im ersten Stock,4' lacht er hell auf. Er erzählt, daß er lebhafter Gegner der Faschisten sei „das sind alle dumme Jungens." Er haßt Mussolini, haßt das Italien von heute. Ich zeige ihm sein Klubzimmer, es ist auch im ersten Stock, nur wenige Schritte von dem der Faschisten entfernt. Das Hull-House hat offenes Haus, Faschisten und Revolutionäre haben am gleichen Abend Besprechungen. An anderen Abenden wieder werden sie zusammen sein, wenn es nicht um politische Fragen geht, und oft sieht man sie in der Halle oder bei Tanzvergnügungen harmlos und selbstverständlich miteinander plaudern. Frauen und Männer kommen allmählich in die Halle. Sie stehen in kleinen Gruppen und unterhalten sich über die Präsidentenwahl. Ich höre „Smith, natürlich Smith," daneben sagt einer „Smith ist ein Trinker4' und wiederholt eifrig gestikulierend Hoovers letzte Rede. Zwei Polen stehen vor mir. Schüchtern und verschämt gucken sie zur Erde. Ich frage, was sie möchten. Vielleicht können sie nicht englisch, oder was mag wohl die Schwierigkeit sein? Das Mädchen ist etwa 18 Jahre, der Junge 20. Er dreht unausgesetzt seine Mütze. Langsam kommt es über seine Lippen: „Zum 18. Juli möchten wir die Bowen-Hall mieten, aber ganz bestimmt zum 18. Juli." Sie wollen dann nämlich heiraten und nach der Trauung soll eine kleine Feier im Hull-House stattfinden. Ich mache eine Eintragung ins Buch, die «beiden gehen beglückt Hand in Hand davon. Das Hull-House vermietet für einen ganz geringen Betrag die Bowen-Hall, einen großen, schönen Saal, der für Festlichkeiten sowohl vom Hull-House selbst, wie von einzelnen Familien des Bezirks benutzt wird. Familien, die sonst auf jegliche Hochzeitsfeier verzichten müßten, wird so Gelegenheit geboten, im Hull-House unter der einen Bedingung, keinen Alkohol zu trinken, — eine Festlichkeit für ganz geringe Kosten nach ihrem Geschmack zu geben. 76

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