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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-10-01 · 4 (Oktober 1929) · page 11

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
4 (Oktober 1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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aus einer Zeit, als es noch keine Hilfsbedürftigen und keine Wohlfahrtsämter, als es noch „würdige" und „unwürdige" „Arme",— als es noch keine Fürsorge sondern nur Wohltätigkeit gab. Wenige einsichtige Frauen, die „armenpflegerisch" tätig waren, erkannten die Unmöglichkeit, ihre Aufgabe sinnvoll zu erfüllen, da sie weder die Lebensbedingungen, noch die Bedürfnisse der Menschen kannten, denen sie helfen wollten. Sie schufen aus privater Initiative, mit mühsam erbetteltem Geld die ersten Settlements. Auch heute werden diese durch private Mittel erhalten, z. B. durch Vereine, Stiftungen oder jährliche Sammlungen. Einige der Gründerinnen, wie Miss Addams und Miss Wald, sind Jüdinnen. Sie haben ihr Wirkungsfeld, das ursprünglich den im Ghetto lebenden Juden galt, auf einen größeren Kreis erweitert, z. B. dadurch, daß die Juden, besonders die eingewanderten deutschen Juden schnell wohlhabend wurden, und in bessere Gegenden zogen, während die Neueingewanderten anderer Rassen und Nationen ihre Plätze einnahmen. Die Settlements sind grundsätzlich interkonfessionell, doch in ihrer Eigenart wesentlich bestimmt durch die jeweilig in der Umgebung gruppierten Juden, Neger, Italiener oder Chinesen, und ihre nationalen oder religiösen Gebräuche. Um ein wirklich lebendiges Bild von dem Leben und Treiben eines Settlements zu bekommen, muß man einmal einen Abend im Hull-House in Chicago erlebt haben. Als Gast und Freund des Hauses durfte ich den „Türdienst" übernehmen, d. h. einen Abend von 7 bis 10 in der Halle sitzen, das Telephon und die Tür bedienen und dabei den merkwüdigsten Menschen begegnen und die unerwartetsten Fragen beantworten. Stellen Sie sich eine große geräumige Halle mit schönem alten Gestühl vor. Sie ist leer, es ist eben 7 Uhr. Wilder Lärm herrscht wie immer draußen, in der Halstedstreet, der belebtesten Verkaufsstraße Chicagos. Kinder kreischen, ringen und spielen miteinander; erschreckt sieht man sie zur Seite springen, wie die Feuerwehr vorbeikommt; direkt vor meinem Fenster prügeln sich zwei stämmige Neger. Man sieht die glasigen Augen in ihren schwarzen, erhitzten Gesichtern. Ihre muskulösen Arme sind ineinander verkrampft. Es wird scheinbar kein Wort gesprochen. Plötzlich liegt einer am Boden; der andere geht ruhig, vergnügt pfeifend davon. Ein Kind kommt ins Hull-House gestürzt. Es ist ein vierzehnjähriges Mädchen in schmutzigem rosa Kleidchen mit großen verweinten Augen. „Die Mutter schickt mich herüber", sprudelt sie mir atemlos entgegen. „Der Vater ist fort, schon seit gestern. Was sollen wir nun tun?" Meine Frage „Habt Ihr die Polizei benachrichtigt?" verneint sie schluchzend. „Nein, das wollen wir nicht, aber der Vater soll wiederkommen!" Miß Binford, die Leiterin der Juvenile Protective Association, geht gerade durch die Halle. Ein Wink mit den Augen genügt, um sie heranzurufen. Sie nimmt die 75

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