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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 36

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
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Familienmitglieder zu schwächen, und rücksichtslos die Durchführung seiner Forderungen verlangt. Besonders schmerzlich ist ihm, dem Orthodoxen, das Bewußtsein, daß seine drei erwachsenen Kinder Sozialisten und in religiösen Beziehung ganz frei eingestellt sind. Mit aller Macht versucht er, sie zur Innehaltung aller religiösen Vorschriften zu zwingen. Alle seine erwachsenen Kinder leben gegen ihren eigenen Willen orthodox. Die Mutter, eine durch viele Geburten geschwächte, ältere Frau, steht innerlich meist auf Seiten der Kinder, wagt aber nicht, dem Manne gegenüber ihre Ansicht zu vertreten. Infolge der betonten Machtstellung des Mannes besteht eine starke Opposition der Kinder gegen das Elternhaus, die sich auch auf die nicht im Elternhause lebenden Kinder übertragen und einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Berufswahl aller Kinder gehabt hat. Wie uns die Leiterin des Heimes, in dem Isaak sich befand, mitteilte, war der Junge bei seinem Eintritt in das Heim ein besonders scheuer, ängstlicher Junge, der nie den Mut zu einer eigenen Meinung hatte und zunächst lange Zeit gegen Leiter und Erzieher aggressiv eingestellt war. Allmählich entwickelte er sich zu einem nicht sehr heiteren, aber normalen Jungen. Schwierigkeiten stellten sich erst wieder ein, als er vor der Berufswahl stand. Der Vater hatte für den Jungen den Schneiderberuf erwählt, zu dem J. nicht die geringste Neigung hatte, der ihm im Gegenteil völlig zuwider war. Vielmehr hatte der Jugendliche den ausgesprochenen Wunsch, Bäcker zu werden, und man hatte sowohl im Heim, wie auch in der Berufsberatung durchaus den Eindruck, daß er seiner Art nach für diesen Beruf besser geeignet sei. Der Vater gab als Hauptgrund für seinen Entschluß an, daß man erstens als Schneider immer die Möglichkeit habe, sahbathtreu zu leben, zweitens aber die Wahrscheinlichkeit einer Selbständigmachung in diesem Beruf (größer als in jedem anderen sei. Der Junge war um keinen Preis damit einverstanden, Schneider zu werden. Unser Hauptargument gegen den Schneiderberuf war außer der absoluten Abneigung des Lehrlings, die in weitestem Maße zu berücksichtigen war, die Tatsache, daß die Familie tuberkulosegefährdet war und es aus diesem Grunde nicht ratsam schien/ I. in einen Beruf zu bringen, der eine Disposition zur Tuberkulose unter Umständen begünstigen würde. Da man bei der Berufswahl des Jungen aus (gesundheitlichen Gründen besonders vorsichtig sein mußte, ließen wir ihn vom Gewerbearzt der Stadt Berlin untersuchen, der feststellte, daß der Junge den gewünschten Beruf des Bäckers ohne jede Sorge ergreifen könnte. Inzwischen war der Vater bei der Leiterin des Kinderheimes gewesen und hatte erklärt, daß man mit dem Jungen machen könnte, was man wollte, man sollte dann nur die Verpflichtung zur wirtschaftlichen Versorgung des Jungen bis zu seiner vollendeten Ausbildung übernehmen. Dies wurde ihm versprochen, und wir begannen, eine sabbathfreie Lehrstelle in einer Bäckerei für ihn zu suchen. Infolige der ganz geringen Anzahl jüdischer Bäckereien in Berlin, von denen überdies einige nicht in Anspruch genommen werden konnten, da die Inhaber eine Lehrberechtigung nicht hatten, stellten sich bei der Unterbringung des Jungen besondere Schwierigkeiten heraus. Der Schulentlassungstermin rückte heran; alle Lehrlinge des Heimes hatten eine gute Lehrstelle, nur L mußte noch warten. Er wurde sichtlich ungeduldig und beigann, das Zusammentreffen mit dem Vater bei den Besuchen am Sabbath zu fürchten. Hinzukam, daß er anfing, seine Kameraden, die nun schon Lehrlinge waren, zu beneiden und sich gegen sie erheblich zurückgesetzt zu fühlen. Die schwierigste Aufgabe war, ihn vorsichtig und liebevoll über die Wartezeit wegzubringen und keine psychischen Schädigungen für die spätere Zeit zu verursachen. Endlich, nach fünf Wochen, war die geeignete Lehrstelle gefunden, und J. trat glückstrahlend in die Lehre ein. Meister und Lehrling waren vom ersten Tage an miteinander sehr zufrieden. Der Vater erklärte sich erst nach langen Verhandlungen bereit, Lehrvertrag und Arbeitsbuch zu unterschreiben, wenn wir alle Formalitäten erledigen würden. Er äußerte nochmals nachdrücklich seine Bedenken insbesondere darüber, daß die Bäckerei kein jüdischer Beruf sei, 36

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