Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Probleme wird sich die Antwort ergeben auf die Frage: wohin steuert das osteuropäische Judentum? Mit der eingehenden Untersuchung der beiden aufgeworfenen Probleme befassen wir uns an anderer Stelle. Hier beschränken wir uns darauf, daß wir den wichtigsten Teil des Auswanderungsproblems ausschälen und die Aussichten für eine Massenauswanderung nach den Vereinigten Staaten überblicken. Bietet die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten Amerikas einigermaßen günstige Aussichten oder liegen die Verhältnisse so, daß wir unsere Hoffnungen nicht zu hoch spannen dürfen und uns keinen trügerischen Illusionen hingeben dürfen? Wenn nicht alle objektiven Zeichen trügen, muß die Frage verneint werden. Die Limitierung der Einwanderung, die die Vereinigten Staaten von Amerika zunächst als vorübergehende Maßnahme festgesetzt haben, wird wohl aus nationalpolitischen Gründen nicht so bald aufgegeben werden. Die Vereinigten Staaten streben eine nationale, rassische und kulturelle Konsolidierung an. Sie haben das Verlangen, eine eigene Kultur zu voller Ausprägung zu bringen und glauben, dieses Ziel durch Eindämmung des Zustroms von Einwanderern und fremden Kultureinflüssen zu erreichen. Die wirtschaftlichen Interessen und Faktoren sind freilich stärker als diese Ressentiments und nationalistischen Tendenzen. Aber darin besteht eben das Traurige für all die Nationen, die mit gespannten Hoffnungen nach Uebersee schauen, daß auch die objektiven wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes die Begrenzung der Einwanderung beträchtlich billigerer Arbeitskräfte rechtfertigen und lange Jahre hindurch rechtfertigen werden. Die Vereinigten Staaten von Amerika beherrschen schon heutzutage den Kapitalmarkt und nähern sich schnell und sicher der Hegemonie auf dem Weltmarkt überhaupt. Die Wirtschaft des durch den Krieg zerrütteten europäischen Kontinents gerät in immer steigendem Maße in Abhängigkeit vom amerikanischen Kapital. Solange die Industrie der Vereinigten Staaten die europäische Konkurrenz mit Erfolg zu parieren vermag, wird das amerikanische Unternehmertum in der Lage sein, den Arbeitern hohe Löhne zu zahlen, oder, wie man drüben zu sagen pflegt, „Opfer zu bringen für die Interessen der amerikanischen Arbeiterklasse und der amerikanischen Nation/1 Den Massenauswanderungen ist, wie es scheint, eine Schranke für lange Zeit gesetzt. Am heftigsten und traurigsten werden sich diese neuen Tendenzen für die jüdische Bevölkerung Ost-Europas auswirken. 27