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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 26

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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städtische nichtjüdische Bevölkerung zunimmt, die städtische christliche Arbeiterklasse anwächst und das Kulturniveau der christlichen Bevölkerung ansteigt, wird die jüdische Bevölkerung ihre wirtschaftlichen Stellungen schrittweise der neuaufgekommenen Konkurrenz abtreten müssen. Diese vorauszusehende Entwicklung der Dinge ist nur eine Teilerscheinung des Prozesses der Verdrängung der Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen, der sich schon heute unbestreitbar in der ökonomischen Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den kapitalistischen Ländern andeutet. Die antisemitische Politik ist nur eine Begleiterscheinung, die diesen Prozeß der Verdrängung wohl beschleunigt, aber nicht erzeugt. Allerdings belasten die Maßnahmen der antisemitischen Politik diesen Prozeß mit krankhaften Erscheinungen, die seine normale Entwicklung hemmen und in absehbarer Zeit die osteuropäischen Regierungen veranlassen werden müssen, ernst über die Gefahren nachzudenken, die die antisemitische Politik der Wirtschaft ihrer Staaten bereitet. Die Regierungen werden vor sich eine ruinierte, verarmte jüdische Masse sehen, der mit den Mitteln der jüdischen öffentlichen Organisationen nicht mehr geholfen werden kann, und der Staat wird sich genötigt sehen, Wege und Mittel zu suchen, um das jüdische Problem, das nun sein eigenes Problem geworden ist, zu lösen. Mit diesen Ausführungen schließen wir unsere Analyse der wirtschaftlichen Latitude der jüdischen Bevölkerung Ost-Europas. Wir wollen auf untergeordnete Details und Fragen nicht eingehen. Für die Aufgaben dieser Untersuchung genügt die Erörterung der grundlegenden Momente in ihren allgemeinen Zügen. Im Lichte dieser Analyse offenbart sich die ganze Tragweite des osteuropäischen jüdischen Problems in voller Klarheit und Plastizität. Wenn viele der Ansicht sind, daß das osteuropäische Judentum sich dem Stadium einer ruhigeren, normalen Entwicklung nähert, daß mit dem Wiederaufbau der osteuropäischen Wirtschaft die Folgen der ungeheuren wirtschaftlichen Erschütterung der jüdischen Bevölkerung eine Abschwächung erfahren würden, so bringt die unvoreingenommene Analyse, wie wir sie hier unternommen haben, die Erkenntnis, daß das wirtschaftliche Problem des osteuropäischen Judentums noch lange Jahre hindurch die Aufmerksamkeit des Weltjudentums wird beschäftigen müssen. In dem kommenden Jahrzehnt wird dieses Problem vielleicht in noch schärferer Weise spürbar werden. Zwei Momente sind es, die in der zukünftigen Entwicklung des osteuropäischen Judentums eine schicksalsschwere Rolle zu spielen berufen sind. Von ihnen wird es abhängen, ob die jüdische Bevölkerung den Verlust ihrer Stellungen wieder gutmachen und sich in dem eingeengten Spielraum zu gesicherter, normaler Existenz durchringen können wird. Diese zwei Momente sinid: die Intensität der Vermehrung des osteuropäischen Judentums und die Zukunft der Massenauswanderung. Aus der Erörterung dieser 26

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