Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709108-2709121-2709123--580-2709775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ist, bis heute noch nicht erfüllt. Die kleineren zentralrussischen Städte, die heute als untergeordnete Verwaltungszentren emporgekommen sind, werden aber auch in der nächsten Zukunft abseits von den Bahnen der Ausgestaltung der neuen russischen Industrie und des Handels liegen bleiben und deshalb keine großen jüdischen Massen aus der Ukraina und Bi^loruß anlocken können. Ukraina und Bialoruß sind die einzigen Gebiete, in welchen die Geschicke des überwiegenden und wichtigsten Teiles des russischen Judentums sich entscheiden werden. In den übervölkerten Städten und Städtchen dieser Länder werden sich im Kampf um die Wiedereroberung der verlorenen und abgetretenen wirtschaftlichen Stellung die Folgen der entsetzlichen Erschütterungen der letzten zehn Jahre auswirken. Auch in diesen Ländern zeigt die Wirklichkeit, wie die objektiven Tatsachen beweisen, den jüdischen Einwohnern kein freundliches Gesicht. Während die Juden für ihren Wiederaufbau größtmögliche wirtschaftliche Bewegungsfreiheit und günstigste Entwicklungsbedingungen dringend benötigen, finden sie in Wirklichkeit nur wesentlich eingeengte Tätigkeitsgebiete und Funktionen. Eine Arbeit von vielen Jahren wird nötig sein, ehe der ruinierte und deklassierte jüdische Kaufmann und Industrielle es zu einer „kapitalistischen Anspeicherung44 bringen wird, die die Wege eröffnet zum Großhandel, zur Mittel- und Schwerindustrie, zu denjenigen Stellungen, in welchen sich das russische Judentum vor dem Kriege und namentlich während des Krieges mit Erfolg zu befestigen suchte. Aber selbst in dem eingeengten Bereich des Kleinhandels, der Kleinindustrie und des Handwerks, in welchen die jüdische Bevölkerung gedrängt wird, wird sie nunmehr auf eine neue, kapitalkräftige und rührige Konkurrenz der christlichen Bevölkerung stoßen. Das Anwachsen dieser Konkurrenz und die Vergrößerung ihrer Erwerbsquellen treten schon heute klar zutage. Die christlichen Angestellten der Kooperationsgenossenschaften in den Städten und auf dem flachen Lande, die Beamten der staatlichen Behörden, die Angestellten und Leiter der unzähligen staatlichen Handels- und Industriebetriebe, sogar die Beamten der modernen Parteiorganisationen und in ganz besonderem Maße die Großbauern auf dem flachen Lande, die in den letzten Jahren ansehnliche Kapitalien angehäuft haben, alle diese Elemente haben sich bereits ausreichende Erfahrung in Handelsgeschäften angeeignet und sind heute dabei, die sichersten Stellungen der Industrie und des Handels mit Erfolg in Besitz zu nehmen. Diese scharf ausgeprägte und immer mehr anwachsende christliche Konkurrenz in Ost-Europa darf jedoch nicht nur als eine künstliche Erscheinung, die durch die antisemitischen Tendenzen der Regierung erzeugt worden ist und genährt wird, angesehen werden. Denn in Wirklichkeit ist diese christliche Konkurrenz eine organische, zwangsläufige, ja gesunde und fortschrittliche Erscheinung im wirtschaftlichen Leben. In dem Maße aber, wie die 25