Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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sonders nach den Pogromen in der Ukraina, große, nach Hunderttausenden zählende jüdische Massen in Zentralrußland angesammelt und bereits gedeihliche wirtschaftliche Stellungen in Besitz genommen. In meiner speziellen Untersuchung von 1927 über die demographischen Wandlungen der Juden in Sowjetrußland*), habe ich den Nachweis erbracht, daß das Gerede von der „kompakten jüdischen Ansiedlung in Zentralrußland44 nur eine der vielen unglückseligen Legenden ist, die sich in den letzten Jahren um das russische Judentum gebildet haben. Auf Grund offizieller Daten zeigte ich, daß die inneren Gebiete Rußlands mit Ausnahme der großen Verwaltungszentren mit Leningrad und Moskau an der Spitze während der ganzen Zeit nach der Revolution für die Juden der früheren Siedelungsgemarkung ebenso hermetisch abgesperrt geblieben sind wie ehedem, gleichsam als ob hier eine noch strengere Einwanderungsquote bestände als in den Vereinigten Staaten. Die Volkszählung 1926 bestätigt vollends meine damaligen Ausführungen. Wie erklärt sich diese merkwürdige Tatsache, daß, während Hunderttausende ukrainischer und bialorussischer Juden infolge der ausgebrochenen wirtschaftlichen Katastrophen bereit waren, den Wanderstab zu ergreifen, um in der Ferne, wenn auch unter noch so schweren Entbehrungen nach neuen Erwerbsquellen zu suchen, gerade die zentralrussischen Städte nur in sehr geringem Maße von jüdischen Siedlern aufgesucht wurden? Es gibt hierfür nur eine Erklärung. Sie ist begründet nicht etwa in psychologischen oder nationalpolitischen, sondern in den wirtschaftlichen Bedingungen, die in den zentralrussischen Städten während der Dauer des kommunistischen Regimentes obwalten. Denn in diesen Teilen Rußlands haben Handel und Gewerbe, d. h. diejenigen wirtschaftlichen Gebiete, in welchen der jüdische Einwanderer sich zu allererst nach Verdienstmöglichkeiten umsieht, keinen Platz mehr. In den kleinen zerstreuten Städten Zentralrußlands haben die Fesseln, die den Privathandel gebunden halten, den von der Regierung verfolgten Zweck in denkbar vollem Maße erreicht und die Kooperation in die vorherrschende Stellung gebracht. In ähnlicher Weise ist hier das Handwerk zum großen Teile in den ländlichen Betrieben, abseits der Städte genossenschaftlich organisiert und hat sich soweit entwickelt, daß es imstande ist, den zumal eingeschränkten Bedarf der städtischen Bevölkerung zu decken. Die Anhäufung von großen jüdischen Massen vollzog sich stets und vollzieht sich auch heute noch in der Richtung zu solchen städtischen Zentren, die günstige Bedingungen und Aussichten für die Entwicklung von Klein- und Hausindustrie und dem Handel bieten. Diese Voraussetzungen für eine Agglomeration von Juden sind in Zentralrußland, mit Ausnahme der wenigen Hauptzentren, in die der jüdische Wandererstrom bereits eingedrungen *) J. Koralnik: Zur Statistik der Juden Sowjet-Rußlands. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Berlin 1927 Nr. 9—12. 24