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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 23

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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welchen man erkennt, daß die Aufnahmefähigkeit der meisten dieser Großstädte für jüdische Zuwanderer ihre äußerste Grenze erreicht hat. Unter den heutigen Bedingungen, wo der ungesunde Straßenhandel den normalen Handelsverkehr ersetzt, wo die kläglichen „Hausindustrien" und die handwerksmäßigen Kleinbetriebe einen ausreichenden Absatzmarkt finden, da der staatliche, administrative Apparat immer noch schwerfällig ist, ist das jüdische Element, das bisher eine glänzende Anpassungsfähigkeit an die gegenwärtige Situation bewiesen hat, nicht mehr im Stande, ein wenn auch nur dürftiges Auskommen zu finden. Wenn sich aber gar normale Zustände, sanierte Verhältnisse im Handel und Industrie und eine geregelte Zirkulation des wirtschaftlichen Lebens des Landes überhaupt einstellen und der Regierungsapparat des Landes sich rationeller gestaltet, dann erst dürfte sich zeigen, daß die zehntausenden fremden, mit den Ortsbedingungen nicht vertrauten jüdischen Einwanderer einen überflüssigen und hinderlichen Ballast bilden, der entfernt werden muß. Dann aber würden diese Elemente nur zwei Wege für ihren Rückstrom offen finden: entweder den Weg zurück in die alten, wirtschaftlich daniederliegenden Orte von Ukraina und Bialoruß, oder aber den Weg nach neuen, unbekannten Gebieten von Zentralrußland. Hier taucht die Frage nach der Aufnahmefähigkeit der zentralrussischen Gebiete für eine beträchtliche jüdische Einwanderung auf. Diese Frage beschäftigt schon seit langer Zeit, namentlich in den allerletzten Jahren, die jüdische Oeffentlichkeit. Aber das Problem ist in seinen komplizierten Einzelheiten bis heute noch nicht ausreichend erforscht und in seinem Wesen noch nicht richtig erfaßt, und die Hoffnungen, die auf die Besiedelung zentralrussischer Gebiete mit Juden gesetzt werden, scheinen in krassem Widerspruch mit der realen Wirklichkeit zu stehen. Die Uebersiedelung nach den inneren Provinzen Rußlands war von jeher der Wunsch der aktiveren Teile der in den engen Grenzen der Siedelungsgemarkung eingepreßten jüdischen Massen. Allgemein galt die Ueberzeugung, daß die Abschaffung der Siedelungsbeschränkungen einen spontanen Zug von hunderttausenden Juden nach Zentralrußland hervorrufen und der Beginn einer neuen Phase der jüdischen Zerstreuung in Rußland einsetzen würde. In einem solchen Einströmen kompakter jüdischer Massen in neue, von den modernen kapitalistischen Formen noch wenig berührte Ortschaften glaubte man eine radikale Lösung des jüdischen wirtschaftlichen Problems zu erblicken, obschon dies, vom nationalkulturellen Standpunkte aus betrachtet, die Gefahr einer Massenassimilation und Entfremdung bedeutete. Befremdlicherweise ist noch heutzutage in vielen Kreisen der jüdischen Oeffentlichkeit die Ueberzeugung eingewurzelt, daß die russische Revolution und insbesondere die bolschewistische Umwälzung den alten Traum des russischen Judentums von der Besiedelung zentralrussischer Gebiete verwirklicht haben. Allgemein herrscht der Glaube, es hätten sich in den letzten zehn Jahren, be- 23

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