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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 22

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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wickelte Industrie und keinen über die Grenze des Landes sich ausdehnenden Handel besitzt, das auf die Rolle eines Lieferanten von Rohstoffen für den ausländischen Markt eingeschränkt und mit seiner Industrie und Handel auf den inländischen Bedarf angewiesen ist, ein solches Polen wird unmöglich der drei Millionen starken jüdischen Einwohnerschaft, die in ihrer überwiegenden Mehrheit von einer stark entwickelten Exportindustrie und einem umsatzreichen Außenhandel abhängig ist, ausreichende Existenzmöglichkeiten bieten können. Verlassen wir jetzt Polen und wenden uns dem zweiten Hauptpunkt unserer Betrachtungen, der Prognose der künftigen Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse auf dem Territorium der heutigen Sowjet-Union zu. Für die Frage nach den Entwicklungstendenzen der russischen Wirtschaft in der fernen Zukunft, nicht bloß in den allernächsten Jahren, hat das politische Regime in Rußland eine viel geringere Bedeutung, als es zunächst scheinen mag. Offenbart sich doch dem objektiven Beobachter deutlich und unausbleiblich die Linie einer im Grunde kapitalistischen Entwicklung und kapitalistischen Gestaltung. Die Wandlungen und die Biegungen dieser Linie mögen von anderer Art sein als in den westeuropäischen Ländern, aber ihr Grundzug ist ein kapitalistischer, und er allein markiert den Weg, auf dem Rußland seinen Wiederaufbau zu erreichen sucht. Aber selbst diejenigen, die die zukünftigen Wandlungen der russischen Wirtschaft in dieser, für die jüdische Bevölkerung günstigen Richtung verlaufen sehen, werden trotzdem ihre Erwartungen für das russische Judentum, zumal in der ersten Phase des künftigen Aufbaues, nicht zu hoch spannen. Die größte Tragödie des russischen und ebenso des polnischen wie überhaupt des osteuropäischen Judentums besteht darin, daß die Wiederkehr normaler Verhältnisse und der Wiederaufbau Ost- Europas, soweit sie in den vorstehend geschilderten, vorgezeichneten Formen verlaufen, noch bei weitem nicht gleichbedeutend sind mit dem Wiederaufbau und der Sanierung der jüdischen Bevölkerung dieser Länder. Polen hat uns bereits den Beweis für die Richtigkeit dieses Satzes geliefert. Von den greifbaren Erfolgen der polnischen Volkswirtschaft in den letzten Jahren, von der verbesserten Lage der Landwirtschaft, von der Intensivierung der Schwerindustrie, von der Stabilisierung der Verhältnisse auf dem Geldmarkt, von dem Rückgang der Arbeitslosigkeit, von dem Aufstieg der Kooperationsbewegung hat die jüdische Bevölkerung Polens, deren spezifische Interessen in einer ganz anderen Richtung und auf einem anderen Gebiete liegen, nur sehr wenig Vorteil gehabt. Die Wiederaufrichtung der normalen Verhältnisse in Rußland hat in erster Linie diejenigen Teile der jüdischen Bevölkerung mitbeteiligt, die während der letzten zehn Jahre in die großen administrativen politischen Zentren eingedrungen sind. Schon heute lassen sich aber symptomatische Erscheinungen aufweisen, aus 22

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