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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 21

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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auch hinsichtlich der Entwicklungsprognose nach unserer Meinung zu primitiv und kurzsichtig. Fast alle Autoren sind geneigt, lediglich die unnormalen diplomatischen und politischen Beziehungen zwischen Sowjetrußland und Polen für die ganze Lage der Dinge verantwortlich zu machen. Daraus ergeben sich zwangsläufig optimistische Schlußfolgerungen und hochgespannte Hoffnungen auf die Liquidierung der polnisch-russischen diplomatischen Streitigkeiten und auf den zukünftigen polnisch-russischen Handelsvertrag, der der polnischen Industrie den Schlüssel zum umfangreichen russischen Absatzmarkt in die Hand drücken würde. Der Grundfehler dieser Konzeption liegt darin, daß dabei die sowjetrussische ökonomische Wirklichkeit und die wirtschaftspolitischen Interessen Sowjetrußlands gar nicht in Rechnung gezogen werden. Diese Faktoren bestimmen aber in entscheidender Weise das ganze Problem; sie lassen seine zukünftige Lösung in einem ganz anderen, viel weniger optimistischen Lichte erscheinen, da selbst unter günstigsten diplomatischen und politischen Beziehungen zwischen Polen und Sowjetrußland die Hoffnung der kongreßpolnischen Industrie, zu ihrer alten Rolle auf dem russischen Markt zurückzukehren, kaum jemals in Erfüllung gehen dürfte. Nicht nur unter den Bedingungen des heutigen politischen Regimes in Rußland, sondern auch bei jeder anderen Staatsordnung wird die Wiederkehr der alten Rolle Polens unmöglich sein. Denn die Politik, die die Sowjetregierung gegenüber der polnischen Industrie betreibt und betreiben wird, wird auch — mit geringen Abweichungen — von jeder anderen Regierung fortgesetzt werden müssen. Jede russische Regierung wird sich genötigt sehen, eine protektionistische Handelspolitik zu verfolgen, um die Entwicklung der eigenen Industrie des Landes zu fördern, für die Rußland über reiche natürliche Schätze an Rohstoff- und Menschenmaterial verfügt. Bei den neugeschaffenen Verhältnissen in Europa, bei der neuen wirtschaftlichen Struktur der Welt ist für Polen nur ein einziger Ausweg aus seiner schweren Nöten vorgezeichnet: Polen muß den Ehrgeiz, eine große Industrie mit einer Expansion nach Ost- und West-Europa und einen weit verzweigten Absatzmarkt in Rußland zu besitzen, endgültig aufgeben, um sich mit der Rolle eines Exporteurs von landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen zu begnügen und seine Industrie lediglich auf die Deckung des Bedarfes der eigenen Bevölkerung zu beschränken. In der polnischen Oeffentlichkeit erheben sich erregte Stimmen gegen diese unbefangene Beurteilung der Lage und der Aussichten. Es mag richtig sein, wenn behauptet wird daß diese Beschränkung auf die Rolle eines Lieferanten von Rohstoffen die Entwicklung Polens aufhalten, den Staat der Möglichkeit, seine Großmachtstellung in Europa zu behaupten, berauben und Polen auf das Niveau der rückständigen Agrarländer herabdrücken würde. Das reale Leben geht aber seine Wege und achtet nicht auf Ueberlegungen dieser Art. Ein Polen aber, das keine stark ent- 21

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