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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 20

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Beide Hauptieile des heutigen polnischen Staates, Kongreßpolen und Galizien, waren schon vor dem Kriege mit der schweren Sorge um das speziell-jüdische wirtschaftliche Problem belastet. Schon damals standen die zahlungsmäßige Entwicklung wie auch die soziale und berufliche Struktur der jüdischen Massen in einem kraßem Widerspruch zur wirtschaftlichen Aufnahme- und Leistungsfähigkeit dieser beiden Länder. Weder die intensive Emigration nach den Ueberseeländern, noch die inneren Uebersiedelungen aus den kleineren Orten nach den mittelgroßen und großen Städten vermochten die Uebervölkerung zu beeinflußen, die von jeher die Ursache der Notlage der jüdischen Massen in Polen war. Der Aufschwung der Industrie und des Handels in Kongreßpolen in der letzten Vorkriegsperiode hatte zwar neue Existenzmöglichkeiten für viele Hunderttausende Einwohner geschaffen, die aber zweifelsohne mehr dem übervölkerten christlichen flachen Lande, als den verarmten und überfüllten jüdischen Städten zugute gekommen sind. Der Erfolg der Produktivierung der jüdischen Massen, ihres Eindringens in neue Industriezweige war im Vergleich mit den sanierungsbedürftigen Verhältnissen äußerst gering. Während die umgebende nichtjüdische Bevölkerung sich im Prozeß der Urbanisierung gewandelt und modernisiert und neue wirtschaftliche Stellungen in Besitz genommen hat, ist die jüdische Bevölkerung genau so rückständig und gehemmt geblieben wie zuvor. Das industrielle Kongreßpolen, das vor dem Weltkriege, ungeachtet der intensiven Expansionskraft seiner Industrie und seines Handels, keinen Raum hatte für die anderthalb Millionen starke jüdische Bevölkerung, muß heute bei den neugeschaffenen Bedingungen fast der alleinige Versorger von drei Millionen polnischer Juden sein. Von den Entwicklungsaussichten der kongreßpolnischen Industrie, von der Frage nach dem Erfolg ihrer Bemühungen, die Mauer zu durchbrechen, die sich gegenwärtig zwischen sie und den russischen Absatzmarkt eingeschoben hat, und von der Frage nach der Leistungsfähigkeit ihrer Expansion auf neue Absatzgebiete hängt das Schicksal des polnischen Judentums in den nächsten Jahrzehnten ab. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß schon die Wiederherstellung des armseligen Lebensniveaus der jüdischen Massen Galiziens und Kongreßpolens der Vorkriegszeit einen überaus intensiven Aufschwung und Ausbau der „jüdischen44 Industrie- und Handelszweige und einen gegenüber der Vorkriegszeit bedeutend vergrößerten Ausbreitungsradius dieser Gewerbe unerläßlich macht. Wie gestalten sich nun in Wirklichkeit die Aussichten, wenn man die polnisch-russischen wirtschaftspolitischen Beziehungen im richtigen Lichte betrachtet? Jahre hindurch bemüht sich die polnische nationalökonomische Literatur um dieses Kernproblem der polnischen Wirtschaft und ist immer noch nicht in der Lage, eine befriedigende Antwort zu geben. Alle bisherigen Erörterungen sind sowohl in Bezug auf die Auffassung des Problems als 20

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