Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Prüfungsfach wird, kommt zu den vielen Fächern noch eines hinzu, was von den Hörern mit Recht abgelehnt wird. Von hier aus gesehen bekommt auch die bislang ganz unsicher und systemlos betriebene Ausbildung ihr Erziehungsziel: soziale Seelsorge und ihre Methoden. Ich glaube, daß nur sozial arbeitende Rabbiner diese Ausbildung werden leiten können. Bis dahin wird man Sozialbeamte damit beauftragen und die praktische Arbeit des sozialen Ausschusses wird nunmehr anders aussehen. Es wird jetzt nicht mehr neben den anderen Stellen gleiche Arbeit geleistet werden, sondern alle rabbinische Spezialarbeit wird unter dem für uns in besonderer Weise zu definierenden, aber doch dem Sinne nach deutlichen Begriff der Seelsorge stehen. DIE ZUKUNFT DES OSTEUROPÄISCHEN JUDENTUMS VON J. KORALN1K, BERLIN-GRUNEWALD Aus dem Gesamtkomplex der Fragen, die das ungeheuer verwickelte jüdische Problem in Ost-Europa heutzutage bilden, verdient die Frage nach dem wirtschaftlichen Spielraum der jüdischen Bevölkerung besonders herausgehoben und erörtert zu werden. Wie bedeutsam die Momente der beruflichen und sozialen Struktur der jüdischen Bevölkerung für den Prozeß, der sich heute in Ost-Europa abspielt, auch immer sein mögen, so reichen sie dennoch zur Erklärung des Umfanges der Katastrophe und zur Ermittlung von Wegen zur Lösung des Problems in keiner Weise aus. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Ost-Europas, die Besonderheiten der jüdischen Oekonomik in der wirtschaftlichen Konstellation der osteuropäischen Staaten bilden ein Thema, das in der jüdischen Oeffentlichkeit bereits vielfach diskutiert worden ist. Wir übergehen hier dieses Thema, obwohl die in der jüdischen Publizistik und in den spärlichen wirtschaftlichen Spezialarbeiten gegebenen Schilderungen der Verhältnisse und Vorschläge zur Lösung des Problems bedeutende und radikale Berichtigungen erfordern. Hier interessieren uns nicht so sehr die gegenwärtigen Zustände in Ost- Europa, nicht so sehr der heutige Status, wie vielmehr die Entwicklungstendenzen, die die wirtschaftliche Wirklichkeit von heute aufweist. Uns lockt es, den Versuch zu machen, einen Einblick zu gewinnen in die Sphäre der wirtschaftlichen Wechselwirkungen und Zusammenhänge, in deren Bereich das osteuropäische Judentum zu handeln und wandeln gezwungen ist. Wie schwer und gewagt auch dieser Versuch erscheinen mag, wie unsicher die Wege auch sein mögen, die in die Zukunft führen, so muß er doch gewagt werden. Sonst sind alle Erörterungen über das osteuropäische jüdische Problem nur ein Tasten im Dunkeln und alle Vorschläge zur Lösung des Problems nur Illusion und Selbsttäuschung. In den Vordergrund unserer Betrachtungen rückt naturgemäß das große Rätsel des Landes mit der größten jüdischen Einwohnerschaft, wo das jüdische Problem sich am schärfsten zugespitzt hat: Polen. 19