Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709108-2709121-2709123--571-2709766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aber welch ein Unterschied, zwischen der Wohlfahrtspflege der christlichen Gemeinden und der der jüdischen! Gohjmann deutet es im Beginn seines Aufsatzes an, ich möchte es noc h deutlicher sagen: die christl. Wohlfahrtspflege, in der sehr viele Theologen mitarbeiten, ist tatsachlich eine christlich-religiös fundierte und unterbaute. Ich brauche nur an die große Organisation der Caritasverbände zu erinnern. Wie wäre eine Gestalt vom Formate Sonnenscheins möglich, gäbe es nicht eine hauptamtliche Sozialaufgabe der christlichen Theologie und der Kirche! Bei uns ist das ganz und gar anders. Unsere Wohlfahrtspflege ist eine jüdische, von jüdischen Menschen geleitete, für Juden geschaffene. Aber sie ist keineswegs und nirgendwo jüdisch-religiös fundiert. Sie ist ganz und gar »weltlich«, wenn ich es einmal so nennen darf. Sie hat mit der jüdischen Religion kaum noch etwas zu tun. Man wird mit Goldmann sagen: Aber Wohltätigkeit — das ist doch einer der Grundpfeiler jüdischer Religiosität. Ach, es ist doch im Christentum nicht anders, und kein Mensch wird behaupten, Wohltun gehöre nicht auch zu den Grundüberzeugungen des Christentums. Und dennoch ist es da anders. Man wird sagen: weltlich gewiß — aber das ganze Judentum ist seinem Begriffe nach säkularisierte Religion. Gewiß, aber nicht die Rabbiner können das sagen. Innerhalb des verweltlichten Judentums vertreten sie den noch nicht säkularisierten Teil. Nein, in Wirklichkeit machen wir alle aus der Not eine Tugend. Die Wohlfahrtsorganisationen sind nun einmal da, und die Rabbiner sind nun auch schon da. Sozialarbeit ist heute schon rein zeitlich eine der wesentlichsten Zweige rabbinischer Arbeit. Irgendwie müssen sie doch zusammenkommen. Es entsteht so der Begriff der »Mitarbeit«. Aber es ist nur eine Mit arbeit. Eine beratende Arbeit. Geldbeschaffung. Stellenbeschaffung. Ausnutzung der Beziehungen. Das ist alles sehr wichtig. Aber es ist doch — um alles in der Welt! — keine spezifisch rabbinische Aufgabe, und ein opferfreudiger Bankier wird in einer solchen Kommission gewöhnlich wesentlicher sein. Notwendig muß die rabbinische Wohlfahrtarbeit dilettantisch sein und bleiben, solange nicht eine ganz klare Einsicht besteht in die Frage: »Was sind denn nun eigentlich die spezifisch rabbinischen Aufgaben des Rabbiners in der Sozialarbeit? Ich bezweifle nicht, daß manche Rabbiner außerordentlich viel leisten. Keineswegs. Aber sie leisten es doch nicht als Rabbiner, sondern genau so wie irgendein anderer hilfsbereiter Mensch! Dazu braucht man im Grunde keine Rabbiner. Die ganze Unklarheit, die hier herrscht und die bereits bei der begrifflichen, a priorischen Unklarheit beginnt, zeigt sich in jenen beiden Einrichtungen, die die Rabbiner selbständig gemacht haben: im sozialen Ausschuß und in der sozia len Ausbildung! Man verarge es mir nicht: aber wer die Arbeit des sozialen Ausschusses kennt, weiß, daß es innerhalb unseres großen Dilettantismus weit und breit kaum etwas Spielerischeres, Dilettantischeres gibt als diesen sozialen Ausschuß. Das ist die Zentrale für die So- 16