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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 11

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Brautausstattung aufgezeigt. Die Vertreter der überlieferten Anschauung wollen jedes jüdische Mädchen der religiösen Vorschrift gemäß verheiraten, die neueren Anschauungen prüfen aber, ob die zu schließende Ehe im Hinblick auf den Gesundheitszustand der Brautleute und die Erwerbsmöglichkeiten Aussichten auf Bestand und Lebensbefriedigung bietet. Oft genug habe ich es in den Verhandlungen des Fürsorgeausschusses und auch der Vereine erlebt, wie hier die Gegensätze sich schroff gegenüberstanden, wie die einen Zuschüsse für Eheschließungen erbaten, von denen es klar war, daß sie nicht zum Segen ausschlagen konnten, so daß sie von den anderen energisch bekämpft wurden. Wie oft muß man sich mit jenen auseinandersetzen, die für das Gebot von Hachnossas Kallo überhaupt keinen Sinn haben und meinen, daß es überhaupt nicht nötig sei, das Heiraten durch Bereitstellung von Mitteln zu unterstützen. Gerade den Rabbinern kann es hier gelingen, — und es glückt ihnen auch tagtäglich — die der jüdischen Sitte Entfremdeten davon zu überzeugen, daß man für Brautausstattung und Heiratsbeihilfe Geld zur Verfügung stellen muß, und die Freunde der Ueberlieferung dazu zu bringen, daß sie nicht jede Eheschließung gutheißen, sondern daß sie kritisch auch die Zukunftsaussichten prüfen. Der ausgleichende Geist der Tätigkeit des Rabbiners ist auf allen Gebieten der Fürsorge von unendlichem Segen, auch auf dem der Wanderfürsorge, wo man die Zedoko am meisten fürchtet! Scheint sie ja dort als Sondereinrichtung geradezu geschaffen zu sein, um das blinde und wahllose, unverständige Geben zu überwinden, das den Hang zum Wandern und zum Schnorren angeblich züchtet. Aber auch hier ist die Mitarbeit des Rabbiners als Vertreter der Religion am rechten Platze. Leidet doch die Wanderfürsorge mit ihrer Neigung zum Reglementieren und zum Abschieben, mit ihrer Unkenntnis der ewig wechselnden Menschen, ihrer Schicksale, ihrer Seelen, mit ihrem kleinlichen und kleinlich machenden Mißtrauen, das in jedem Petenten zunächst den Betrüger erblickt, am allermeisten unter der Last der seelenlosen Bürokratie. Daß auf anderen Gebieten seine Mitarbeit noch weniger entbehrt werden kann, nämlich auf allen, die erzieherischen Blick voraussetzen, wie Berufswahl, Berufsberatung, Kinderfürsorge in jeglicher Form, bedarf keines besonderen Hinweises. Selbstverständlich wird er bei der Fülle der Gebiete und der Aufgaben nicht überall mit verwalten und die Kleinarbeit des Tages mit verrichten können. Aber den Geist der Sozialarbeit muß er beeinflussen, jede Politisierung, jeden parteimäßigen Einfluß vom Fürsorgeamt fernhalten und immer die Fürsorge als das erhalten, was sie im letzten Grunde ist und bleiben muß, als einen Teil der religiösen Arbeit! Daneben gibt es auch einzelne Gebiete, auf denen der Rabbiner die gesamte Arbeit mit allen ihren kleinen Anforderungen leisten soll. Dazu gehört vor allem alles Vertrauliche. Bei dem heutigen Umfange der sozialen Tätigkeit läßt sich die Fürsorge leider nicht in dem Maße vertraulich gestalten, wie es der Fall sein sollte. 11

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