Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die notwendige Mitarbeit des Rabbiners in allen sozialen Bestrebungen hat darum zunächst einmal auch einen formellen Charakter. Sie bedeutet, daß Sozialarbeit nach jüdischer Auffassung eine der wichtigsten Aufgaben der Religion überhaupt ist. Sie soll dem in bestimmten Kreisen geflissentlich genährten Vorurteil entgegenwirken, als ob die jüdische Religion eine »kapitalistische« Angelegenheit sei, ein Schutz für die Reichen, der für die Träger des Eigentums eintritt und die Armen mit billigem Tröste abspeist. Ebenso wichtig aber, wie daß der Rabbiner sich das Vertrauen aller Unterdrückten erwerbe, ist auch, daß er seine Autorität zugunsten der modernen Sozialfürsorge mit allen ihren Methoden und Zielen in jenen Kreisen einsetzt, die noch auf die alte Zedoko schwören, die aber meist auch sich vom Rabbiner belehren und leiten lassen. Man darf den Wert solcher Taktik nicht unterschätzen. Die bereits berührte Entwicklung der katholischen Sozialfürsorge beweist, daß das Beispiel des Seelsorgers Wunder wirken kann, sowohl im Hinblick auf die Erhaltung des religiösen Charakters der Kreise, die der Sozialfürsorge bedürfen, wie auch auf die innerliche Umstellung der Freunde alter Zeiten und veralteter Methoden. Auch sachlich wird des Rabbiners Arbeit vor allem dem Ausgleich im Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen gelten. Er wird unermüdlich auf die Erhaltung der alten Zedokogesinnung sein Mühen wenden und wird den modernen Ideen, den Erziehungstendemzen vor allem, ihr Recht im jüdischen Anschauungskreise zu schaffen haben. Beiden sind Vorteile eigen, die es zu verstärken gilt, und beide haben Nachteile, die zu mildern Aufgabe gerade des Rabbiners sein wird. Wirkt die jüdische Zedoko darum oft in ihrem Extrem schädlich, weil sie seelisch weniger an den Beschenkten als an die Pflicht des Gebers denkt und darum blind die Gaben verteilt, ohne Rücksicht auf Nutzen und Schaden, so neigt die systematisierte Sozialfürsorge stets zum Unpersönlichen und Mechanischen, das schließlich zur kalten Bürokratie führt. Damit ergibt sich für den Rabbiner durch seine Stellung, die ihn zwar über die Parteien erhebt, die ihn aber auch mitten in das Leben, in die Massen mit ihren religiösen Bedürfnissen und sozialen Sorgen stellt, eine ihm eigene Aufgabe. Positiv muß er die Zedokogesinnung unter Erhaltung ihrer jüdischen Eigentümlichkeit im Sinne der sozialen Fürsorge beeinflussen, und negativ muß er in der Sozialarbeit alles Schematisieren und Bürokratisieren, alles Unpersönliche und Kalte, fernzuhalten oder zu überwinden helfen. Und darum, weil gerade er für diese ausgleichende Tätigkeit kraft seiner Ausbildung, die ihn mit altem jüdischen Geiste ebenso erfüllen soll wie mit modernem Empfinden, der rechte Mann ist, muß der Rabbiner mitten in der Sozialfürsorge stehen und arbeiten, muß er Mitglied jeder für ihre Teilaufgaben eingesetzten Kommission sein, muß er zu der Verwaltung aller ihrer Institutionen in einem Verhältnis stehen, das ihm einen Einfluß gewährt. Wie schwer dieser Ausgleich zwischen altem und neuem oft sein kann, sei an dem Beispiel der »Hachnossas Ka 11 o«, der 10