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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-07-01 · 1-2 (Juli 1929) · page 9

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
3 (1929)
Issue
1-2 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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die alte, jüdische, bewährte Zedoko sowohl in ihrem Umfange Und in ihrem Wesen wie in ihrer Form: Eine tiefere Betrachtung der Dinge zeitigt freilich ganz andere Ergebnisse. Zunächst schreitet die Proletarisierung insbesondere der Großstadt juden unaufhaltsam fort! Die Möglichkeiten des Selbständigwerdens schwinden immer mehr; aus der großen Masse der jüdischen Jugend wird ein Heer von meist kaufmännischen, aber auch industriellen Arbeitnehmern, die mit Arbeitslosigkeit, mit geringer Besoldung, mit der Sorge für das Alter und allen anderen sozialen Problemen sich herumzuschlagen haben, denen die Selbständigkeit und die materielle Sicherheit, wie sie ihren Vätern noch beschieden war, nicht mehr winkt. Auf der anderen Seite ist aber der Sinn für die alte Form der sozial eingestellten Wohltätigkeit, wenn wir die Zedoko so nennen dürfen, in weiten Kreisen ganz geschwunden. Sie wird nicht mehr als Leistung betrachtet, zu der ein jeder verpflichtet ist, sondern als eine Gabe, die man aus dem Ueberfluß freiwillig darreicht, und die den Beschenkten zu Dank verpflichtet. Von dem Recht e der Bedürftigen auf Hilfe ist schon überhaupt keine Rede! Aus dem Zusammenwirken dieser beiden Tatsachen, der bedrohlichen Proletarisierung mit ihrer Mehrung der Aufgaben und dem Rückgang des Willens und der Kraft zur materiellen Leistung ergibt sich die Schwierigkeit unserer Tage, die noch dadurch stark, vermehrt wird, daß die alte Zedoko die persönliche, erzieherische soziale Tätigkeit nur in ganz geringem Ausmaße kannte, während die Arbeit von heute schon aus Gründen der rationellen Verwendung der Mittel und der Sorge für die Zukunft ihrer nicht entraten kann. Daraus ergibt sich nun, warum der Rabbiner der sozialen Arbeit sein ganzes Augenmerk zuwenden muß. Zwei Anschauungen stoßen zusammen. Die alte Zedoko ringt eben mit dem modernen sozialen Sinne! Und wenn sie auch in Wahrheit in ihrem ursprünglichen Werden und Wollen gar nicht so weit auseinandergehen, stellt sie die moderne Zeit in einen Gegensatz, der ihren Formen fraglos eigen ist. Gefährlich ist nun diese Neigung, die diesen Gegensatz zu einem solchen zwischen Religion und modernem Empfinden überhaupt vertiefen will. So schwer es ist, in die russischen Verhältnisse einen klaren Blick zu tun, so sicher ist doch, daß die Feindschaft der jüdischen Sozialisten und Kommunisten aller Schattierungen gegen den jüdischen Glauben nicht so unendlich tief wäre, wenn die Religion und ihre Vertreter, die Rabbiner, es verstanden hätten, zur rechten Zeit auf die Mitarbeit bei der Lösung der sozialen Probleme Wert zu legen und tätig einzugreifen. Für die Richtigkeit dieser Auffassung gibt es noch andere Beispiele. So ist die auffallende Stärke der Austrittsbewegung in Wien, wo bekanntlich gerade die ärmeren Schichten der Bevölkerung dem Judentum den Rücken kehren, bestimmt darauf mit zurückzuführen, daß die Rabbiner den rechten Weg zu tätiger sozialer Arbeit innerhalb des jüdischen Proletariats trotz ihres besten Willens nicht haben finden können. 9

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