Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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RABBINER UND SOZIALE ARBEIT VON RABBINER DR. FELIX GOLDMANN, LEIPZIG, UND RABBINER DR. JOACHIM PRINZ, BERLIN Daß die Frage des Rabbiners in seinem Verhältnis zur sozialen Arbeit immer wieder neu gestellt wird, überftiaupt gestellt werden kann, erweist, daß hier ein sehr ernstes Problem des Raibbinertums und damit des deutschen Judentums überhaupt vorliegt. Es will uns scheinen, daß diese Frage nur ein Teil — wenn auch der brennendste — jenes Gesamtproblems nach der Stellung und Bedeutung des Rabbiners im gegenwärtigen Judentum überhaupt ist. Ohne der kommenden Diskussion vorgreifen zu wollen, glauiben wir, der Meinung Ausdruck geben zu müssen, daß beide Artikel in mannigfacher Hinsicht Fragen offen lassen, deren Beantwortung dringend von nöten wäre. Daß die Redaktion im einzelnen die Ideen der Herren Verfasser nicht immer teilt, braucht wohl keiner besonderen Erwähnung. Die Redaktion. I. RABBINER DR. FELIX GOLDMANN, LEIPZIG Die Ausdehnung und die innere Stärke der katholischen Arbeiterbewegung beruhen zu einem großen Teile auf der Sozialarbeit der Geistlichen. Mit tiefem Verständnis hat der katholische Klerus auch hier die Zeichen der Zeit erfaßt, und teils gewiß auch aus dem äußeren Grunde, um die Führung der Massen in der Industrie nicht aus der Hand zu verlieren, mehr aber noch aus der Erkenntnis, daß wahre Religion von der sozialen Tat nicht zu trennen ist, widmet sich der katholische Priester mit anerkennenswertem Eifer, oft mit höchster persönlicher Aufopferung dem großen Gebiete des Sozialen, und nicht nur in der sozialen Leistung, sondern ebenso auch in einer Stärkung der Kirche blüht der Erfolg. Auch von den evangelischen Geistlichen und der evangelischen Kirche ist unendlich viel getan worden, und der Erfolg wäre noch größer, wenn nicht in ihr im Gegensatz zu der neutralen, rein kirchlich-religiösen Haltung der großen Mehrheit des katholischen Klerus die soziale Arbeit sich mit politischen Tendenzen reaktionärer Art nur allzuoft verbunden hätte, so daß das arbeitende Volk mißtrauisch wurde und in der Sozialpolitik Führern folgte, die mit de* Religio^ nichts zu tun haben wollten, wenn sie ihr nicht gar feindlich gesinnt waren. Im Judentum liegen nun die Dinge ganz anders, so daß zunächst Vergleiche nicht angebracht zu sein scheinen. Die deutsche Judenheit ist beruflich nicht so gegliedert wie die umgebende nichtjüdische Bevölkerung. Die Zahl der Arbeiter und Handwerker ist verhältnismäßig ganz gering, die große Masse war bisher gewerbetreibender und kaufmännischer Mittelstand, der eine stete Neigung zum Selbständigwerden und zur wirtschaftlichen und sozialen Unabhängigkeit in sich trägt. Es scheint also zunächst, daß bei uns deutschen Juden einerseits wegen der relativen Wohlhabenheit die soziale Fürsorge weniger Gelegenheit zur Betätigung habe, und daß sie in ihrer modernen Ausgestaltung dem Wesen des Juden, der auch in der sozialen Tat den Individualismus liebt und das Schema verwirft, nicht entspreche. Für das wenige, das zu tun sei, genüge 8