Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 12 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Sichtspunkt die historische Entwicklung der Familien- und Anstaltserziehung in der Jugendfürsorge. Die Stellungnahme des Altertums wird gekennzeichnet durch den Mangel der Anerkennung des absoluten Eigenwertes des Einzelmenschen und damit auch des Kindes. (Aussetzung der schwachen Kinder.) »Nur dem Staat galt alles.« Ein besonderes Kapitel ist der Jugendwertung und Ju: gendhilfe heim israelitischen Volke gewidmet. Hier führt der Glaube an einen Gott und an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und die Kraft der im Uebernatürlichen verankerten Vorschriften zu einer individuellen Wertung des Kindes. Diese Ibedingt eine andere Stellung gegenüber dem hilfsbedürftigen Kind. Der Begriff des »Lebensunwerten« fällt; auch das gebrechliche, körperlich oder geistig nicht vollwertige Kind hat ein Lebensrecht, weil übernatürliche Maßstäbe gelten. Von einer organisierten Jugendfürsorge ist indes auch hier noch nicht die (Rede, weil die durch strenges Gesetz auferlegte Pflicht der Hilfe von Mensch zu Mensch die notwendige Fürsorge sicherte. Es gab keine öffentlichen Armen- und Waisenhäuser und Fremdenherhergen, weil jedes Haus dem Armen, der Waise und dem Fremden offenstehen sollte und offen stand. Erst unter der Lehre des göttlichen Kinderfreundes erwachte der wahre Geist und die Tat zur organisierten Kinder- und Jugendfürsorge. Das »Kinderschutzgesetz des Evangeliums« beginnt mit dem (Paragraph: »Lasset die Kindlein zu mir Skommen«, Jetzt erst ist im positiven göttlichen Recht der Anspruch des Kindes auf Erziehung verankert. Die gottge schaff ene Urstätte der Erziehung ist die Familie, sie ist für eine erfolgreiche Erziehung unentbehrlich. Alle Ersatzerziehung muß ihr nachgebildet werden. Der Hauptteil des Buches gibt einen ausführlichen und (klaren Ueherblick über die Entwicklung der Erziehung und Betreuung erziehungsgefährdeter Kinder und Jugendlicher in den beiden Formen der Familienunterbringung und der Anstaltserziehung im Laufe der Jahrhunderte seit dem Mittelalter. Besondere Beachtung wird dem Waisenhausstreit im 18. Jahrhundert beigelegt. Pestalozzis Bedeutung für den inneren Ausbau und die innere Vertiefung der Anstaltserziehung wird hervorgehoben. Die Ablehnung der Lehren August Hermann Frankes seitens des Verfassers, sein Kampf gegen die düstere Enge seiner kasernenhaften Anstalt verdienen besonders erwähnt zu werden. Die bedeutendste Wendung in der Anstaltsreform kommt für Beeking nicht von Franke, sonder von Wichern her (Pavillon- und Cottagesystem). Er hat als erster betont — ganz im Sinne der heutigen Caritaswissenschaft —daß Anstaltserziehung immer nur unvollkommener Ersatz für Familienerziehung sein kann, und daß daher die Anstalten bemüht sein müssen, das Familienleben nachzuahmen. Die praktisch wichtigste Wen-, dung in der Garitasarbeit ist durch die systematische Heranziehung der Kongregation gegeben, die allein dem Mangel an geeignetem Erziehungspersonal albhelfen konnte. Die Entwicklung jüdischer Anstaltserziehung bleibt in dem Buch unberücksichtigt. Hier soll nur angedeutet werden, daß sich die jüdische Anstaltserziehung in Deutschland nicht an Wichern'sche, sondern eng an Franke'sche Vorbilder anschloß. Dies ist natürlich ikein Zufall, sondern ist tiefer begründet in der Verwandtschaft puritanisch-pietistischer Erziehungslehren mit jüdischen. Die Betonung der Diesseitserziehung im Gegensatz zur katholischen Jenseitserziehung sei hierfür nur als ein Hauptsymptom erwähnt. Noch heute ist die Folge dieser Entwicklung im jüdischen Anstaltsleben deutlich spürbar. Praktisch wichtig für unsere jüdisch - sozialpädagogische Arbeit als Vorhild ist die Organisationsfähigkeit der Caritas, die sich auch auf dem Gebiet der sozialen Jugenderziehung hervorragend bewiesen hat. Der Verein »Verband der katholischen Waisen- und Fürsorgerziehungsanstalten Deutschlands« mit seinen eigenen Schulen und seinem weitgehenden Einfluß auf sämtliche Waisenhäuser der Caritas ist eine zentralwirkende Kraft, mit dem im jüdischen Anstaltsleben bisher noch nichts vergleichbar ist. Das Ziel des Verfassers wird in dem Buch erreicht. Vom Standpunkt katholischer Wissenschaftslehre aus wird das Problem der Anstalts- und Familienerziehung systematisch erörtert. Die Ausführungen sind so tief 262