Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 12 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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mit dem Verkaufspreis nicht mehr den Einkauf decken konnte. Es kam wiederholt zu schweren Bestrafungen, mindestens zu Verhaftungen. Die Händler wurden natürlich dadurch ängstlich und vorsichtig und büßten nach und nach ihr ganzes Vermögen ein. Ihnen war gerade damals das Leben besoders erschwert, denn durch die gesetzliche Vorschrift des sog. Kontrollbuches, das aus seuchenpolizeilichen Gründen angeordnet war, konnte beim Viehhändler auch jederzeit der Einkauf festgestellt werden. Die Art des Viehgeschäftes bringt es mit sich, daß der Händler bestrebt sein muß, möglichst kein Lager zu haben; denn die Unterhaltungskosten sind sehr groß, und der Händler muß deshalb tunlichst innerhalb der kürzesten Frist das von ihm erworbene Vieh wieder zu verkaufen suchen. Die Folge ist, daß der Viehhändler fast kein Lager hat, im Gegensatz zum sonstigen Warenkaufmann. Bei Beendigung der Inflation und dem Eintritt der festen Währung hatte das zur Folge, daß die Pferde- und Viehhändler so gut wie kein Vermögen mehr hatten. Die Sachwerte, die er über die Inflation hinausrettete, bestanden, abgesehen von einem etwraigen Anwesen, in den paar Pferden oder paar Stück Rindvieh, die er gerade noch im Stall hatte. Seine Außenstände waren verloren; im Gegenteil, vielfach war er den Banken beim Uebergang Geld schuldig, das infolge der hohen Verzinsung zu einer schweren Belastung wurde. Im übrigen gelang es auch späterhin dem einzelnen Händler nicht, etwa im Wege der Aufwertung einen wesentlichen Betrag herein zu bekommen. Die Folge all dieser Vorgänge war, daß der Pferde- und Viehhändler am Ende der Inflation sein ganzes Betriebsvermögen verloren hatte; wer ein Haus hatte, hatte es zwar meistens erhalten, darüber hinaus war er verarmt. Die Zeit der stabilen Währung brachte zunächst keine Besserung; die meisten mußten mit Bankkredit arbeiten, wenn sie überhaupt ihr Geschäft führen wollten, und sie mußten die hohen Zinsen aufbringen, die damals genommen wurden, außerdem die übermäßige Umsatzsteuer. Die heutige Lage der Pferde- und Viehhändler dürfte nunmehr folgende sein: 1. Im Pferdehandel sind zahlreiche Geschäfte völlig eingegangen. Die früheren Großabnehmer, Brauereien, Fabriken und sonstige Betriebe aller Art, sind fast alle dazu übergegangen, an Stelle des Pferdefuhrwerks Lastkraftwagen einzustellen. Das Geschäft hat sich dadurch wesentlich gemindert. Die Umsatzmöglichkeit in der Landwirtschaft wird andererseits nicht wesentlich herabgegangen sein. Allein dieses Geschäft erfordert erhebliches Betriebskapital. Der Pferdehändler muß meistens die Pferde auf den Märkten kaufen und bar bezahlen, während er beim Verkauf an die Landwirtschaft regelmäßig keine Barzahlung oder nur teilweise Barzahlung erhält. Deshalb hatte jeder Pferdehändler früher einen recht hohen Bestand von ausstehenden Kaufpreisen. Heute fehlt dem Pferdehändler das hierfür erforderliche Betriebskapital. Soweit Pferdehandlungen noch bestehen, neh- 239