Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 12 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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genossenschaften gegründet, die den Landwirt mit Waren aller Art versorgen sollten, vor allem mit denjenigen Artikeln, die er für seinen Beruf benötigt. Der Kreis der Geschäfte des Kaufmanns und seiner Abnehmer ist dadurch sehr wesentlich eingeschränkt. Darüber hinaus entstanden in vielen Teilen des Landes Lagerh ä u s e r, die den Zweck haben, auch beim Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte, vor allem des Getreides, den Händler auszuschalten. In den Gegenden, in denen Tabak gebaut wird, entstanden ferner vielfach örtliche Pflanzervereinigungen, die den Makler ausschalten. Auch Gewerbe schlössen und schließen sich fortgesetzt zum gemeinsamen Einkauf zusammen; in Betracht kommen hier vor allem die Einkaufsgenossenschaften der Bäcker, die ihr Mehl im großen beziehen, so daß der Kaufmann zum größten Teil ausgeschaltet ist. In den mehr industriellen Gegenden wird schließlich durch die Gründung und Ausdehnung von Arbeiterkonsumvereinen das Gebiet des Kaufmanns auf dem Lande weiterhin erschwert und erschüttert. Der Krieg brachte die Zwangswirtschaft für alle Produkte der Landwirtschaft; der Handel wurde dadurch lahmgelegt. Von besonderer Bedeutung war dies für den Viehhändler; bis tief in die Nachkriegszeit hinein war der An- und Verkauf des Viehes gesetzlich geregelt und staatlich bestellten Einkäufern übertragen; zu einem großen Teil waren das nicht Viehhändler, die dafür ausgewählt wurden: als dann die Zwangswirtschaft auf diesem Gebiet gelockert wurde, unterlag dieser Handel immer noch großen Beschränkungen. Die Inflation brachte dem Kaufmann auf dem Land schwerere Verluste als in den Städten. Ueber die Inflation konnte sich nur derjenige einigermaßen einen Teil seines Vermögens erhalten, der Sachwerte und vor allem ein Lager hatte. Das Lager bei dem ländlichen kleinen Kaufmann war und ist aber immer recht klein gewesen, so daß seine Verluste besonders groß waren. Ganz besonders schwer wurden davon die Pferde- und Viehhändler betroffen; bei ihnen wurde der ganze Stand in seiner Existenz erschüttert. Es war von jeher im Viehverkehr üblich, daß auf Kredit verkauft wurde; davon ging man auch in der Zeit der Inflation kaum ab, bis vielleicht auf die allerletzte Zeit; noch in den Jahren 1921 und 1922 und noch Anfang 1923 hat der Pferde- und Viehhändler den Kaufpreis für das von ihm an die Landwirtschaft verkaufte Vieh regelmäßig g e s t u n d e t, oft viele Monate hindurch; die Folge war, daß er naturgemäß in der Inflation verarmte. Dazu kam, daß fast auf keinem Gebiet dem Verkäufer das Leben so sauer gemacht wurde wie hier . Auf manchen großen Viehmärkten wurden fliegende Gerichte mit einem Staatsanwalt installiert, um angebliche Preissteigerungen sofort aburteilen zu können; man verlangte von dem Händler, dem man die Hauptschuld an dem anscheinenden Steigen der Fleischpreise zuschob, daß er das Vieh nur mit einem geringfügigen Aufschlag auf den Kaufpreis absetzte, auch wenn die Mark in der Zwischenzeit noch so sehr entwertet war und man wußte, daß er 238