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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-04-01 · 10 (April 1929) · page 23

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
10 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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7. Trotz dieser vielseitigen Aufgabein der ReiGasanstalt hat die neue Organisation — Selbstverwaltung durch drei Instanzen, Arbeitsämter, Landesarbeitsämter, Hauptstelle — wenn auch unter Schwierigkeiten, so doch programmäßig durchgeführt werden können. Sämtliche Landesarbeitsämter und Arbeitsämter wurden neu abgegrenzt, die Zahl der Landesarbeitsämter von 22 auf 13, die der Arbeitsämter von 885 auf 363 herabgesetzt. Dadurch hat die Reichsanstalt ihren Personalbestand erheblich verringern können. Sie arbeitet heute mit ca. 13.100 Kräften. 8. Die Finanzen der Reichsanstalt haben sich je nach den Monaten verschieden gestaltet. Sechs Monate im Vorjahr brachten Ueberschüsse ein, sechs erforderten Zuschüsse. Der Saldo verblieb im Kalenderjahr 1928 mit einem Defizit von 89,6 Millionen, um das sich der Vermögensbestand der Reichsanstalt schmälert. Sie schloß mit einem Geldbestand von 50,1 Millionen Mark. Diesen* zentralen Verrechnung liegt nicht nur ein zwischenzeitlicher Gefahrenausgleich, sondern auch eine räumliche Gefahrengemeinschaft zu Grunde. Hiermit berühren wir den Grundgedanken der neuen Organisation: zentrale Gefahrengemeinschaft, zentrale Organisation überhaupt. Sie ist bei ihrer Einführung lebhaft umstritten worden; den Beweis ihrer Rechtfertigung hat jedoch die Reichsanstalt noch nicht erbracht. Zwar läßt der Bericht eine Reihe von Vorteilen erkennen: den Ueberblick über den Arbeitsmarkt, Einheitlichkeit der Richtlinien für die Airbeitsvermittlunig und die Berufsberatung, Durchführung der Arbeitslosenversicherung u. a. m. Dagegen ist eine weiterreichende, vorausschauende Organisation des Airbeitsmarktes noch kaum angebahnt. Der interlokale Austausch der Arbeitskräfte ist mit der geringfügigen Ausnahme der Landarbeitervermittlung noch kaum planmäßig betrieben worden; die Gefahrenioremeinschaft besteht, wie oben erwähnt, bislang nur finanziell. Das gleiche gilt innerhalb der Berufe. Daß Berufsberatung und Berufsumschulung die notwendige Förderung noch nicht erfahren haben, ist sehr bedauerlich. Große Lücken zeigt auch die Erfassung der Arbeitslosen. Weite Kreise der Arbeitslosen, die Wohlfahrtserwerbslosen (Ausgesteuerten und Personen ohne Anwartschaft), die von den Kommunen unterstützt werden, stehen außerhalb des Rahmens der Reichsanstalt. Der vorliegende Bericht, der nacli den einführenden Worten auch ein Programm für die Zukunft sein will* hat diese wichtigen Fraigen, die für die Entwicklung ausschlaggebend sein dürften, allzusehr vernachlässigt. Die Reichsanstalt wird ihnen im laufenden Jahr besondere Beachtung schenken müssen. Dr. G. Weltverband jüdischer Handwerker Der Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands (Vorsitzender Wilhelm Markus) prapalgiert die Idee der Schaffung eines Weltverbandes jüdischer Handwerker. Die Ziele dieses Verbandes werden aus folgendem* höchst interessanten und beachtenswerten Aufrufe ersichtlich: „Die wirtschaftliche Lage der Juden ist im letzten Jahrzehnt in alle» Ländern einer starken Wandlung der beruflichen Struktur unterworfen. Die Juden werden durch die wirtschaftliche Entwicklung, durch die- Entstehung von Genossenschaften und Konsumvereinen, durch das Anwachsen der wirtschaftlichen Bedeutung* der ..öffentlichen Hand" in fast allen Ländern in immer stärkerem Umfange aus den Wirts oh aftspositionen,, die sie früher im Bankwesen, im Handel und Verkehr hatten, verdrängt. Breite Schichten des jüdischen Mittelstandes kämpfen schwer um ihre Existenz und sind in Gefahr, in immer stärkerem Umfange der Proletarisierung zu verfallen. So bedauerlich auch diese Erscheinungen sind, so ist doch nicht zu verkennen, daß sie in sich Keime« wirtschaftlicher Gesundung trafen. Im Bewußtsein der aus der Wirtschaft verdrängten und deklassierte» Juden wächst immer stärker die Erkenntnis, daß eine Rettung vom wirtschaftlichen Untergang nur auf dem Wege zu produktiver Arbeit möglich ist. Die landwirtschaftliche» Kolonisationsversuche in Rußland, die groß angelegte Arbeit der Gesellschaft „ORT" in Polen und Rumänien sind wichtige Symptome dieser Erkenntnis. Stärker und bedeutsamer als der Uebergang der Juden zur Landwirtschaft ist namentlich in Mittel- und Westeuropa die Tatsache, daß die jüdische Jugend in immer 207

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