Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- IRI
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wieder vor dem Nichts stehen, so daß sie jetzt nach anderen Län* dem geschafft werden müssen. Auch jetzt noch gibt es in Konstantinopel etwa 2500 „Russen", unter ihnen etwa 800 Juden, denen zur Wahl gestellt wird: entweder türkische Staatsbürgerschaft oder Emigration. Bei der Einreichung der Einbürgerungsanträge wird dann aber durch Schikanen aller Art die Einbürgerung unmöglich gemacht, die Vertreibung der Emigranten angedroht* und es herrscht jetzt wieder ein völlig ungewisser Zustand. Die Reste des Flüohtlingsproblems sind damit lalso auch heute noch nicht völlig gelöst, in -den Häfen und in Rumänien, in Konstantinopel gibt es noch Menschen, die vor der Möglichkeit stehen, vertrieben zu werden, und vor der Notwendigkeit, ein Land, in dem sie 6 bis 10 Jahre gelebt haben, wieder zu verlassen und wieder von vorn anzufangen. Ich habe mich bemüht, Ihnen ganz kurz ein Bild zu geben von dem politischen und seelischen Druck, unter dem sich diese ganze Wanderung vollzogen hat. Ich möchte hier an das Wanderungsproblem in Deutschland anknüpfen. Wir sind zu oft geneigt, in dem Wanderer den schnorrenden, demoralisierten Menschen zu sehen. Ich habe sicherlich oft demoralisierte Menschen in meiner Arbeit getroffen. Aber was ich an menschlicher Stärke, moralischem Mut und jüdischen Werten gesehen habe unter den Wanderern, das hat mich immer mit großem Stolz für das jüdische Volk erfüllt, und es wäre ganz falsch, aus den Einzelfällen, die jeder in seiner Arbeit erfährt, die Stärke und den Wert dieser Menschen, die unter so schwierigen Verhältnissen einen Ausweg für ihr Leben gesucht haben, zu verkleinern. Wenn wir eine Wertung dieser Völkerwanderung der Nachkriegszeit versuchen wollen, so ist besonders der Einfluß eines großen Teils der Ostjudenheit auf das Westjudentum und das deutsche Judentum im besonderem festzustellen. Ich glaube, daß diese Flüchtlinge mit sich die Intensität des jüdischen Lebens und jüdischen Wissens gebracht haben. Wir müssen zwar trauern über die ungeheure Katastrophe, die über die Weltjudenheit hereingebrochen ist, aber trotzdem ist etwas schönes darin zu sehen, wenn das Westjudentum, das in Gefahr war, den Zusammenhang mit dem Weltjudentum zu verlieren, wieder in Kontakt mit diesem gebracht worden ist. Das Gesamtgefühl der Verantwortung ist wieder lebendig geworden. Wenn das amerikanische Judentum den Ostjuden mit großen Mitteln zu Hilfe gekommen ist, wenn andererseits das deutsche Judentum die Verpflichtung zur Hilfe sehr wohl fühlt und dem jüdischen Flüchtlingsproblem und Wiederaufbau seine Kräfte zur Verfügung stellt, so ist das sicherlich auch auf den Einfluß der Nöte dieses Problems der ostjüdischen Flüchtlinge zurückzuführen. Vieles von dem, was wir an Erneuerung des jüdischen Lebens und Intensivierimg erlebt haben, ist durch sie gestärkt worden. 204