Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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ihren gänzlich zerstörten Städten. Es gab einige Städte, die vollkommen vom Erdhoden verschwunden waren. Aber mit diesem Repatriantenstrom zusammen ging die Flucht aus Rußland, und swar namentlich die Flucht der jüdisch-russischen Intelligenz. Der Einfluß dieser Intelligenz auf das westeuropäische Judentum ist ein großer geworden. Es flüchteten auch die Massen der Groß- Bourgeoisie, zum Teil über Schweden und Konstantinopel. Sie finden heute diese Groß-Bourgeoisie Rußlands zum kleinen Teil in Berlin, zum anderen in Paris. Heute, nachdem sich die Verhältnisse konsolidiert haben, fällt es schwer, sich vorzustellen, unter welchen Leiden und Schwierigkeiten sich diese Repatriierung wie auch die Emigration und die Flucht aus Rußland vollzogen hat. Es gab damals so gut wie keinen Eisenbahnverkehr in Rußland, und verhältnismäßig kleine Strecken mußten in Fahrten von 4 bis 6 Wochen bewältigt werden. Zudem fand die Flucht größtenteils im Winter während furchtbarer Kälte und Epidemien statt. Die Wohnungsverhältnisse waren derartig, daß im Vergleich mit ihnen alles uns bekannte Wohnungselend gar nicht genannt werden kann. Ich traf beispielsweise in Barum auf dem Wege nach Konstantinopel einen Flüchtlingsstrom, der auf dem Weg über Konstantinopel einen Ausweg suchte. Es waren Juden aus Grusien und Bergjuden darunter. In der von Malaria durchseuchten Stadt gab es nicht die geringste Unterkunft, und so lagen diese Menschen nicht einmal in Zelten unter freiem Himmel in Fieber und Hunger. Dieser Weg, der einen Teil nach Palästina und einen Teil nach Westeuropa geführt hat, ist besät mit Toten. Viele aber von denen, die durchkamen, sind für ihr ganzes Leben körperlich und seelisch zerbrochen. Es hat auch Zeiten gegeben, wo solche Flüchtlinge wochenlang auf Schiffen gehalten werden mußten, weil die türkische Regierung die Landung in ihren Häfen nicht erlaubte. Dieses Massenproblem löste sich dann ganz allmählich dadurch, daß doch mehr als 300.000 Juden ihren Weg nach Uebersee fanden, und daß ganz 'allmählich eine Einordnung der Repatrianten in die halbzerstörten Gebiete Polens, Litauens usw. erfolgte. Aber auch heute ist die Lösung «des Problems noch nicht abgeschlossen. Im weiteren Sinne wird dieses Problem das Problem des jüdischen Wirtschaftsaufbaus für ein oder zwei Generationen darstellen. Aber auch heute noch gibt es einige hundert Emigranten, die seinerzeit durch die plötzliche Verkleinerung der Quoten für die Einwanderung nach Amerika gezwungen waren, in den Häfen zu warten, bis endlich an sie die Reihe kommen würde. Auf Grund des alten Visums, das sie 1923 erhalten haben, sind tatsächlich in den Jahren 1926 bis 1928 von einigen Tausend der größte Teil nach Amerika oder nach anderen Ländern ausgewandert. Für den Rest aber ist mit der Erleichterung der Einwanderung für Verwandte der in Amerika bereits Ansässigen das Schicksal eines Teils dieser Leute wiederum völlig ungewiß geworden. Auf die kleine Quote werden erst die Verwandten bevorzugt, so daß die anderen, die jahrelang gewartet haben, 203