Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DAS JÜDISCHE FLÜCHTLINGSPROBLEM NACH DEM WELTKRIEGE Von DR. WERNER SENATOR, Generalsekretär des American Joint Distribution Committee, Berlin Gestatten Sie mir zunächst, meinen Dank und die Befriedigung diafür auszusprechen, daß es mir möglich ist, im Rahmen einer Organisation, der ich im Beginn meiner Tätigkeit angehört habe, und im Kreise so vieler Freunde, denen ich seit Jahren verbunden bin, und mit denen ich meine ostjüdische Arbeit begonnen habe, zu sprechen. Das mir gestellte Thema „Das jüdische Flüchtlingsprohlem nach dem Weltkriege" ist zu umfangreich, als daß ich das ganze Problem heute erschöpfend behandeln könnte. Es handelt sich ja nicht lediglich um ein Flüchtlingsproblem, sondern auch um das der Repatrianten, und der Umfang dieses Problems ist ein ungeheuerer. Sie wissen alle von der großen jüdischen Wanderung der Achtziger jähre nach Amerika, doch diese hat sich im Laufe eines Menschenalters vollzogen. Die Wanderimg hingegen, die sich mit dem Wort „Flüchtlingswanderung" bezeichnen läßt, hat eine Million Menschen umfaßt, die im Laufe von nur sechs bis acht Jahren gewandert sind, und zwar teilweise hin und zurück. Dieses Flüchtlingsproblem begann kurz nach Kriegsausbruch mit der bekannten Masseneyakuation in Westpolen durch die Armeen des Zaren, der die jüdischen Massen in ihrer Gesamtheit als verdächtig evakuieren und nach dem Inneren Rußlands bringen ließ, wo einzelne Gouvernements Schwierigkeiten machten, sie aufzunehmen, da ja offiziell der „Ansiedlungsrayon" noch bestand. Das war die erste große Tatsache, die zu einer FlücMlingswanderung als Massenerscheinung führte. Als der Krieg mit Rußland beendet war, begann die Zeit der Pogrome. Ich möchte Sie auf das erschütternde Dokument dieser Zeit aufmerksam machen, das der Bericht des Schwarzbard-Komitees über die ukrainischen Pogrome gibt. Sie waren ein weiterer Grund für die Flüchtlingswanderung. Mit der Stabilisierung der Sowjet -Herr Schaft begann für die Juden eine neue Periode des Elends. Es setzte eine Massenflucht aus Sowjet-Rußland ein, das keine Existenzmöglichkeit mehr für große Teile der jüdischen Bevölkerung infolge ihrer ökonomischen Schichtung bieten konnte. Hinzu kamen die politischen Flüchtlinge, die in Scharen Rußland verließen. Und als viertes Moment müssen wir die allgemeine Wanderung ansehen. Vor dem Kriege sind jährlich über 100.000 Juden aus dem Gebiete des ehemaligen Rußlands ausgewandert. Diese Wanderung hat infolge des Krieges gestockt, und nach seiner Beendigimg suchten diese Massen, deren Verwandte zum Teil längst in Amerika weilten, den Weg über den Ozean. Ich darf nochmals die Momente der Wanderung zusammenfassen: 1. Evakuation und Repatriation, 2. Pogrome, 3. Flucht aus Sowjet-Rußland, 4. die allgemeine Wanderung. Sie hilden das 200